Mobile Device Management

Erst Goldgräberstimmung, dann Marktbereinigung

Der Markt für Mobile Device Management (MDM) zieht viele Anbieter an – mehr als überleben können. Er wird in Zukunft auf wenige Hersteller und Cloud-Services schrumpfen.

Wann ist ein Markt undurchsichtig? Wenn es 100 verschiedene Antworten auf eine einzige Frage gibt, die „Wie integriere ich Mobilgeräte in die Unternehmens-IT?” lautet und die 100 Antworten die von den Beratern bei Mücke, Sturm & Company gezählten Lösungen für Mobile Device Management sind.

Es herrscht Goldgräberstimmung: MDM ist erst seit 2008 ein Thema und damit ist der Markt noch recht jung. Die Marktanteile scheinen noch nicht vergeben, die Chancen für Nachzügler gut. In den Monaten um die Cebit sind deshalb viele Anbieter neu auf den Markt gekommen, die entsprechenden Pressemeldungen folgten dicht an dicht.

Doch besonders kundenfreundlich ist das nicht. Wer in einem Unternehmen für die Auswahl einer MDM-Lösung verantwortlich ist, hat die Qual der Wahl. Es gibt verschiedene Strategien, in einer solchen Situation das Richtige zu tun. „Viele Firmen wählen einfach die Lösung des Technologieführers”, sagt Wolfgang Schwab, IT-Berater und MDM-Experte bei der Experton Group. „Damit sind sie auf der sicheren Seite.”

Trügerische Sicherheit

Eine weitere Möglichkeit ist SaaS (Software as a Service), eine schlüsselfertige Lösung nach dem Mietmodell, die vor allem für kleinere Unternehmen eine echte Alternative sein kann. Dabei kümmert sich der Provider um alles. Als Spezialist kann er idealerweise beide Dimensionen von Enterprise Mobility berücksichtigen: Sicherheit und Business-Apps.

Zum einen muss er dafür sorgen, das wichtige Daten den geschützten Bereich der Corporate IT nicht verlassen. Zum anderen geht es inzwischen in erster Linie um mobile Geschäftsprozesse. „Geräteorientiertes MDM stößt an seine Grenzen”, sagt Peter Meuser, unabhängiger Lösungsarchitekt für Enterprise Mobility. Unternehmen würden sich dadurch in trügerischer Sicherheit fühlen. Zum Beispiel bei iPhone und iPad. „Sie bleiben ohne zusätzliche Maßnahmen stets ihrem Grunddesign treu und damit fest unter Kontrolle des Anwenders”, betont Meuser. „Sicherheitsrichtlinien lassen sich kaum durchsetzen.”

Gefragt sei ein Mobile Application Management (MAM). Die führenden Anbieter Mobile Iron, Airwatch und Good verfolgen mit unterschiedlichen Konzepten einen solchen Ansatz, aber auch Citrix und Blackberry gehen in diese Richtung. Diese neuen Technologien dienen dem zentralen Ziel, Geschäftsdaten nicht unkontrolliert vom Gerät entweichen zu lassen.

Die technischen Ansätze dafür sind sehr unterschiedlich. So versucht zum Beispiel Blackberry, mit seiner Balance-Technologie Punkte in den Unternehmen zu machen und verlorenes Terrain aufzuholen (s. Kasten). Allerdings: Der Markt verkraftet nicht endlos viele Mitspieler, denn MDM ist ein reines Businessthema und die Zahl der infrage kommenden Unternehmen ist begrenzt.

Uneinholbarer Vorsprung

„Langfristig werden sich nur wenige MDM-Lösungen für den deutschen Massenmarkt herauskristallisieren”, meint Frank Rother, Projektmanager bei Mücke, Sturm & Company. Das Beratungsunternehmen hat in den letzten Monaten die auf dem Markt verfügbaren MDM-Produkte katalogisiert und Lösungen mit Marktbedeutung intensiv getestet.

Rother geht davon aus, das in diesem Jahr noch weitere Produkte auf den Markt kommen werden. „Doch in 12 bis 18 Monaten wird eine Konsolidierung einsetzen.“ Sprich: Die reinen Nachahmerprodukte verschwinden reihenweise vom Markt. Übrig blieben dann kaum mehr als ein halbes Dutzend Lösungen, zu denen vermutlich die aktuellen Marktführer gehören.

Diese Prognose ist anhand der Marktdaten und der Featuresets leicht zu treffen. Viele neuere Studien kommen zu ähnlichen Schlüssen. Die Experton Group kürt Mobile Iron zum Marktführer und spricht dem Unternehmen einen großen Abstand vor seinen Verfolgern zu. Mücke, Sturm & Company sieht eher Airwatch leicht vorne.

Für Frank Melber, Head of Data & Endpoint Security beim Tüv Rheinland ist der Vorsprung dieser Unternehmen schwierig einzuholen. „Der größte Teil der Systeme ist auf einem Stand, den die Marktführer bereits vor ein bis zwei Jahren hatten. Die Leader aus dem Magic Quadrant von Gartner und der anderen Analysten sind deutlich weiter als der Rest des Marktes.“

Nach seiner Einschätzung wachsen die Anforderungen der Unternehmen ständig. „Funktionen wie Mail oder Terminkalender sind Standard, die Vorreiter kümmern sich um die Verbindung von Apps mit internen Backends. „Die Entwicklung der nächsten beiden Jahre sei relativ klar erkennbar: Es gehe in Richtung Applikations-, Identity- und Access-Management. „Diesen Vorsprung müssen die Konkurrenten einholen.“

Deshalb bringe es auch nicht viel, wenn IT-Unternehmen einfach einen Marktführer aufkaufen. „Bei einer Akquisition folgt aller Erfahrung nach erst einmal ein Innovationsstopp für 6 bis 12 Monate”, meint Melber. So lange dauere es, bis zwei Unternehmenskulturen und Produktpaletten angepasst und integriert seien. Inzwischen sind die Wettbewerber dann bereits einige Softwaregenerationen weiter.

Teure Fehlentscheidungen

Deshalb bringe es auch nicht viel, wenn Unternehmen einfach einen Marktführer aufkauften, um auf diese Weise in den Markt einzusteigen. „Bei einer Akquisition folgt aller Erfahrung nach erst einmal ein Innovationsstopp von 12 bis 18 Monaten”, meint Melber. So lange dauere es, bis zwei Unternehmenskulturen und Produktpaletten angepasst seien. Inzwischen sind die Wettbewerber dann schon einige Software-generationen weiter.

Auch MDM-Praktiker wie Commercial Manager Georg Fuchs von der Telekom sehen die Marktbereinigung kommen. Sie werde ausgelöst durch die Entscheidungen der Kunden, die neben Eignung auch immer auf Investitionssicherheit achten müssten. „Bei der Auswahl einer MDM-Lösung geht es wegen der raschen Marktentwicklung immer um die Frage: Gibt es diesen Anbieter noch in drei bis fünf Jahren?”, meint der Produktmanager, der die MDM-Lösungen der Telekom betreut.

Fehlentscheidungen werden sehr teuer. Es gebe nicht genug große Unternehmen, die als Kunden für die stets umfassender werden Lösungen infrage kommen. Vermutlich werden einzelne Produkte als Zuschussgeschäft und Teil einer integrierten Gesamtlösung überleben. Hier sehen einige Experten vor allem Cloud-Services für kleinere und mittlere Unternehmen als mögliche Gewinner.

Doch auch größere Unternehmen müssen nicht unbedingt selbst MDM-Lösungen ausrollen, sondern können dies einem IT-Dienstleister überlassen. Solche Spezialisten haben die Nase vorn, wenn es um eine Rundum-Sorglos-Lösung geht. „Wir bieten einen Servicedesk, einen Reparaturdienst und die schnelle Lieferung von Ersatzgeräten”, erläutert Rudolf Kühn, Geschäftsführer der Unisys Outsourcing Services GmbH, die speziellen Apple-Enterprise-Services des Dienstleisters.

Unisys ist dabei nicht auf eine Lösung festgelegt. Der Outsourcing-Spezialist nutzt die Marktführer, hat aber auch kein Problem, auf Kundenwunsch jede andere Lösung auszurollen. Wie bei den SaaS-Anbietern mit ihren Cloud-Lösungen bietet der Hoster eher einen Service als eine Technologie an.

Großer Nachholbedarf

Dies ist ein deutlicher Fingerzeig: Enterprise Mobility wird für viele, vor allem für international agierende Unternehmen, zum Alltag. Dabei verschwindet langsam die technische Besonderheit des Mobile Device Management. Die Integration von Mobilgeräten in die IT wird einfacher und der Blick wechselt von der Technik zur Anwendung.

Insgesamt ist eine Entwicklung in Richtung „Mobile First“ sichtbar, wie Mobile Iron-Deutschlandchef Christof Baumgärtner im Interview erläutert. Doch an diesem Punkt gibt es vor allen Dingen in Deutschland großen Nachholbedarf. Nach Einschätzung des Telekom-Experten Georg Fuchs ist Enterprise Mobility bei vielen Unternehmen noch gar nicht richtig angekommen. „Viele Unternehmen nutzen zwar Basisfunktionen wie Remote Wipe oder Pushmail, haben aber keine Ahnung, welche weiteren Möglichkeiten es inzwischen gibt.” Er mahnt auch bei kleineren Unternehmen eine Beschäftigung mit dem Thema an. „Die meisten kommen erst auf das Thema, wenn die Mitarbeiter privat Geräte mit iOS oder Android für berufliche Zwecke einsetzen.”

Nach diesem Erstkontakt kann es direkt mit „Bring Your Own Device“ und einem der neuen SaaS-Anbieter losgehen. Die aktuelle Entwicklung im MDM-Markt gibt auch kleinen Mittelständlern und sogar Handwerksunternehmen eine Chance, ihre Version von „Mobile First“ umzusetzen. Sie müssen sie nur ergreifen.

Bildquelle: iStockphoto.com/DOUGBERRY

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