Social Media Crash?

Facebook schrumpft, Umsätze und Gewinne wachsen

Facebook ist erfolgreich, doch langsam ziehen sich an Fachthemen interessierte Leute zurück. Und auch das Hater-Problem verschreckt viele.

Facebook-Smikeys

Facebook-Nutzer haben nicht immer was zu lachen

Wer das Firefox-Addon FB Purity benutzt, bekommt eine Reihe von nützlichen Funktionen, die ihm oder ihr den Rücken in dem sozialen Netzwerk freihalten. Doch genauso gibt es in Abständen Hinweise darauf, dass die Euphorie für Facebook langsam endet. Denn zumindest beim Autor dieses Artikels vergeht seit einiger Zeit kaum eine Woche, in der nicht ein oder zwei Leute aus der Freundesliste verschwinden – was FB Purity penibel verzeichnet. Sieht das eigentlich bei anderen Leuten auch so aus?

Vermutlich schon, denn selbst Facebook hat in Europa einen Rückgang der aktiven Nutzer zugegeben. Die firmeneigene Zählung ist positiv eingefärbt, da ein aktiver Nutzer jemand ist, der mindestens einmal im Monat irgendwas auf Facebook macht. Trotzdem gab es hier einen Rückgang von 377 auf 376 Millionen Nutzer. Die täglichen Nutzer schrumpften von 282 auf 279 Millionen. Nicht viel, aber eine Premiere für das erfolgverwöhnte Social-Media-Monster.

Facebook wird für fachlich Interessierte langweilig

Allerdings: In Nordamerika sind Nutzerzahlen nicht gesunken, sie wachsen aber seit einiger Zeit nicht mehr. Doch die Umsätze des sozialen Netzwerks sind weiterhin hoch. Zwar gab es im ersten Quartal einen Einbruch, doch anschließend ging es wieder aufwärts und das letzte Quartal 2017 wurde überboten. Auch die Gewinne sind mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar sind nach wie vor hoch, wachsen aber nicht mehr ganz so stark wie noch vor zwei Jahren.

Ebenfalls einen Knick in der Entwicklung der Nutzerzahlen gab es bei beiden anderen reichweitenstarken sozialen Netzwerken Twitter und Snapchat. Die Erklärungen der Anbieter: Bei Facebook mache in Europa die DSGVO Probleme, bei Twitter seien es gelöschte Spam- und Hater-Profile und bei Snapchat schließlich das ungeliebte Redesign der Oberfläche. War da nicht noch was? Ja, die sozialen Netzwerke haben in den letzten Monaten durch diverse Negativschlagzeilen Imageverluste hinnehmen müssen – siehe Cambridge Analytica.

Außerdem war zuletzt bei einzelnen, durchaus als kraftvollen Multiplikatoren zu bezeichnenden Facebookern wie Sascha Pallenberg, Ibrahim Evsan oder Frank Schmiechen eine gewisse Unlust an der Entwicklung des sozialen Netzwerkes zu bemerken. Kein Wunder: Zum einen nervt die sich immer breiter machende dogmatische (Nicht-)Diskussionskultur der Rechtspopulisten, VT-Trolle, Lifestyle-Besserwisser, Kleingeist-Hater und anderer Knallchargen wirklich extrem.

Zum anderen ist der Newsfeed seit dem letzten Algorithmus-Update nur noch sehr eingeschränkt für Information und Diskussion zu Fachthemen, insbesondere Innovation und Digitalisierung zu nutzen. Denn leider gibt es auch keine sinnvolle Listenfunktion mehr, in denen Seiten und Freunde thematisch kombiniert werden können. Diese Entwicklung dürfte ein weiterer Grund dafür sein, weshalb Techies wie Pallenberg und Fachjournalisten wie Gunnar Sohn inzwischen auf LinkedIn als Fachmedium der Zukunft setzen.

Wer keinen Etat hat, findet auf Facebook nicht statt

Für B2B-Unternehmen ist Facebook ohnehin nicht die erste Wahl. Ihre Präsenzen dort wirken häufig eher verwaist und werden bestenfalls mit Pressemitteilungen und YouTube-Videos bespielt. Die Videoplattform dagegen ist für B2B-Firmen empfehlenswert, denn sie können sich dort einerseits fachlich darstellen und andererseits potentielle Bewerber erreichen. Bei B2C-Unternehmen wirkt Facebook im Moment noch positiver. Hier gibt es häufig ein gewisses Interesse der Kunden an Kontakt zum Unternehmen – und sei es, um sich zu beschweren.

Doch gerade diesen Unternehmen sowie vielen anderen Organisationen wird es schwer gemacht, denn laut Gerichtsbeschluss wird eine Facebook-Seite so behandelt wie eine eigene Website – mit Rückgriff auf Handlungen von Facebook selbst. Das hatte abschreckend gewirkt, obwohl die Rechtsprechung hierzu noch vollkommen unklar ist. Doch theoretisch könnte es sein, dass die Betreiber von Facebook-Seiten für Datenschutzverstöße von Facebook selbst haften, obwohl sie eindeutig außerhalb ihrer Handlungshoheit liegen.

Das überfordert zahlreiche Kleinunternehmen und ehrenamtlich organisierte Vereine, die sich deshalb zum Teil von Facebook verabschiedet haben. Da allerdings die Seiten kleinerer bis mittelgroßer Unternehmen und Organisationen anderer Art nur selten besonders reichweitenstark sind, dürfte Facebook diese Entwicklung eher egal sein. Entscheidend ist, dass große B2C-Unternehmen auf Facebook bleiben und kräftig für ein möglichst hohes Ranking ihrer Beiträge zahlen.

Letzteres sorgt bei fleißigen Gefällt-mir-Anklickern dafür, dass ein merklicher Teil des Newsfeeds aus bezahlten Beiträgen eben dieser großen Facebook-Kunden besteht. Er findet dann halt immer weniger interessante Beiträge von kleinen Seiten ohne Etat für Content-Marketing. Davon unbenommen sind die Beiträge privater Freunde, die seit einiger Zeit von Facebook höher bewertet werden. Doch wie schon Frank Schmiechen aufgefallen ist: Für Informationsprofis verliert Facebook langsam an Wert.

Bildquelle: Thinkstock

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