Dr. Josef Brewing, adesso mobile solutions GmbH

Falscher Dogmatismus führt in die Sackgasse

Im Businessumfeld gibt es nicht den einen richtigen oder falschen Weg. Dazu wurden laut Dr. Josef Brewing, Geschäftsführer der adesso mobile solutions GmbH, bereits zu viele Technologien fälschlicherweise totgesagt oder in den Himmel gehoben. Wir wollten mehr wissen.

Native Apps bieten nach wie vor Vorteile, wenn es um Usability und Performance geht, so Dr. Josef Brewing, Geschäftsführer der adesso mobile solutions GmbH.

Herr Brewing, aus welchen Branchen und Sparten erhalten Sie derzeit die meisten Anfragen für mobile Applikationen?
Dr. Josef Brewing:
Über eine Vielzahl von Branchen hinweg werden wir immer dann angefragt, wenn es den Unternehmen darum geht, über alle Plattformen zentrale Bestandteile ihrer jeweiligen Geschäftsprozesse abzubilden und für die jeweilige Anwendungssituation der Nutzer zu optimieren. Insofern ist für die Mehrzahl der Anfragen nicht die Branchenzugehörigkeit der Unternehmen entscheidend, sondern im Vordergrund stehen eher die qualitativen und technologischen Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Je geschäftskritischer die Anwendungen und je komplexer die Plattformvielfalt, desto eher besteht die Chance, dass wir bei Anfragen berücksichtigt werden. Das hat sicher auch damit zu tun, dass wir als Mobile-Spezialist in die adesso-Gruppe eingebunden sind und dadurch über das Know-how unserer 75 Mitarbeiter hinaus auch kurzfristig auf die Expertise der Group-Kollegen zurückgreifen können.

Wofür wird mehr Geld ausgegeben: für die bessere Informationsversorgung der eigenen Mitarbeiter, z.B. in Service und Vertrieb, oder für die Kundengewinnung über Coupons, Gewinnspiele o.ä.?
Brewing:
Immer dann, wenn Unternehmen den Kern ihrer geschäftlichen Aktivitäten durch mobile Lösungen unterstützen wollen, sind sie bereit, Geld auszugeben: Wenn also eine Bank mobiles Banking professionell umsetzt, bedeutet das in der Regel einen tiefen Eingriff in die vorhandenen Strukturen und setzt eine professionelle sowie nachhaltige Lösung voraus.

Wenn ein Unternehmen Medienbrüche durch mobile Lösungen schließt und dadurch erhebliche Rationalisierungseffekte erzielt – etwa durch den Einsatz rechtssicherer digitaler Unterschriften –, ist es bereit, die notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen. Insofern ist bei aller Begeisterung für faszinierende technische Neuerungen auch die mobile Welt recht unromantisch: Wenn keine nennenswerte Umsatzsteigerungen, keine nachhaltige Sicherung von Umsätzen oder rechenbare Rationalisierungseffekte durch mobile Lösungen erzielt werden, geben Unternehmen kein bzw. kaum Geld aus.

Wer sind Ihre Ansprechpartner in den Anwenderunternehmen? IT-Verantwortliche oder Führungskräfte aus anderen Fachbereichen?
Brewing:
Während wir bis vor einem oder zwei Jahren überwiegend Anfragen aus Fachabteilungen erhielten und es bei diesen Projekten meist darum ging, vorhandenen Content einfach und möglichst ohne Eingriff in vorhandene IT-Architekturen für Endverbraucher zu mobilisieren, können wir heute feststellen, dass die stärkere Gewichtung des Themas „Mobile Business“ zu einer Neuausrichtung geführt hat.

In dem Moment, in dem es nicht mehr um mobilisierten Content geht und nicht mehr um Teilprozesse – beispielsweise Services für die mobile Schadenregulierung –, sondern um eine strategische Entscheidung der Unternehmen, den mobilen Kanal zum systematischen Teil der Geschäftsprozesse zu machen, geht es auch technologisch ans Eingemachte. Daher sprechen wir zunehmend mit den IT-Abteilungen, den CTOs.

Wie sehen Sie die Zukunft der App-Programmierung generell – manche Marktbeobachter beschwören bereits das Ende der nativen Apps herauf?
Brewing:
Dafür sind die Marktbeobachter ja da. Und morgen beobachten sie eine gegenteilige Bewegung …

Als wir vor einigen Jahren mit der Entwicklung mobiler Internetportale starteten, waren sich alle sicher, dass es nie wieder Versuchungen geben würde, mit proprietärem nativen Code auf mobilen Endgeräten zu arbeiten: zu schwerfällig, zu teuer, zu unflexibel und viel zu pflegeintensiv. Wie wir wissen, kam es anders. Und heute wieder anders herum. Die Erfahrung lehrt, dass eine gewisse Portion Pragmatismus dabei hilft, die Vorteile vorhandener technologischer Ansätze sinnvoll zu kombinieren. Wir fahren heute sehr gut damit und gehen fest davon aus, dass auch in Zukunft falscher Dogmatismus in die Sackgasse führt und eindeutige native Vorteile auch weiterhin genutzt werden. Immer dann, wenn geschäftskritische Anwendungen auf mehreren Plattformen bereitgestellt werden müssen, sind hybride Ansätze sinnvoll, die die jeweiligen Vorteile der Technologiewelten nutzen.

Für welchen Verwendungszweck empfehlen Sie derzeit noch native Apps, für welchen bereits HTML5 – immer mit Blick auf zu erwartende Entwicklungen?
Brewing:
Aus unserer Sicht werden sowohl native Apps als auch hybride Applikationen bzw. Web-Apps zukünftig weiterhin nebeneinander ihre Existenzberechtigungen haben. Ein Unternehmen, das seinen Nutzern die bestmögliche User Experience und Performance bieten will, wird weiterhin auf native Apps setzen. Der Konzeptwechsel bei Facebook von hybrider App hin zu nativer Umsetzung ist da sicherlich das prominenteste Beispiel.

Technische und konzeptionelle Anforderungen an die Applikation wie Push Notifications, die Offlinenutzung größerer Datenmengen oder die Nutzung der Kamera für das Scannen von Elementen sind ebenfalls entscheidend für die Umsetzungsstrategie, da sie mit reiner Browsertechnologie nicht umsetzbar sind. Stehen jedoch die größtmögliche Abdeckung unterschiedlicher Betriebssysteme und Endgeräteklassen, dynamische Layouts sowie die flexible Weiterentwicklung der mobilen Services im Vordergrund, ist die Entwicklung und vor allem die Pflege hybrider Applikationen oder Web-Apps häufig einfacher und damit auch günstiger.

Native Apps bieten nach wie vor Vorteile, wenn es um Usability und Performance geht, aber auch bei Themen wie Offlineverfügbarkeit, dem Zugriff auf Funktionen anderer installierter Apps oder z.B. auf Sensordaten. Die Vorteile von HTML5 kommen zum Tragen, wenn viele dynamische Inhalte präsentiert werden sollen. Es gilt aber: Am Ende sollte nicht die Technik über das Konzept, sondern das Konzept über die Technik entscheiden.

Android hat iOS insgesamt als meistgenutztes mobiles Betriebssystem abgelöst. Inwieweit gilt dies auch für das Business-Segment?
Brewing:
Da die Unternehmen die strategische Bedeutung des mobilen Kanals erkannt haben, steht die Frage im Vordergrund, auf welchem Wege die Nutzer am besten erreicht werden. Häufig fällt dann die Entscheidung für alle relevanten Plattformen, solange es sich nicht um eine interne B2E-Anwendung handelt und der Kreis der Nutzer und Endgeräte auf eine Plattform eingeschränkt ist. Insofern spielt es im Business-Segment keine Rolle, welches Betriebssystem die Nase vorn hat, sondern ob der Marktanteil relevant für die eigene Zielgruppe ist.

Wie bewerten Sie die Situation der anderen Betriebssysteme, allen voran Blackberry 10 und Windows Phone?
Brewing:
Blackberry begegnet uns als technologischem Dienstleister für größere und sehr große Unternehmen immer dann, wenn wir über den internationalen Rollout von Lösungen für andere Regionen als Europa reden. Da gibt es durchaus Regionen, in denen Blackberry einen relevanten Marktanteil hat. Bei Projekten in Deutschland spielt Blackberry eine eher untergeordnete Rolle. Anders sieht es bei Windows aus. Hier erleben wir gerade im Bereich der Außendienstlösungen eine zunehmende Nachfrage nach Windows-8-Apps. Für Windows Phone erwarten wir Ende dieses bzw. Anfang kommenden Jahres eine deutliche Belebung der Nachfrage.

In welchem Maße werden Exoten wie Firefox OS in der Lage sein, Marktanteile zu gewinnen?
Brewing:
Es mag sein, dass das, wie schon andere Betriebssysteme zuvor und je nach Land und Kontinent und Zielgruppe unterschiedlich, im Endverbrauchermarkt eine Rolle spielen wird – da müsste man aber Seher sein, um das vorherzubestimmen. Für das Business-Segment, also Lösungen für Unternehmen jenseits von Gaming oder medialer Unterhaltung, würde mich eine baldige Etablierung im Markt überraschen.

Welche Trends sehen Sie außerdem im Bereich Mobility. Auf welche wirklichen Neuentwicklungen dürfen wir uns freuen?
Brewing:
Über wirkliche (!) Neuentwicklung müssen Sie mit den weltweiten Playern im Markt reden. Trends dagegen sehen wir deutlich in der Art der Nutzung von mobilen Lösungen für Zwecke der Kundenbetreuung. Nur wenige Unternehmen haben bis heute erkannt, dass es nicht ausreicht, eine App zu haben und über viele Downloads zu verfügen. Die viel spannendere Frage ist doch, wie Unternehmen diesen individuellen Weg zum Kunden dauerhaft nutzen. Die Online-Abteilungen glauben heute zumeist immer noch, dass Mobile die einfache Verlängerung von Inhalten in den mobilen Kanal ist. Das macht aber blind für die völlig neuartigen Möglichkeiten eines systematischen mobilen CRM.

Zunehmend bedeutend ist die Herausforderung für IT-Verantwortliche, den wachsenden Ansprüchen an die Multikanal-Fähigkeit gerecht zu werden. Aus dem Blickwinkel der IT-Verantwortlichen geht es nicht um Mobile, sondern um die Frage, wie tragfähige, technische Infrastrukturlösungen aussehen, mit deren Hilfe alle Kanäle bespielt werden können; es geht um das Zusammenspiel von Desktop, Tablets, Mobile, POS oder TV und die der jeweiligen Anwendungssituation entsprechende Aufbereitung der Informationen und digitalen Prozesse. 

 

Dr. Josef Brewing ist …

seit 2005 als Geschäftsführer der adesso mobile solutions GmbH tätig. Zuvor war er in mehreren Unternehmen in leitender Position tätig. 2001 gründete er ein Unternehmen im Bereich Mobile Messaging und veräußerte dieses 2004. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und promovierte zum Dr. rer.oec.

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