Connected Car

Fährst Du noch oder lebst Du schon?

Andreas Wlasak ist Vice President Industrial Design bei Faurecia und erklärt im Interview, weshalb wir schon bald im Auto Sport machen könnten und wie das Fahren zum immersiven Erlebnis wird.

Andreas Wlasak, Vice President Industrial Design bei Faurecia

Andreas Wlasak, Faurecia

MOB: Herr Wlasak, wie sieht Ihre Vision von der Zukunft der Mobilität aus?
Andreas Wlasak:
Fortbewegung wird in Zukunft keine abgekoppelte Tätigkeit mehr sein, sondern eine Fortsetzung dessen, was uns im Leben wichtig ist: In-Verbindung-sein oder Ich-Zeit in Verbindung mit Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein. Während der Reise – sei es als Insasse in meinem eigenen Auto, als Passagier in einem Shared-Mobility-Fahrzeug oder während einer gemeinsamen Fahrt in einem Robo-Taxi – kann ich nahtlos an das anknüpfen, was ich gerade im Büro oder zuhause getan habe. Das Mobil erkennt, wann ich einen wichtigen Termin unbedingt wahrnehmen muss und wann ich Erholung brauche. Es unterstützt mich bei der Organisation meines Alltags. Bin ich mit mehreren Personen unterwegs, haben wir die Wahl, ob wir einzeln in unserer privaten Beschäftigung versinken oder ob wir uns in den Austausch mit anderen begeben möchten.

MOB: (Wann) Wird sich autonomes Fahren durchsetzen?
Wlasak:
Das autonome Fahrzeug wird kommen, aber nicht so schnell wie einmal angenommen. Für die kommenden Jahre sind verschiedene Level 3- und Level 4-Szenarien wahrscheinlicher, die den Fahrer entlasten und ihm zeitweise andere Tätigkeiten ermöglichen. Wir arbeiten daher momentan verstärkt an Technologien, mit denen der Fahrer während störungsfreier, autonomer Fahrzeiten zum Beispiel arbeiten oder mit seiner Familie einen Film ansehen kann. Gleichzeitig ermöglicht unsere Cockpit-Technologie, ihn jederzeit wieder in die Lage zu versetzen, das Steuer zu übernehmen, falls nötig. Der Fokus unserer Arbeit liegt hier bei en sicheren Übernahme-Szenarien, wenn zwischen autonomen und manuellen Phasen gewechselt wird.

MOB: Welche Hemmnisse gibt es hier aktuell noch und was sollte der Gesetzgeber noch an Rahmenbedingungen schaffen?
Wlasak:
Für das vollautonome Fahren ist eine grenzübergreifende Infrastruktur und Gesetzgebung nötig – da liegt noch einiges an Weg vor uns. Die größte Herausforderung der Automobilindustrie ist es unterdessen, das individuelle Sicherheitsgefühl der Insassen zu stärken. Autonomes Fahren – genauso wie teil-autonomes Fahren – kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Menschen ihrem Fahrzeug vollständig vertrauen. Dafür ist eine intuitive Kommunikation mit dem Fahrzeug wichtig – und natürlich ein ganzes Paket an Sicherheitstechnologien, die den Menschen schützen und ihm Sicherheit vermitteln.

MOB: Welches sind in Bezug auf Konnektivität die aktuellen Trends und welchen Einfluss wird z.B. 5G darauf haben?
Wlasak:
Konnektivität der Zukunft heißt zunächst, dass sowohl die einzelnen Insassen wie auch das Fahrzeug selbst zunehmend und dauerhaft Daten mit der Cloud austauschen. Der entscheidende Faktor hierbei ist die Menge der Daten, die durch die Beschäftigungen der Insassen entstehen, wenn diese zum Beispiel online-Gaming betreiben, sich hochaufgelöste Filme herunterladen oder an professionellen Video-Konferenzen teilnehmen. All diese Angebote können von mehreren Fahrzeuginsassen gleichzeitig in Anspruch genommen werden. Noch wesentlicher wird die nötige Bandbreite des Netzes beeinflusst durch teil-autonomes Fahren, bei dem Unmengen an Daten in Echtzeit verarbeitet werden müssen, und dies absolut garantiert in jeder Situation, da sie für sicherheitsrelevante Entscheidungen des Fahrzeugs entscheidend sein können. Wir arbeiten an all diesen Aspekten, und es versteht sich von selbst, dass eine wesentliche Voraussetzung für deren vollständige Implementierung ein flächendeckendes 5G-Netz sein muss.

Ich möchte hierbei nicht unterschlagen, dass es in Bezug auf die Konnektivität der einzelnen Benutzer noch einen weiteren Trend gibt, von dem wir in naher Zukunft sicher noch mehr hören werden: Das Auto kann zu einem der letzten Orte werden, an dem ich mich „de-konnektieren“ kann, abschalten, nicht zu Verfügung stehen, mit mir selbst sein.

MOB: Ihr Unternehmen spricht vom „Cockpit der Zukunft“ – wie könnte dieses aussehen?
Wlasak:
Im Cockpit der Zukunft können Insassen die Reisezeit bestmöglich nutzen und sie fühlen sich am Ende der Reise besser als vorher. Aber das Beste ist: es wird nicht nur einen Typus des zukünftigen Cockpits geben. Marken können sich den neuen Technologien sehr verschiedenen Ausdruck verleihen, und verschiedene Nutzungsszenarien wie Ride Sharing, Car Sharing, vorwiegende Business- oder Familiennutzung werden zu einer großen Zahl and potentiellen maßgeschneiderten Konzepten führen.

Wir bei Faurecia arbeiten gleichermaßen an physischen strukturellen Systemen, an dekorativen und interaktiven Oberflächen sowie an Softwarelösungen und Applikationen. Cloud-basierte Technologien ermöglichen Videokonferenzen, Video-Streaming als 4D-Kinoerlebnis und Gaming an Bord. Anpassungsfähige Bildschirme, eindrucksvoller Sound, Audiomanagement sowie synchrone Sitz-Vibrationen verbessern all diese Erfahrungen. Für das körperliche Wohlbefinden haben wir Sitze mit pneumatischen Elementen entwickelt, die Massage- und Vibrationssequenzen bieten, die die Körpermuskulatur stimulieren oder entspannen. In Zusammenarbeit mit Human Fab, einer Sport- und Leistungsberatung, haben wir außerdem Sport-Aktivitäten ins Leben gerufen, die an die Fahrzeugumgebung angepasst sind und auf z.B. eine Verbesserung des Muskeltonus abzielen. Und wir entwickeln Konzepte, die aktiv Symptomen von Reisekrankheit vorbeugen.

MOB: Können Sie das Konzept der Insassenerkennung erklären?
Wlasak:
Insassenerkennung setzen wir beispielsweise beim Cockpit-Audiomanagement ein: Für eine individuelle Audioauswahl und die Verbesserung der Hörbedingungen im gesamten Cockpit stellen wir den einzelnen Nutzer in den Mittelpunkt des Klangerlebnisses. Basis ist die integrierte Onboard-Intelligenz des Fahrzeugs mit Kameras, die den Insassen erkennen, der MCVP, die sich mit seinem Profil in der Cloud verbindet sowie dem Cockpit Domain Controller, der den Zugriff auf Musik- oder Hörpräferenzen und die erweiterte Klangoptimierung verwaltet. Ergänzt wird das Know-how in der digitalen Signalverarbeitung durch eine umfangreiche Bibliothek mit adaptiven Audioprofilen. Faurecia bezieht die gesamte Kabinenumgebung ein, um ein immersives Klangerlebnis zu verwirklichen. Ein anderes Beispiel für den Einsatz der Insassenerkennung ist unsere Morphing Rear Bench: Die Anzahl der Insassen wird erfasst und die Sitze entsprechend ausgerichtet. So kann die Rückbank von drei in zwei geräumige Sitze rechts und links verwandelt und gleichzeitig verschiedenen Aktivitäten angepasst werden.

MOB: Welche Rolle wird in den kommenden Jahren „Infotainment“ beim Autofahren spielen und welches sind hier die aktuellsten Trends?
Wlasak:
Infotainment an Bord wird in Zukunft immer bedeutsamer. Jeder möchte die Fahrzeit bestmöglich nutzen und dass sie „wie im Fluge vergeht“. Dabei möchte nicht jeder beispielsweise die gleiche Musik hören oder den gleichen Film sehen – also ein klarer Trend zu individuellen und immersiven Erlebnissen an Bord. Dazu haben wir einerseits intelligente Kopfstützen entwickelt, die für jeden Insassen eine eigene Klangblase schaffen, wobei integrierte Lautsprecher mit Ohr-Tracking-Sensorik dafür sorgen, dass hochwertige Audiosignale direkt zum Ohr geleitet werden. Andererseits sorgt unser Cockpit Domain Controller mit speziell entwickelten Algorithmen dafür, Sound, Beleuchtung, Belüftung und im Sitz integrierte Vibrationen mit hochauflösenden Displays zu koordinieren und so ein intensives, anregendes 4D-Kinoerlebnis zu schaffen.

MOB: Gerade bei vernetzten und autonomen Fahrzeugen ist es wichtig, dass die Car-IT nicht von Dritten kompromittiert wird – wie kann dies gewährleistet werden?
Wlasak:
Die Sicherheit von Fahrgästen und deren Daten zu gewährleisten, ist aus meiner Sicht heute sogar eine der wichtigsten Aufgaben für Technologieunternehmen. Deshalb haben wir 2019 unsere Cybersicherheitsstrategie ausgebaut, indem wir in Tel Aviv eine Technologieplattform eröffneten. Hierfür arbeiten wir mit lokalen Start-ups und Innovationsclustern zusammen, die Zugang zu neuesten Trends und Technologien besitzen. Außerdem haben wir über die Technologieplattform in Tel Aviv GuardKnox, ein weltweit führender Anbieter von Cybersicherheit für die Automobilbranche, als Partner identifiziert und in das Unternehmen investiert. Ihr Portfolio enthält umfassende Cybersicherheitslösungen für vernetzte und autonome Fahrzeuge. Damit können wir komplette End-to-End-Lösungen entwickeln, die ins Fahrzeug integriert sind und so Software-, Daten- und Cloud-Konnektivität sicherstellen.

MOB: Welche technologische Entwicklung wird in den kommenden Jahren den meisten Einfluss auf die Weiterentwicklung von vernetzten Fahrzeugen haben?
Wlasak:
Vieles ist derzeit bereits vorhanden und wird sich entsprechend quantitativ weiterentwickeln. Augmented Reality und verschiede AI-Applikationen werden weiter an System-Komplexität gewinnen, um den Fahrzeuginsassen ständig erweiterte Leistungen anzubieten und letztlich die Aktivität ‚Fahren‘ zu vereinfachen. Meist geht es dabei um verschiedene Formen, vorausschauend Bedürfnisse der Insassen – wie Komfort, Sicherheit, Unterhaltung, Hygiene – zu erkennen und daraus einzelne Service-Leistungen oder komplexe Systeme zu entwickeln; die dazu erforderlichen Technologien sind eine Konsequenz dieses Ansatzes und variieren.

Dabei wird deutlich, dass ein intelligentes und integratives Zusammenspiel von Software- und Hardware-Technologien eine zentrale Stelle einnimmt. Das Fahrzeug muss Fakten innerhalb und außerhalb seiner selbst über verschiedenste Sensoren wahrnehmen, die daraus gewonnenen Daten zu sinnvollen Kombinationen verarbeiten und dann entsprechend reagieren. Dies kann höchst kompliziert anmuten, wie das autonome Steuern eines Autos, oder so banal sein wie eine koordinierte Aktion aus Temperatureinstellung, Lichtfarbe und Musikprogramm. Effizienz ist auch hier vordergründig, wie bei traditionellen Fahrzeugmodulen:  Wie kann ich immer mehr anbieten ohne gleichzeitig Komponenten und Softwarestränge zu vervielfachen?

Hierbei ist anzunehmen, dass das 5G-Netz, wenn einmal flächendeckend verfügbar, den fundamentalsten Technologieschritt darstellt, da es komplett neue elektronische Architekturen und entsprechende Nutzervorteile ermöglicht, auch mit einem großen Einsparungspotential, wenn systemisch angewandt.

Bildquelle: Faurecia

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok