Interview mit Startplatz-Macher Dr. Lorenz Gräf

Fördernde und fordernde Umgebung in Köln

Der Startplatz ist zur Zeit einer der spannendsten Orte der Kölner Gründerszene. Hinter dem Startplatz steht die Familie Gräf Holding GmbH. Geschäftsführer Dr. Lorenz Gräf leitet gemeinsam mit seinem Sohn Matthias Gräf das Kölner Projekt. Mit Dr. Gräf, der vor seinem Engagement beim Startplatz die Internet-Firma Globalpark gründete und führte, sprach MOBILE BUSINESS über den Standort Köln.

„Der Startplatz ist eine Investition in den Standort Köln und in das Gemeinwohl, aber mit der festen Überzeugung, dass der Standort sich somit selber verbessert", sagt Dr. Lorenz Gräf.

In den grellgrünen Räumlichkeiten des Inkubators im Mediapark, einem hauptsächlich in den 1990er Jahren angelegten Gewerbepark mit markanten Büro-Hochhäusern, stehen auf 1.600 Quadratmetern Co-Working-Arbeitsplätze sowie Konferenz- und Büroräume für Gründer zur Verfügung. Hier finden zahlreiche Veranstaltungen statt, im geschäftigen Kommen und Gehen werden vor allem an der Kaffeemaschine Kontakte geknüpft. App-Entwickler wie Maple Apps oder die mobile Payment-Spezialisten von Wombat Software sind hier ebenso zu Hause wie Ali Mokhtari, der auf Zoomm.me redaktionelle Videobeiträge über die Kölner IT-, Netz- und Gründerszene publiziert. Im Startplatz findet zudem der monatliche Rheinland-Pitch, eine ambitionierte Vorstellungsrunde der Kölner Startup-Szene, statt.

Herr Gräf, seit wann gibt es den Startplatz und wie kam es dazu?

Dr. Lorenz Gräf:
Wir haben den Startplatz im November hier im Mediapark gegründet, ganz einfach, weil wir den Bedarf dafür gesehen haben. Das Gefühl war, dass hier etwas fehlte, was es in dieser Form noch nicht gab und dass man so etwas starten müsste. Eigentlich hätten andere gemusst, aber wir haben uns gesagt: Das können wir auch selber machen.
 
Letztlich ist es eine Investition in den Standort Köln und in das Gemeinwohl, aber mit der festen Überzeugung, dass der Standort sich somit selber verbessert. Sei es für die Startups, die wir fördern, sei es für die Projekte, die wir gerne voranbringen wollen und bei denen uns gut ausgebildete Leute weiterhelfen können.

Gleichzeitig wollen wir verschiedene Themen, von denen wir finden, dass sie in Köln bisher unterrepräsentiert sind, stärker ins Rampenlicht rücken, z.B. das Thema Entrepeneurship für Firmen in dynamischen Märkten.

Warum sind diese Themen bisher in Köln unterrepräsentiert?

Gräf:
Die neue, disruptive Internet-Industrie ist noch jung. Google und Amazon wurden in den 1990er Jahren gegründet. Jetzt sieht man, dass diese Unternehmen in großem Ausmaß Rahmenbedingungen verändern, so dass sich Firmen danach richten müssen. Zu diesen Umwälzungen gibt es noch nicht allzu viel Reflexionswissen. Wir wollen unseren Beitrag leisten, das vorhandene Reflexionswissen aufzunehmen und zu verstärken. Deswegen veranstalten wir hier regelmäßig Vorträge zu diesen Themen. Üblicherweise findet sich solches Wissen an Universtäten und Hochschulen. Dort dauert aber die Ablösung von Paradigmen zu lange für die schnell drehende Internet- und Mobilbranche.

Fehlt am Standort Köln ein Informatik-Studiengang?

Gräf:
Dieser fehlt absolut. Aber Köln hat den Vorteil, dass es im Zentrum von über 16 Hochschulstandorten liegt. An der nahen Fachhochschule Rhein-Sieg oder in Aachen und Bonn werden sehr gute Informatiker ausgebildet. Köln muss Anziehungskraft entwickeln, damit diese Leute hier hinkommen und sich austauschen.

Man muss Köln ein bisschen von der Selbstreferenz wegnehmen, so dass man gerne mit Aachenern und Düsseldorfern zusammenarbeitet und die Vorteile davon zu schätzen lernt, dass man in der Mitte eines schönen Spinnennetzes sitzt.

Wenn junge Gründer gute Ideen und einen vernünftigen Plan haben - was müssen sie tun, um im Startplatz aufgenommen zu werden?

Gräf:
Hier muss man einfach nur vorbei kommen. Man muss in der Lage sein, seinen Co-Working-Platz zu bezahlen, das ist alles. Um Ideen zu fördern, haben wir nun auch Stipendien ausgeschrieben. Damit können Gründer für drei Monate hier arbeiten. Das werden wir kontinuierlich tun, um jenen Talenten Raum zu geben, die sich noch nicht so weit entwickelt haben, um 200 bis 300 Euro monatlich für einen Arbeitsplatz zu bezahlen.

Die Kandidaten für ein Stipendium mussten uns dazu in der letzten Runde durch ein innovatives Video überzeugen. Sie konnten so ihre Kreativität unter Beweis stellen. Leute, die kreativ und ambitioniert sind, bringen die anderen Mitbewohner am Startplatz voran.

Das ist also die Grundidee hier – sich gegenseitig voranzubringen?

Gräf:
Genau so ist es. Eine weitere Idee sind die Veranstaltungen, mit denen wir „erwachsene“ Business-Leute an den Startplatz bringen, um den jungen Leuten, die dynamische, frische Ideen haben, ein Publikum zu bieten, an dem sie sich mit gestandenen Kaufleuten und Managern messen können. So lernen sie, Kunden zu überzeugen. Oder sie bekommen eine entscheidende Frage mit auf den Weg, an der sie zu knacken haben.

Unsere Idee ist es, einen zentralen Ort zu schaffen – keinen virtuellen Ort, sondern einen, an dem zufällige Begegnungen entstehen können. Wir tun alles, um systematisch unsystematische Zufälle entstehen zu lassen. Wir müssen uns über den Weg laufen, in die Augen blicken, uns fragen: „Was machst du eigentlich?“ und ins Gespräch kommen.

Sind Sie an einigen der Projekte im Startplatz beteiligt?
Gräf:
Wir sind an ein paar Startups beteiligt, aber nicht an allen, dies ist keine Voraussetzung für die Teilnahme am Startplatz. Das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen, dass sich hier die Besten zusammenfinden und nicht die Besten, zu denen es ein Matching unserer Beteiligungskriterien gibt.

Sie haben internationale Erfahrung mit einigen Startup-Investitionen. Gibt es aus dieser Perspektive heraus typisch deutsche Befindlichkeiten dieser Szene?

Gräf:
Deutschland hat seine Vorteile, wenn es um Qualitätsbewusstsein oder Gründlichkeit geht. Manchmal wird allerdings zu lange nachgedacht, zu lange verstecken Gründer gute Ideen und glauben, wichtige Geheimnisse zu haben, die Mitbewerber nicht erfahren dürfen. Da kann man aus dem Silicon Valley lernen, dass man durch das Reden über seine Projekte viel schneller vorwärts kommt als durch Verschweigen.

Fehlt in Deutschland die Gründermentalität?

Gräf:
In einem bestimmten Ausmaß, ja. Mit Sicherheit gibt es Vorurteile gegenüber Leuten, die schon einmal mit einer Idee gescheitert sind oder eine Insolvenz hingelegt haben. Woran das liegt – das weiß ich nicht. Doch ohne Fehler kann man nicht lernen, das ist eine Grundvoraussetzung.
 
Wie bewerten sie die institutionellen und strukturellen Rahmenbedingungen in Köln?

Gräf:
Wir wollen ja immer gerne, dass das Land, der Bund und die Stadt vorangehen und dass der Oberbürgermeister verkündet: „Wir wollen, dass Köln ein digitaler Medienstandtort wird.“ Nun, das wurde bisher nicht so deutlich als Top-Priorität benannt. Aber wenn das so ist, sollte man nicht lange lamentieren, sondern dann muss man als Macher hingehen und sagen: Wir wollen es trotzdem - und gemeinsam mit interessierten Leuten machen und tun. Letztlich kann man nur etwas verändern, wenn man aktiv wird. Das ist es, was Unternehmer und Gründer auszeichnet. Man muss machen und tun.

Warum haben Sie sich für diesen Standort hier im Mediapark entschieden?

Gräf:
Ich bin Soziologe und habe viele soziale Netzwerkanalysen durchgeführt. Mich hat bei der Standortwahl eine Studie beeinflusst, die sich mit den erfolgreichen Ausgründungen am MIT in Harvard befasst hat. Dabei kam heraus, dass Firmen, die sich im Umkreis von einer halben Meile rings um den Campus niedergelassen hatten, doppelt so erfolgreich waren wie Firmen, die weiter weg saßen. Was mir am Ende sehr plausibel vorkam, denn wenn Gründer an einem Standort sitzen, bei dem sie beim Mittagessen anderen Experten über den Weg laufen, bekommen sie sehr schnell mit, ob die neue Idee Blödsinn ist oder ob sie gut ist. Das heißt, man ist in einer fördernden und fordernden Umgebung.
 
Gleichzeitig weiß ich aus anderen Studien zur Telearbeit, dass Menschen nur eine bestimmte Wegstrecke zu Fuß überbrücken: einen halben Kilometer. Eine Reichweite von einem halben Kilometer Fußläufigkeit ist also sehr wichtig. Da gab es in Köln nur zwei Standorte, die diesen Kriterien entsprachen. Der eine ist der Rheinauhafen, der andere ist der Mediapark. Und die Immobilie, die wir im Mediapark gefunden haben ist menschenfreundlicher, als die, die wir im Rheinauhafen zur Auswahl hatten. Hier kann man nämlich die Fenster aufmachen, wenn draußen das Gewitter tobt und man mal Klartext vom Wetter hören möchte.

Und hier gibt es mehr alltägliche Infrastruktur als im Rheinauhafen?
Gräf:
Ja, hier ist bereits mehr gewachsen. Was auch entscheidend ist, und das gilt für beide Standorte: sie sind mit dem Auto sehr gut zu erreichen, es gibt ausreichend Parkplätze, niemand muss eine Viertelstunde einen Parkplatz suchen.

Was uns zudem sehr wichtig ist: Leib und Seele müssen stimmen bei unseren Besuchern. Wir setzen alles daran, dass hier interessante  Veranstaltungen gelingen – trotzdem ist es für uns und die Besucher gut zu wissen, dass für ein After-Work-Kölsch das Belgische Viertel nicht weit ist, mit vielen Kneipen und anderen Locations.

Gibt es typische Kölner Qualitäten, die bei Gründungen helfen?
Gräf:
Die Kölner sind robust und durch den Karneval geschult, andere Identitäten anzunehmen. Die Kölner können mit komplexen Situationen gut umgehen, das sind souveräne Leute. Natürlich können Kölner sehr schnell mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen, das ist sehr wichtig, und eigentlich trauen sie sich viel, denn sie haben Selbstbewusstsein.
Grundsätzlich ist Köln eine Umgebung, in der viel traditionelles, klassisches Business stattfindet. Viele Kunden sind vor Ort.

Ist das auch ein Vorteil gegenüber Berlin, wo es zwar viele Kreative und Investoren, aber außer Institutionen keine großen Kunden vor Ort gibt?
Gräf:
Das ist eine Wahrnehmung, die ich auch mit meiner früheren Firma Globalpark gemacht habe. Wir hatten im Jahr 2000, als der Hype groß war, viele Termine in Berlin. Nachdem der Neue Markt dann eingebrochen war, hatten wir für viele Jahre keine Termine mehr dort. Und das, obwohl wir mit Globalpark die Hälfte der Dax-30-Unternehmen als Kunden hatten. In Köln sitzt man in einer Stadt, in deren Reichweite von 50 bis 100 Kilometern viele der besten Firmen ansässig sind. Das ist ein großer Vorteil.

Wie fällt nach den ersten Monaten des Startplatzes Ihr Fazit aus?
Gräf:
Das Fazit ist positiv, wir sind sehr gut angenommen worden vom Standort Köln. Wir haben viele Co-Veranstalter gefunden – z. B. Firmen, die hier ihr Brain- oder Tweetcamp veranstaltete haben. Wir brauchen diese Veranstaltungen von außen, damit der Startplatz lebt.

Wir haben ein gutes Verhältnis mit dem Clusterhaus, hätten auch sicher ein gutes mit dem nun leider insolventen Betahaus gehabt. Mit dem neuen Solution Space 2 und dem Clusterhaus könne wir hier ein spannendes Bermudadreieck für Köln schaffen. Mit Capnamic ist außerdem ein Investor in die Nähe gekommen. Es gibt also sehr viel Business drum herum - es macht Sinn, sich hier zu tummeln.
 
Die etablierte Seite der Wirtschaft ist also interessiert daran, was hier passiert?
Gräf:
Das Interesse ist da. Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten, erst muss man ja zeigen, dass etwas Sinn ergibt. Wir freuen uns über die vielen Leute, die hier vorbeikommen und mithelfen, dass die Atmosphäre lebendig bleibt. Das können wir alleine nicht leisten, das müssen unsere Gäste, unsere Mitstreiter leisten. Personen wie Oliver Thylmann, Thomas Grota von der Telekom oder das Projekt „The Pirates Inn“ beleben den Startplatz zusätzlich. Ich habe den Eindruck, hier rückt zusammen, was zusammen gehört.

Und der Standort Köln darf sich freuen, dass jemand mit langem Atem hinter diesem Projekt steht?
Gräf:
Wir haben auf jeden Fall eine gewisse Mietbindung hier. Es ist sinnvoll, Projekte wachsen zu lassen, wie in der Pflanzenwelt. Wenn man ein Haus baut und einen Garten anlegt, hätte man auch gerne, dass die Bäume schon alt sind. Doch Pflanzen müssen wachsen. So ist es auch hier: wenn wir etwas aufbauen wollen, dann brauchen wir Zeit. Infrastrukturbemühungen brauchen Zeit.

www.startplatz.de

Bildquelle: Startplatz

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