Integrierte Routenoptimierung und Telematik

Fokus auf den Servicegedanken

Couplink-Vorständin Monika Tonne erklärt im Interview, wie digitale Telematiklösungen den Ansprüchen der modernen Transportlogistik gerecht werden und gleichzeitig Problemen wie Fachkräftemangel oder CO2-Ausstoß begegnen.

Couplink-Vorständin Monika Tonne

Monika Tonne, Couplink

MOB: Wo ist die Digitale Transformation in der Transportlogistik am deutlichsten zu spüren? Welches sind Dinge, die heute digital organisiert werden, die vor zehn oder 15 Jahren so noch nicht denkbar gewesen wären?
Monika Tonne:
Für die Transportlogistik rückt der kundenorientierte Servicegedanke immer mehr in den Vordergrund. Früher ging es vornehmlich um die Kontrolle der eigenen Fahrer. Heute ist es wichtig, den Kunden transparent über den Verbleib seiner Waren zu informieren. Dabei spielt der Aspekt „Estimated Time of Arrival“ (ETA) eine große Rolle. Ein gutes Beispiel ist Amazon: Das Unternehmen setzt beim Kundenservice auf größtmögliche Transparenz und informiert Sie daher von der Bestellung bis zur Lieferung über die einzelnen Schritte: Ist das gewünschte Produkt noch verfügbar? Wo befindet es sich gerade? Wann kommt die Ware bei mir an? Ist sogar eine „Same Day Delivery“ möglich? Während Kurierdienste in diesem Bereich schon sehr gut aufgestellt sind, gibt es bei Stückgutspeditionen noch viel Nachholbedarf. Deren Auftraggeber (z. B. Möbelhäuser) wissen nach Übergabe der Ware an die Spedition in der Regel nicht, wann genau ihre Lieferung – etwa ein Möbelstück – bei dem Endkunden eintrifft.

MOB: Wo gibt es aktuell in ihrer Branche noch Nachholbedarf beim Thema Digitalisierung und welche Akteure sind hier gefragt?
Tonne:
Viele Studien belegen, dass insbesondere im Logistiksektor noch „Luft nach oben“ ist. Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Gerade Speditionen verstehen unter Digitalisierung oft nur Ortung, Tracking and Tracing und das Anbinden der Fahrzeugschnittstelle. Dabei fängt es, aus unserer Sicht, hier erst an. Die Vorteile der Digitalisierung erschließen sich vollständig, wenn man sie für die gesamten Prozesse im Unternehmen nutzt – z. B. mittels Künstlicher Intelligenz für eine intelligente, integrierte Routenoptimierung. Selbst große Handelsunternehmen, die mit Subunternehmen zusammenarbeiten, wissen etwa häufig nicht, wo sich ihre Ware während der Lieferung befindet. Dabei können auch Subunternehmen mittels vernetzter Telematik für die nötige Transparenz sorgen.

MOB: Welches sind die größten Herausforderungen, vor denen die Transportbranche aktuell steht, und wie können Telematiklösungen hier Abhilfe schaffen?
Tonne:
Die Digitalisierung bzw. die Telematik im Besonderen bietet Lösungen für viele Probleme der Logistiker. Durch automatisierte Prozesse und eine innovative Routenoptimierung kann man beispielsweise sowohl dem Fachkräftemangel als auch begrenzten Ressourcen entgegenwirken. Außerdem kann der CO2-Ausstoß verringert werden, wenn Routen optimal geplant werden und Fahrer ihre Aufträge effizient abfahren können. Probleme bei der unternehmensübergreifenden Vernetzung stellen jedoch die zerstückelte Softwarelandschaft und die wenig genutzte Schnittstellen-Standardisierung dar.

MOB: Einige Beschäftigte im Logistikumfeld sehen die zunehmende Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen skeptisch – fürchten sie doch um ihre Arbeitsplätze. Wie begegnen Sie diesen Befürchtungen?
Tonne:
Wir sehen nicht die Automatisierung, sondern den Fachkräftemangel als eine Gefahr für Logistiker. Es sollen ja keine Mitarbeiter ersetzt werden, sondern mittels Digitalisierung all jene Anforderungen der Kunden berücksichtigt werden, um die sich zuvor auch kein Mitarbeiter kümmern konnte. Der Servicegedanke der Unternehmen wird somit optimiert. Wenn sich Logistiker vor diesen Entwicklungen sperren, sind sie, meiner Meinung nach, auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig.

MOB: Ihre Flottenlösung arbeitet Hardware-unabhängig – welches sind hier die Vorteile? Welche Herausforderungen stellte dies an Ihr Entwicklerteam?
Tonne:
Die Herausforderung für unser Entwicklerteam bestand zu Beginn darin, geeignete Softwarekomponenten zu finden, welche die Unabhängigkeit von Betriebssystemen ermöglichen. Unsere Telematiklösung läuft auf allen Betriebssystemen und Endgeräten. Logistiker müssen daher nicht in neue Hardware investieren, sondern können die vorhandene nutzen. Hier kommt das Prinzip „Bring Your Own Device“ zum Tragen: Es spart den Kunden Kosten und vereinfacht das Einbinden von Subunternehmern.

MOB: Wie hat sich die aktuelle Corona-Situation auf ihr Geschäftsfeld ausgewirkt? Welche Erkenntnisse konnten Sie daraus gewinnen? Hat die Krise ggf. sogar als „Katalysator“ für die Einführung digitaler Prozesse gesorgt?
Tonne:
Viele Logistiker haben erkannt, dass diejenigen, die sich bereits mehr mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt haben, klar im Vorteil sind. Die Transportrouten konnten sich etwa zu Beginn der Corona-Krise täglich ändern – Kunden kamen hinzu, manche fielen gänzlich aus. Unternehmen, in denen manchmal nur ein Fahrer eine Route kannte, wie bei der kommunalen Hausmüllentsorgung oder auch bei Unternehmen, die Schmutzmatten oder ähnliches austauschen, standen vor neuen Herausforderungen: Ihr Stammfahrer fehlte und nun mussten Aushilfsfahrer für sie unbekannte Touren fahren und ggfs. auch noch die auszutauschenden Schmutzmatten im Unternehmen suchen. Ein modernes Telematiksystem mit integrierter Routenoptimierung konnte hier schnell Abhilfe schaffen. Denn wurden Routen digital gespeichert, konnten auch Fremdfahrer sie problemlos abfahren. Das haben viele erkannt, was sich in der deutlich gestiegenen Nachfrage nach solchen Lösungen zeigt.

MOB: Welches sind die nächsten „großen“ Digitalthemen mit denen sich die Transportlogistik in den kommenden Jahren befassen wird?
Tonne:
Die Technik entwickelt sich immer weiter und die Möglichkeiten, die sie bietet, sind immens. Hier treibt uns vor allem das Thema Vernetzung an: Die gesamte Supply Chain sollte eine Einheit bilden. Ein durchgängiger, unternehmensübergreifender und sicherer Austausch mobiler Auftrags- und Telematikdaten für Tracking und ETA ist schon heute ein wichtiges Thema. Doch die dafür benötigten standardisierten Schnittstellen fehlen in der Logistik noch immer. Daher arbeiten wir mit dem von uns mitgegründeten Verband OpenTelematics e. V. daran, eine softwareunabhängige Standard-Schnittstelle für die gesamte Branche zu etablieren. Bereits über 40 Softwarehersteller nutzen diese – aber das ist erst der Anfang.

In den Bereich Vernetzung fällt auch die integrierte Sensortechnik, die wiederum dafür sorgt, dass zum Beispiel Güter, Container und Trailer oder „intelligente“ Paletten mit den Logistikprozessen verknüpft werden. Derzeit ist die Logistik noch immer sehr damit beschäftigt, Daten zu sammeln. Daher wird mit Sicherheit der Bereich der Künstlichen Intelligenz weiter forciert werden. So können beispielsweise Routen auf Basis vergangener Auslastungsdaten und Zwischenfälle realitätsnah geplant werden. Dadurch können wiederum Fahrtzeiten verkürzt und Kosten gesenkt werden. Wir können davon ausgehen, dass zukünftig ein integriertes Routenoptimierungssystem vorhanden sein muss, um in Städten fahren zu dürfen, da so der CO2-Ausstoß reduziert werden kann.

((Bildquelle: Couplink))

 

 

 

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok