Jean-Claude Ghinozzi, CEO von Qwant
MOB: Herr Ghinozzi, wie gestaltet sich die aktuelle Situation auf dem Suchmaschinenmarkt?
Jean-Claude Ghinozzi: Der Suchmaschinenmarkt ist ein globaler Markt und Europa schenkt sein Vertrauen einem wichtigen Akteur: Google. Natürlich erkennen wir die wichtige technologische und soziale Rolle diese Giganten an. Ohne ihn wäre das Web nicht das, was es heute ist, sowohl in unserem persönlichen Leben als auch in unserem beruflichen Umfeld. Aber es ist wichtig, das Spiel zu öffnen. Wie andere bemerkenswerte amerikanische Unternehmen wie Microsoft, Amazon oder Facebook hat Google seinen Ruf und seine dominierende Stellung vor allem aufgrund seiner eigenen Verdienste erworben. Allerdings konnte Google seine Verdienste in der Öffentlichkeit bekannt machen und Marktanteile gewinnen, weil die etablierten Konkurrenten damals ihre eigene Dominanz nicht missbrauchten. Heute missbraucht Google seine marktbeherrschende Stellung, um die Entwicklung des Wettbewerbs zu verhindern. Dies ist unhaltbar. Wettbewerb ist in einer freien und offenen Welt erwünscht und wünschenswert.
MOB: Was muss geschehen, wenn die Google-Alternativen zu „echten Alternativen“ werden wollen?
Ghinozzi: Es gibt viele Akteure in der Websuche, aber man muss bedenken, dass es in Europa nur zwei echte Suchmaschinen, Alternativen zu Google, gibt, die über eine eigene Technologie verfügen: Seznam, eine tschechische Suchmaschine für Tschechen, und Qwant, eine Suchmaschine für den gesamten europäischen Markt. In diesem Sinne ist Qwant bereits eine Alternative zum amerikanischen Giganten für Nutzer, die ein Tool nutzen wollen, das ihre Privatsphäre respektiert und die europäischen Werte des Webs verteidigt. Wir streben nicht danach, das französische oder europäische Google zu sein, aber wir bieten eine echte Sucherfahrung mit einem Unterschied und streben gleichzeitig danach, eine gleichwertige Qualität der Ergebnisse zu bieten. Was uns jedoch fehlt, ist eine wirkliche Öffnung des Marktes, insbesondere des Mobilfunkmarktes, der derzeit von Google geschlossen ist. Mit dem eingerichteten Auktionssystem, dem Auswahlbildschirm, schließt die amerikanische Firma weiterhin den Zugang zu anderen Suchmaschinen auf Android-Geräten. Mit diesem Mechanismus lässt sie diese Alternativen die von der Europäischen Kommission verurteilte Strafe zahlen. Wir halten dies für unzulässig, weil wir für einen fairen und offenen Wettbewerb sind.
MOB: Wie könnte eine faire Überarbeitung der Suchmaschinenauswahl in Android aussehen?
Ghinozzi: Die Plätze auf dem Auswahlbildschirm sollten nicht länger begrenzt und nur über ein Auktionssystem zugänglich sein. Wie wir bereits sagten, lässt Google mit diesem System seine Konkurrenten die von der EG gegen das Unternehmen verhängte Strafe wegen „Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung“ zahlen. Dieser Auswahlbildschirm sollte für alle Akteure der Suche im Web direkt zugänglich sein. Was das Design betrifft, so wäre es einfach, alle Akteure auf diesem Auswahlbildschirm anzuzeigen. Damit die Verbraucher die Wahl von Qwant für ihre Privatsphäre treffen können, müssen wir dafür sorgen, dass Google seine marktbeherrschende Stellung nicht länger missbraucht. Sie müssen aufhören, den Telefonherstellern zu verbieten, Qwant als Standardsuchmaschine neben dem Play Store oder Maps vorzuinstallieren, und sie sollten von uns nicht mehr verlangen, dass wir dafür bezahlen, dass sie als Wahlmöglichkeit auf dem Android-System angeboten werden.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
MOB: Welche Auswirkungen könnte die Kartellrechtsklage des Justizministeriums gegen Google haben?
Ghinozzi: Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein großes Land. Eine große demokratische Nation, offen für die anderen Länder und inspirierend für die Welt. Es ist wirklich eine gute Nachricht, dass die amerikanischen Behörden ihre kartellrechtlichen Beschwerden berücksichtigen, die – wir sollten uns nicht scheuen, es auszusprechen – von europäischer Inspiration sind. Wir wissen nicht, was Google vor Gericht wirklich riskiert. Außerdem wünschen wir unseren Konkurrenten nie Schlechtes. Nein. Wir bitten lediglich um ein faires und gerechtes Spiel und dass es Alternativen geben kann – im Interesse der Nutzer auf der ganzen Welt.
MOB: Wohin wird sich der Markt in den kommenden Jahren entwickeln?
Ghinozzi: Unserer Meinung nach wird sich der Markt in Europa entwickeln. Denn das Bewusstsein unserer europäischen Bürger hinsichtlich der Webneutralität und des Schutzes persönlicher Daten ist sehr wichtig. Nichts wird je wieder so sein wie früher. Deshalb muss es dem Markt ermöglicht werden, glaubwürdige und nützliche Alternativen zu entwickeln. Das ist wichtig für die Freiheit des Marktes und des freien Wettbewerbs, aber auch und vor allem für die Freiheit, ganz einfach.
Bildquelle: Qwant