Aviad Almagors Schwerpunkte sind disruptive Technologien, Innovationsstrategien und Innovationsprozesse.
MOB: Herr Almagor, inwieweit sind Robotisierung bzw. Automatisierung bereits im hiesigen Baugewerbe angekommen?
Almagor: Der Einsatz von Robotern auf Baustellen steckt noch in den Kinderschuhen. Angefangen mit der Automatisierung spezieller Aufgaben durch Werkzeuge wie „Robotic Total Stations“ sind Roboter bereits seit 1990 auf Baustellen präsent. Derzeit sind insbesondere Monitoring-Tools und Reality-Capture-Lösungen am weitesten verbreitet. Weitere aufgabenspezifische Roboter wie Verputz-, Bohr- und Verlegeroboter kommen zunehmend auf den Markt. Die Unterstützung dynamischer und komplexerer Szenarien und vernetzte Robotersysteme sind jedoch noch nicht vollständig entwickelt. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen aber, dass die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts und seine breite Akzeptanz rasch zunehmen. Einige Branchen führen die Robotik schneller ein als andere, und es ist zu erwarten, dass die Bauindustrie folgen wird, da die Vorteile die potenziellen Risiken deutlich überwiegen.
MOB: Was sind dabei häufige Stolpersteine?
Almagor: In erster Linie ist eine Anpassung der Qualifikationen der Mitarbeiter erforderlich, was Zeit und Mühe kostet. Eine Baustelle ist eine äußerst komplexe und sich ständig verändernde Umgebung. Um den Einsatz zu skalieren und zu beschleunigen, sollten Roboter über situative Intelligenz verfügen – die Fähigkeit, Veränderungen in der Umgebung selbstständig zu erkennen, zu verstehen und darauf zu reagieren. Wir gehen davon aus, dass selbst bei fortgeschrittener situativer Intelligenz in Grenzfällen immer noch „gesunder Menschenverstand“ und menschliches Eingreifen erforderlich sein werden. Ich bin allerdings überzeugt, dass sich die Akzeptanz mit dem erforderlichen Umdenken und den technologischen Verbesserungen, die zur Überwindung der Barrieren beitragen werden, allmählich einstellen wird.
MOB: Welchen Einfluss hat eine verstärkte Automatisierung auf die wirtschaftliche Situation der Baubranche?
Almagor: In Zukunft wird sich der Schwerpunkt von Baustellen auf Montagestellen verlagern, und parallel zu diesem Wandel erwarten wir Umschulungsprogramme für Arbeitnehmer und eine Weiterbildung der Mitarbeiter. Das Ergebnis wird mehr Sicherheit, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Nachhaltigkeit sein. Für die gesamte Bauindustrie wird dies dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu lindern. Darüber hinaus werden die Veränderungen zu erheblichen Kosteneinsparungen, einem hohen Optimierungsgrad und einer Qualitätssteigerung führen.
MOB: Welche Skills bzw. Qualifikationen müssen zukünftige Arbeitnehmer auf dem Bau mitbringen?
Almagor: Menschliche Talente werden immer gebraucht werden, aber es wird spürbare Veränderungen geben. Künftige Mitarbeiter in der Baubranche werden ein hohes Maß an technischen Fähigkeiten benötigen, einschließlich der Beherrschung digitaler Werkzeuge und Technologien wie BIM-Software (Building Information Modeling), 3D-Druck und Drohnentechnologie. Die Arbeitnehmer müssen zukünftig auch die Fähigkeit besitzen, Robotersysteme zu bedienen. Angesichts des dynamischen Charakters der Technologie müssen die Arbeitnehmer zudem in der Lage sein, sich schnell an Veränderungen anzupassen.
Dies ist ein Artikel aus unserer Online-Ausgabe 01-02/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo der Print-Ausgabe.
MOB: Mit welchen Herausforderungen sind entsprechende Upskilling-Maßnahmen bzw. Weiterbildungen verbunden?
Almagor: Es gab schon immer Widerstand und Bedenken gegenüber der Technologie. Daher ist es oft eine Herausforderung, Veränderungen einzuleiten. Letztendlich konnte ich aber immer feststellen, dass die Umschulung erfolgreich war, weil sie einen klaren Nutzen für das Unternehmen und die Mitarbeiter hatte. Was die Qualifikationen betrifft, so wird angesichts des raschen technologischen Wandels wahrscheinlich mehr Wert auf kontinuierliche technische Aus- und Weiterbildungsprogramme gelegt werden. Für die Angestellten wird es daher entscheidend sein, mit den neuesten Entwicklungen in der Branche Schritt zu halten, um auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Integration von automatisierten Prozessen und Robotik in die Bauindustrie kann jene langfristig verändern. Automatisierung und Robotik haben das Potenzial, Effizienz, Produktivität, Sicherheit und Nachhaltigkeit erheblich zu steigern. Die Technologie kann auch dazu beitragen, den Arbeitskräftemangel zu beheben, während gleichzeitig die Kosten gesenkt und Fehler minimiert werden. In dem Maße, wie die Branche diese Technologien annimmt, wird sie sich zu einer effizienteren Branche entwickeln, die in der Lage sein wird, den wachsenden Infrastrukturbedarf der Bevölkerung zu decken.
Bildquelle: Trimble