In-Flight Connectivity

European Aviation Network: Surfen über den Wolken

Interview mit Kai-Marcus Peschl, Aviation-Experte im Competence Center Transportation von Roland Berger, über In-Flight Connectivity und welche Möglichkeiten das neue European Aviation Network (EAN) mit sich bringt

  • Es wird insgesamt mehr geflogen und die Nachfrage wächst weiter. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

    Es wird insgesamt mehr geflogen und die Nachfrage wächst weiter. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

  • Kai-Marcus Peschl, Aviation-Experte im Competence Center Transportation von Roland Berger ((Bildquelle: Roland Berger))

    „Seit einigen Jahren bieten immer mehr Fluggesellschaften in ihren Flugzeugen Internet an“, weiß Kai-Marcus Peschl von Roland Berger zu berichten. ((Bildquelle: Roland Berger))

Herr Peschl, seit wann gibt es das Angebot „Surfen über den Wolken“ und wer war hier bislang Vorreiter?
Kai-Marcus Peschl:
Das erste Angebot gab es schon vor über zehn Jahren: Panasonic war damals der erste große Technologiepartner in diesem Bereich und führte das „Surfen über den Wolken“ zusammen mit Lufthansa auf der Langstrecke ein. Das war allerdings sehr teuer – wenn ich mich richtig erinnere, zahlte man um die 30 Euro für sehr langsames Internet. Noch heute vertreibt und bewirbt Lufthansa das Angebot unter dem Namen „Flynet“. Allerdings sind nicht viele Airlines auf den Zug aufgesprungen und ein Durchbruch gelang sowohl aus Technologie- als auch aus Nachfragegründen nicht. Seit einigen Jahren bieten jedoch immer mehr Fluggesellschaften in ihren Flugzeugen Internet an – allerdings immer noch mit recht niedrigen Geschwindigkeiten und zu hohen Preisen.

Warum gab es Internet bisher immer nur auf Langstreckenflügen?
Peschl:
Langstrecke deshalb, weil hier der Bedarf aus Sicht der Passagiere am höchsten ist. Wenn Sie sechs Stunden im Flieger sitzen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Sie Internet brauchen, als wenn Sie nur eine Stunde fliegen müssen.

Wie wird das Angebot technisch ermöglicht?
Peschl:
Das läuft bisher über Satellit. Für deren Betreiber ist das Internet für Flugzeuge allerdings nur ein Nebenprodukt. Denn sie generieren ihren Umsatz hauptsächlich damit, dass sie hochspezialisierte Leistungen vor allem für Militär, Satellitentelefone und Schifffahrt anbieten.

Was soll sich im Rahmen des European Aviation Network (EAN) nun ändern?
Peschl:
Es geht vor allem um die Internetabdeckung in der Fläche und die Übertragungsgeschwindigkeit. Die Satelliten werden weiterhin jeweils einen relativ großen Bereich abdecken. Doch da sich alle möglichen Nutzer die Bandbreite teilen, reicht die Leistung der Satelliten zu Stoßzeiten in den Metropolregionen und rund um die großen Flughäfen nicht aus. Daher kombiniert man die Abdeckung „von oben“ auf Satellitenbasis mit dem Angebot „von unten“ in Form von Bodenstationen, die entlang der wichtigsten Routen aufgestellt werden und die Satelliten entlasten sollen.

Und damit wird das Internetangebot auch für Kurzstreckenflüge interessant?
Peschl:
Genau, das neue Netz ist vor allem für Kurzstreckenflüge gedacht. Denn mit neuen Fluggesellschaften ist vor allem das Kurzstreckenangebot gewachsen. Es wird insgesamt mehr geflogen und die Nachfrage wächst weiter. Mit dem Start des EANs passt das zeitlich gut zusammen.

Wie groß ist überhaupt die Nachfrage der Passagiere? Wie sieht die Zielgruppe aus?
Peschl:
Das sind zum einen Geschäftsreisende, für die der durchgehende Kontakt mit dem Boden und Erreichbarkeit wichtig sind. Zum anderen sind in den letzten Jahren über alle Altersklassen hinweg die Erwartungen deutlich gestiegen, dass man immer und überall online sein und Dienste wie Whatsapp, Facebook, Messenger, Instagram oder Snapchat nutzen kann. Nicht zuletzt erhalten Passagiere dank EAN auch Internetgeschwindigkeiten, die reichen, um Youtube oder Netflix streamen zu können, zumindest wenn relativ wenige Nutzer gleichzeitig mit dem Internet verbunden sind. Das ist aber vielleicht weniger attraktiv, weil es relativ teuer ist. Man zahlt 15 bis 20 Euro für einen entsprechenden Voucher. Technisch ist es aber möglich.

Im Flugzeug sollen sich mobile Endgeräte eigentlich stets im Flugmodus befinden, „damit sie die Bordelektronik nicht beeinflussen können“, heißt es immer. Warum stellt Wlan kein Problem dar?
Peschl:
Für die Luftfahrt gelten extrem hohe Sicherheitsbedingungen. Wlan darf an Bord genutzt werden, weil es von Luftsicherheitsbehörden und Airlines zertifiziert und freigegeben wurde. Und auch die Satellitenschüsseln, die oben am Flugzeug angebracht sind und mit den Satelliten kommunizieren, sowie die Bodenstationsempfänger, die am Flugzeugbauch befestigt sind und nach unten kommunizieren, haben den sehr aufwändigen Zertifizierungsprozess durchlaufen.

Wie lukrativ ist In-Flight Connectivity letztlich für die Fluggesellschaften?
Peschl:
Wegen der hohen Kosten für Satelliten und den Einbau der entsprechenden Antennen im Flugzeug sowie der dazugehörigen Betriebskosten sind beim Thema In-Flight Connectivity immer die Telekommunikationsdienstleister mit im Spiel. Die Gebühren, die der Passagier für den Internetzugang im Flugzeug bezahlt, gehen daher nicht ausschließlich an die Fluggesellschaft, sondern der Umsatz wird unter den Beteiligten aufgeteilt: Satellitenanbieter, Anbieter der Bodenstation, Airline.

Lohnt es sich dann überhaupt für eine Fluggesellschaft, Internet über den Wolken anzubieten?
Peschl:
Jeder Euro, den eine Fluggesellschaft pro Passagier mehr verdient, ist sehr attraktiv. Doch vor allem verbirgt sich dahinter ein Service-Angebot. Die großen Low-Cost-Airlines haben sich bisher nicht für dieses Angebot entschieden, weil sie der Ansicht sind, dass sie damit keinen Profit machen können. Für eine Fluggesellschaft wie die Lufthansa, die vor wenigen Wochen Europas erste 5-Sterne-Airline wurde, ist solch ein Angebot natürlich attraktiv. In Zeiten, in denen das Produkt „Fliegen“ austauschbar geworden ist, stellt In-Flight Connectivity eine der wenigen Möglichkeiten dar, sich von den anderen zu differenzieren. Denn am Ende des Tages bietet jede Airline das gleiche Produkt an: Die Reise von A nach B, auf Passagiersitzen, die alle vom gleichen Hersteller kommen, mit Sitzabständen, die mehr oder weniger gleich sind. Und kostenlose Verpflegung an Bord gibt es auf Kurzstrecken bei kaum einer Airline mehr.

An welchen Stellen sehen Sie persönlich noch Verbesserungsbedarf bei jenem Internetangebot?
Peschl:
Das EAN, wie es nun aufgesetzt wird, kombiniert aus meiner Sicht das Beste der momentan verfügbaren technischen Welten.

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