Deutschland muss aufholen

Eine Welt ohne Bargeld – ja oder nein?

Im Gespräch mit Alexander Emeshev, Mitgründer von Vivid Money, kristallisiert sich heraus, dass er sehr optimistisch ist, dass es eine Zukunft ohne Bargeld geben und Deutschland bald zu anderen Ländern aufschließen wird.

Alexander Emeshev von Vivid Money

„Die Vorteile von Mobile Payment sind bei allen Anbietern ähnlich“, meint Alexander Emeshev von Vivid Money.

MOB: Herr Emeshev, welchen Einfluss übt die derzeitige Corona-Krise auf den deutschen Mobile-Payment-Markt aus?
Alexander Emeshev:
Wie viele Bereichen des digitalen Sektors erfreut sich auch Mobile Payment derzeit einer gesteigerten Nachfrage. Die Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen, die wir während der Covid-19-Krise erleben, haben viele Geschäfte dazu veranlasst, verstärkt bargeldloses Bezahlen einzuführen. Dadurch haben kontaktloser Zahlungen, entweder durch NFC-Kartenzahlung oder durch Mobile Payment, einen Boom erlebt. Und natürlich ist Online-Shopping in dieser Zeit noch populärer geworden. Die Online-Shops bieten eine Vielzahl von Bezahlmöglichkeiten an, darunter auch Mobile-Payment-Lösungen.

MOB: Inwieweit sind die Unternehmen/Händler/Dienstleister hierzulande bereits aufs mobile Bezahlen per Smartphone oder Smartwatch eingestellt?
Emeshev:
Zunächst einmal gibt es viele verschiedene Arten des mobilen Bezahlens. Die häufigsten, die wir hierzulande kennen, sind Lösungen wie Apple Pay oder Google Pay. Sie verwenden im Grunde die gleiche Technologie wie herkömmliche Zahlungskarten mit integrierter NFC-Technologie. Der Vorteil dieser mobilen Bezahlmethoden ist also, dass diese Lösungen mit den meisten bestehenden Zahlungsterminals funktionieren. In Deutschland haben wir rund 870.000 Kartenterminals. Mehr als 800.000 von ihnen unterstützen bereits kontaktlose Zahlungsmethoden – und somit auch mobiles Bezahlen. Allerdings sind die Kartenterminals in Deutschland nicht flächendeckend verbreitet. Zwar arbeiten alle größeren Einzelhändler und Supermarktketten damit. Bäckereien, Obstläden, kleine Boutiquen und sogar viele Restaurants unterstützen oftmals aber keine bargeldlosen Zahlungen. Klar ist aber, dass der Bedarf auf Kundenseite da ist – und wegen der Covid-19-Pandemie sogar noch stärker als bisher. Generell kann man also sagen, dass bei steigenden Kartenzahlungen – und momentan steigen sie stärker als je zuvor – immer mehr Einzelhändler und Restaurants verschiedene Versionen mobiler Bezahlmethoden unterstützen werden.

Etwas anders sieht es noch im E-Commerce aus, wo mobile Bezahlmethoden eine Möglichkeit von vielen darstellt. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Bezahlplattform Stripe zeigt jedoch, dass mobile Bezahlverfahren vor allem in Deutschland kaum eingesetzt werden. Nicht einmal zwei Prozent der größten E-Commerce-Websites in Deutschland bieten Apple Pay an, Google Pay sogar nur ein Prozent. Hier besteht also noch großes Potenzial.

MOB: Was sind die häufigsten Bedenken, wenn es um die Einführung und Nutzung von Mobile-Payment-Lösungen geht?
Emeshev:
Die häufigsten Bedenken von Nutzern bestehen darin, dass sensible Daten mit Unternehmen wie Apple oder Google geteilt werden könnten, wenn Mobile Payment verwendet wird. Aber diese Methoden sind dank modernster Technologie eine der sichersten Zahlungsmethoden überhaupt. Bei der Verwendung einer Kredit- oder Debitkarte bei Mobile Payment werden die eigentlichen Kartennummern weder auf dem Gerät noch auf Servern gespeichert. Stattdessen wird ein verschlüsselter virtueller Token mit einer individuellen Nummer generiert. Somit haben weder Apple noch Google Zugriff auf die eigentlichen Kreditkartendaten der Kunden. Zudem müssen sich die Kunden per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung auf ihrem mobilen Gerät authentifizieren, um die Zahlung freizugeben.

MOB: Apple Pay vs. Google Pay: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile?
Emeshev:
Die Vorteile von Mobile Payment sind bei allen Anbietern ähnlich: die einfache Handhabung, die Schnelligkeit des Zahlungsvorgangs und vor allem die sichere Abwicklung.

MOB: Wie sollten sich die Banken hierzulande generell anno 2020 aufstellen, um für Firmen-, aber auch Privatkunden attraktiv zu bleiben?
Emeshev:
Um für die Kunden attraktiv zu bleiben, ist es wichtig zu wissen, was die Kunden im Jahr 2020 von ihrer Bank erwarten. Wir wissen, dass die Menschen mehr Flexibilität und eine Bank wollen, die ihre Bedürfnisse erfüllt, statt umgekehrt. Die Menschen wollen keine unnötigen Gebühren für Dienstleistungen zahlen, die kostenlos angeboten werden können. Deshalb belohnen wir unsere Kunden für Transaktionen, die sie tätigen, anstatt dafür Gebühren zu verlangen. Und wir sehen, dass Menschen in einer immer komplexeren Welt erwarten, dass auch ihr Banking intuitiv und unkompliziert ist und ihnen jederzeit und überall alle Dienstleistungen anbietet, die sie brauchen. Aus unserer Sicht umfassen diese Dienstleistungen dabei alles vom Ausgeben bis hin zum Sparen und Investieren.

MOB: Welche Rolle spielen hierbei digitale Lösungen wie etwa Smartphone-Banking, Video-Banking, etc.?
Emeshev:
Digitale Lösungen sind unerlässlich, wenn wir unseren Kunden attraktive Bankdienstleistungen anbieten wollen, denn sie entsprechen unserem dynamischen und flexiblen Lebensstil. In Zeiten, in denen wir in der Lage sind, unser Leben vollständig mithilfe unseres Mobiltelefons zu organisieren, muss das Bankgeschäft genauso einfach zu bedienen sein, wie etwa ein Ferienhaus über Airbnb zu buchen oder Einkäufe über unsere bevorzugte Shopping-App zu tätigen. Die Digitalisierung bietet unseren Kunden die Freiheit und den Komfort, die Kontrolle über ihr finanzielles Leben zu übernehmen und mit nur wenigen Klicks mehr aus ihrem Geld zu machen.

MOB: Digitale Banking-Lösungen rufen auch immer wieder Cyberkriminelle auf den Plan. Worauf sollten Anbieter/Nutzer demnach besonders achten?
Emeshev:
Generell arbeiten die meisten Anbieter von Banking-Apps mit den höchsten Sicherheitsstandards, wie z.B. Zwei-Faktor-Authentifizierung. Nutzer sollten u.a. immer darauf achten, dass ihre Software auf dem neuesten Stand ist, sichere Passwörter wählen, ihre Daten nicht an Dritte weitergeben und sich über verschlüsselte VPN-Netzwerke mit dem Internet verbinden, um einige wichtige Hinweise zu nennen.

MOB: Eine Welt ganz ohne Bargeld – ist das vorstellbar? Wenn ja, wann könnte es soweit sein?
Emeshev:
Momentan spielt die Barzahlung für viele Menschen, vor allem in Deutschland, noch eine wichtige Rolle. Aber wir sehen, dass weltweit bereits mehr als 750 Milliarden Transaktionen bargeldlos abgewickelt wurden und dass diese Zahl bis 2022 potenziell auf 1.000 Milliarden bargeldlose Transaktionen ansteigen wird. Wir sind sehr optimistisch, dass es eine Zukunft ohne Bargeld geben wird und dass Deutschland bald zu anderen Ländern aufschließen wird, für die bargeldloses Zahlen heute schon Standard ist.

Bildquelle: Vivid Money

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