Noch viele Fragen offen

Fit fürs Kassengesetz 2020?

Im Interview berichtet Stefan Kutz, Partner-Manager bei Orderbird, über das Hochkochen des Themas „Belegausgabepflicht“ im vergangenen Jahr, wie die Händler darüber denken und wie sie ihre Kassen fit für das Kassengesetz 2020 machen können.

Stefan Kutz, Partner-Manager bei Orderbird

„Wichtig ist, dass die Einhaltung dieser Regeln auch ausreichend überprüft wird“, betont Stefan Kutz, Partner-Manager bei Orderbird.

MOB: Herr Kutz, zum Schutz vor Manipulation an digitalen Grundaufzeichnungen müssen elektronische Aufzeichnungssysteme seit Jahresbeginn über eine zertifizierte technische Sicherheitseinrichtung verfügen. Wie hat der deutsche Handel das Thema „Kassengesetz 2020“ grundsätzlich aufgenommen?
Stefan Kutz:
Seit 2010 wurden in Etappen immer wieder neue Regeln eingeführt. Die schrittweise Umsetzung sollte unsere Händler unterstützen. Sie konnten sich so den neuen Anforderungen stellen, ihre Prozesse verbessern und sich kostensensitiv auf die neuen Anforderungen vorbereiten. Die meisten Händler arbeiten heute sowieso schon finanzamtkonform nach der GoBD, sodass die Umstellung auf die „TSE“ (technische Sicherheitseinrichtung) als ein Upgrade zu bezeichnen ist. Seltsamerweise kochte in der letzten Woche des vergangenen Jahres das Thema „Belegausgabepflicht“ hoch. Bis heute haben die Händler noch viele Fragen zu diesem Thema. Sie empfinden diese Regel als hinderlich im Arbeitsablauf und haben zusätzlich ökologische Bedenken.

MOB: Haben sich Ihrer Einschätzung nach alle Handelsunternehmen rechtzeitig und umfangreich mit dem Thema auseinandergesetzt oder bringt sie das Kassengesetz nun in Bedrängnis?
Kutz:
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Kassensystemhersteller ihre Hausaufgaben sehr gut gemacht haben. Sie lancierten tausende von Beiträgen im Internet, Radio und Print. So können wir heute sagen, dass die Mehrheit der Händler ein Basiswissen zum neuen Kassengesetz haben sollten. Die Begrifflichkeiten TSE und Belegausgabepflicht sind mittlerweile häufige Suchbegriffe im Internet, da die ersten Fristen zum neuen Kassengesetz bereits gelten. Die meisten dieser Anfragen, speziell aus der Gastronomie, finden bei uns Antworten. Aus technischer Sicht können wir natürlich nur für uns sprechen. Wir sind TSE-ready und haben bereits Testkunden fiskalisiert, die mit unserer Online-TSE aktiv sind und ohne Probleme arbeiten. Das BSI, das Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik, hat jedoch einzelne TSE-Lösungen noch nicht zertifiziert. Somit liegt die Verzögerung der Umsetzung für alle Kunden nicht bei uns. Wir erwarten hier zeitnah eine positive Meldung.

MOB: Welchen konkreten Aufwand (zeitlich, finanziell ...) bedeutet das Kassengesetz 2020 für die Händler? Mussten/müssen sich jetzt alle betroffenen Unternehmen neue Kassensysteme zulegen?
Kutz:
Alle Händler, die sich in den vergangenen zwei Jahren oder früher eine neue GoBD-konforme Kasse gekauft haben, dürften eigentlich für das neue Kassengesetz mit entsprechender TSE bereit sein. Aktuell gibt es dafür zwei Lösungen auf dem Markt: Die technische Sicherheitseinrichtung lässt sich offline mittels eines neuen Bondruckers lösen, aber auch mit einer Online-TSE, die wir klar bevorzugen. Warum? Mit unserer Online-TSE-Lösung sind unsere Kunden vor Verlust der Daten und Beschädigungen geschützt und benötigen keine neue Hardware, teure Neuanschaffungen entfallen dadurch. Auch ist der Speicherplatz unlimitiert, sodass in zwei bis drei Jahren keine weitere Hardware neu angeschafft werden muss. Außerdem lässt sich die Online-TSE für jeden unserer Kunden innerhalb von fünf Minuten von überall aktivieren. Die TSE mittels Bondrucker kostet zwischen 250 und 400 Euro und muss alle drei Jahre erneuert werden. Unsere Online-TSE-Lösung kostet im Jahr 99 Euro. Falls Händler sich bis heute jedoch keine Kassen angeschafft haben, die den Vorgaben der GoBD und seit 2020 auch der KassenSichV entsprechen, stehen sie nun natürlich stark in der Pflicht.

MOB: Inwieweit können bereits im Einsatz befindliche Kassensysteme technisch aufgerüstet und damit fit fürs Kassengesetz 2020 gemacht werden?
Kutz:
Nicht alle Kassensysteme in Deutschland können nach den neuen Regelungen technisch nachgerüstet werden. Dabei handelt es sich zumeist um Kassen, die eher ältere technischen Lösungen nutzen, die schon damals 2017 für die Regeln der GoBD nachträglich aufgerüstet werden mussten. Nun hat der Gesetzgeber eine weitere Frist eingeräumt. Kassensysteme, die vor dem 1. Januar 2017 angeschafft wurden, den Regelungen der GoBD entsprechen und technisch nicht umrüstbar sind, dürfen noch bis Ende 2022 eingesetzt werden. Danach dürfen sie jedoch nicht mehr genutzt werden.

MOB: Worauf sollten Unternehmen bei der Auswahl eines entsprechenden Kassensystemspezialisten achten?
Kutz:
Grundsätzlich empfehlen wir Unternehmen, Kassensysteme von größeren Kassenherstellern zu erwerben. Unserer Erfahrung nach werden neue gesetzliche Vorgaben schneller und effizienter von solchen Herstellern umgesetzt. Außerdem sollte das System über ein Internet-Update aktualisierbar sein. Bei lokalen Kassenhändlern kommen sonst häufig hohe Kosten auf den Unternehmer zu, wodurch im Zweifel natürlich auch mal einige Aktualisierung nicht vorgenommen werden und das System somit schnell veraltet.

MOB: Worin bestehen die Vor- und Nachteile eines android-basierten Kassensystems (mobil oder stationär) im Vergleich zu Registrierkassen auf Basis proprietärer Software?
Kutz:
Generell sehen wir viele Vorteile bei modernen Software-Lösungen im Gegensatz zu älteren technischen Lösungen. Neue Systeme bieten meist effizientere Prozesse, Arbeitserleichterungen und die Sicherheit, den neuesten gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen. Außerdem bieten sie volle Kosten- und Umsatzkontrolle, jederzeit und überall. Diese Vorteile waren in früheren Zeiten nur Unternehmern vorbehalten, die sich sehr teure proprietäre Kassensysteme leisten konnten. Nun können sich diese Vorteile auch die Individualgastronomen leisten. Natürlich gibt es auch einen Nachteil. Diesen sehen wir in Regionen, in denen die Breitbandversorgung noch nicht stark genug ausgebaut wurde.

MOB: Welche Rolle nehmen hier iPad-Kassen ein?
Kutz:
iPad-Kassen sind in den letzten zehn Jahren die technologische Revolution im Kassenmarkt. Das sehen wir nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und in der ganzen Welt. Bei unserem tablet-basierten Kassensystem setzen wir ebenfalls auf das iPad und somit auf die Technologie von Apple, die mit ihrem System zwar restriktiv, aber eben auch intuitiver in der Anwendung sind. Es ist ein sehr sicheres System, wodurch es sich für ein Kassensystem gut nutzen lässt. Genauso haben natürlich auch android-basierte Systeme ihre Vorteile, die man entsprechend nutzen und einsetzen kann.

MOB: Seit dem 1. Januar 2020 muss nicht nur jede verwendete Kasse beim zuständigen Finanzamt gemeldet werden, sondern es gilt auch eine Belegausgabepflicht, die technologie-neutral ausgestaltet sein soll, d.h. die Quittung gibt es klassisch auf Papier, per E-Mail oder direkt aufs Smartphone. Doch inwieweit kommt letztere Variante überhaupt schon zum Einsatz? Und gibt es hier eine einheitliche Applikation/Schnittstelle oder muss man sich von jedem einzelnen Händler eine entsprechende App installieren, um digitale Kassenzettel empfangen zu können?
Kutz:
Wir fühlen uns als Vorreiter für die Rechnungslegung per E-Mail, die wir schon seit mehr als sechs Jahren anbieten und damit seit jeher lästiges Papier sparen. Aktuell sind wir auch auf der Suche nach Partnern, die eine voll funktionsfähige Lösung für den digitalen Kassenzettel anbieten, die sich leicht von den Endverbrauchern nutzen lässt. Hier hat sich noch keine Lösung klar am Markt durchgesetzt.

MOB: Worin sehen Sie die Vor- und Nachteile eines digitalen Bons? Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt?
Kutz:
Ich sehe gar keine Nachteile. Sowohl die Vermeidung von Papiermüll als auch die Nutzung für den Händler und letztlich auch für den Kunden wird einfacher, effektiver und insgesamt komfortabler.

MOB: Wird durch die neuen Regelungen Ihrer Ansicht nach dem Steuerbetrug wirklich der Riegel vorgeschoben? Wo sehen Sie noch Lücken im Kassengesetz 2020?
Kutz:
Prinzipiell ja, allerdings wird es wohl immer gewisse Lücken geben. Jedoch sind die Regelungen des neuen Kassengesetzes klar und präzise, für jeden anwendbar und unmissverständlich. Das sind wichtige Kriterien, um langfristig gesetzgebenden Erfolg zu garantieren. Ich hoffe in der Zukunft auf weniger Ausnahmen von klar definierten Regelungen, die letztlich den Wettbewerb verzerren und dadurch zu Benachteiligungen führen. Die TSE und die Belegausgabepflicht haben definitiv ihre Berechtigung. Wichtig ist, dass die Einhaltung dieser Regeln auch ausreichend überprüft wird.

Bildquelle: Orderbird

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