Risikokapital vom Staat

Euromilliarden für Hightech-Startups [Update]

Nach dem Wirtschaftsminister und dem Finanzminister spendet auch die Bildungsministerin - in Summe mehr als zehn Milliarden Euro. Aber was ist mit der Bürokratie?

"I need a Dollar" - Startups brauchen Risikokapital

[Update 1.August]

Noch mehr Geld vom Staat: Das Bundesbildungsministerium hat zusammen mit der Open Knowledge Foundation den Prototype Fund gegründet und gibt in den nächsten drei Jahren dafür 1,2 Millionen Euro aus. Der Fund soll die Entwicklung von Open-Source-Werkzeugen fördern. Er richtet sich an Einzelentwickler und kleine Teams, Unternehmen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und sonstige Institutionen sind von der Förderung ausgenommen.

Der Fokus der geförderten Projekte soll auf neuen Technologien und deren Nutzen für die Gesellschaft liegen, vor allem in den Bereichen Civic Tech, Data Literacy, Datenschutz und bei der Vernetzung von Menschen. Pro Projekt werden maximal 30.000 Euro über einen Förderungszeitraum von einem halben Jahr ausgezahlt. Dabei muss der Empfänger der Förderung mindestens 40 Prozent beitragen, auch in Form von Arbeitszeit.

[Der Origjnalartikel:]

Optimisten werden jetzt sicher denken: Endlich, der Bund tut etwas. Und tatsächlich überbieten sich die zuständigen Ministerien mit Risikokapital-Sonderprogrammen. Das Bundeswirtschaftsministerium und der Europäische Investitionsfonds geben eine zusätzliche Euromilliarde Risikokapital. Die Mittel fließen in zwei unterschiedliche Fonds, die damit zusammen mehr als drei Milliarden Euro ausgeben können:

Der ERP/EIF-Dachfonds ist 2004 gegründet worden und beteiligt sich an anderen Risikokapitalfonds, die in Deutschland aktiv sind. Die Mittel dafür kommen aus dem Europäischen Investitionsfonds (EIF) und dem ERP-Sondervermögen. Der European Angels Fonds unterstützt Business Angels mit der Co-Finanzierung von Investitionen. Seine Mittel stammen aus ERP/EIF-Geldern.

Interessant ist Herkunft der beiden Fonds. Das ERP-Sondervermögen ist ein vom Bund verwaltetes Sondervermögen aus dem European Recovery Program (ERP), das auf den Marshallplan zum Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft zurückgeht. Für die Zuteilung des Kapitals hat der Bund 1948 die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gegründet. Sie ist eine Förderbank zur Weiterleitung öffentlicher Mittel im Rahmen spezieller Kreditprogramme. Aufgrund ihrer Bilanzsumme von rund 500 Milliarden Euro ist sie zugleich die drittgrößte Bank in Deutschland.

Der Europäische Investitionsfonds (EIF) dagegen ist neueren Datums und wurde 1994 in Luxemburg gegründet. Er konzentriert sich auf Risikokapital und Kapitalgarantien für mittelständische Unternehmen. Er ist ein Finanzierungsinstrument, dessen wichtigster Anteilseigner die europäische Investitionsbank (EIB) ist. Sie vergibt unter anderem günstige Darlehen für die Finanzierung von Projekten, die die Ziele der EU unterstützen. Hauptaufgaben sind dabei Wachstums- und Beschäftigungsförderung, unter anderem mit dem EIF.

Risikokapital aus bürokratischen Mühlen

Die zusätzlichen Mittel für die beiden Risikokapital-Fonds stammen aus dem Bundeswirtschaftsministerium von Sigmar Gabriel. Finanzminister Wolfgang Schäuble besitzt jedoch eigene Möglichkeiten, Fördermittel zu verteilen und genau das will er in Kürze auch tun: Welt am Sonntag und Spiegel berichteten, dass ein Fonds in Höhe von etwa 10 Milliarden Euro bei der KfW-Bank gegründet werden soll.

Die Besonderheit bei dem Plan: Weitere 10 Milliarden Euro sollen auf dem Kreditwege vergeben werden. Dabei soll es nach bisherigen Berichten über die Schäuble-Pläne für jeden Euro Wagniskapital das Anrecht auf einen Euro eines vergünstigten Kredites geben. Für Startups kann das durchaus sinnvoll sein, weil die Gründer damit stärkeren Einfluss auf ihr Unternehmen behalten. Der Grund: Für Kredite müssen keine Unternehmensanteile abgegeben werden.

Durch die politische Brille gesehen, sieht das alles sehr gut aus. Doch es ist fraglich, ob tatsächlich jenseits der Optik eine Wirkung feststellen lässt. So muss der Schäuble-Fonds noch durch die EU-Kommission genehmigt werden, da hier vergünstigte Kredite vergeben werden. Und selbst wenn alles geregelt ist, müssen für die Freigabe der Mittel umfangreiche Anträge geschrieben und die Mittelverwendung begründet werden.

Bevor das Geld aus dem Finanzministerium tatsächlich bei interessierten Startups ankommt, mahlen die bürokratischen Mühlen und das kann aller Erfahrung nach dauern. Außerdem ist es fraglich, ob ein solcher Fonds auch in der Lage ist, wirklich innovative Projekte zu fördern. Machen es die Erfahrungen mit der Bürokratie vorstellbar, dass ungewöhnliche Ideen tatsächlich eine staatliche Förderung erhalten?

Da es um streng kontrollierte öffentliche Gelder geht, dürften es vollkommen neuartige Produktideen schwer haben. Private Investoren können freier entscheiden und stärker auf Risiko setzen als öffentliche. Ein Gegenmodell mit größerer Flexibilität ist eine Tandemfinanzierung mit der öffentlichen Hand als Partner bekannter Akteure wie dem Hightech-Gründerfonds (HTGF). Dabei wählen die VC-Profis die Startups aus und die Staatsfonds beteiligen sich an aussichtsreich erscheinenden Gründungen.

So gesehen ist ein Beteiligungssystem wie der ERP/EIF-Dachfonds ein wichtiger Schritt. Hier muss nur die „Politik“ der einzelnen Risikokapitalfonds überprüft werden und nicht die Förderbarkeit eines bestimmten Service oder Produkts. Obwohl das Schäuble-Modell einen großen Geldsegen für die Wirtschaft bringen wird, ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass es einen Silicon-Valley-Effekt auslösen wird.

Bildquelle: Thinkstock

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok