Der Mensch 4.0

Frei bleiben in einer digitalen Welt

Inwieweit kann die Digitale Transformation künftig demokratischen Staaten, liberalen Gesellschaften und individuellen Freiheitsrechten gefährlich werden? Die Autorin Dr. Alexandra Borchardt skizziert beunruhigende Entwicklungen, zeigt aber auch auf, wie sich Menschen in der digitalen Welt behaupten oder neu erfinden können.

Fliegende Tauben im Sonnenlicht

Agieren Menschen in der Digitalwelt bald nur noch als Narzissten, die als Freiheitsideal einen extremen Individualismus verfolgen? Dieser und anderen Fragen geht die Journalistin Alexandra Borchardt in ihrem Buch „Mensch 4.0: Frei bleiben in einer digitalen Welt“ auf den Grund.

Bereits heute verändert die Digitalisierung zahlreiche Lebensbereiche. So gibt es erste Testszenarien mit Autonomen Fahrzeugen, der Online-Handel fährt immer mehr Gewinne ein und im Zuge von Arbeiten 4.0 und Robotik prognostizieren Analysten, dass der erwerbstätige Mensch in nicht allzu ferner Zukunft der Geschichte angehören wird. Diese und viele andere Beispiele aus dem Gesundheitswesen, der Medienlandschaft oder dem Bildungswesen zeigen, dass in Sachen Digitalisierung noch lange kein Ende der Fahnenstange abzusehen ist.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die Journalistin Alexandra Borchardt, ehemalige Chefin vom Dienst bei der Süddeutschen Zeitung, in ihrem Werk „Mensch 4.0: Frei bleiben in einer digitalen Welt“ der Frage, wie man demokratische Prinzipien sowie Grund- und Menschenrechte (wie das Recht auf Privatsphäre) in einer von staatlichen oder wirtschaftlichen Monopolisten geprägten digitalen Welt bewahren bzw. neu gestalten kann. Während Borchardt dafür zunächst das Grundlagenwissen rund um digitale Technologien vermittelt, skizziert sie in den darauffolgenden Kapiteln die damit einhergehenden Chancen und Risiken.

Dabei geht es der Autorin nicht darum, digitale Technologien grundsätzlich zu verdammen. Dennoch hebt sie an der einen oder anderen Stelle warnend den Finger. Sie betont, dass es keine Blaupause für den Menschen der Zukunft gibt. Denn die Realität entwickle sich anders als etwa in George Orwells „1984“ oder in Dave Eggers Google-kritischem Werk „The Circle“ aufgezeichnet. Laut der Autorin hat die Menschheit die künftige Entwicklung selbst in der Hand. „Die digitale Welt lässt sich gestalten, und zwar von uns. Um das aber zu können, müssen wir ihre Gesetze, die herrschenden Machtverhältnisse und ihr Potential zunächst einmal kennen“, schreibt Borchardt. Vor diesem Hintergrund will das Buch Hintergründe aufzeigen und Aufklärungsarbeit in Sachen Digitalwelt leisten.

Die Folgen für Gesundheit und Psyche

In einem von insgesamt acht Kapiteln beleuchtet die Autorin die physischen wie psychischen Auswirkungen der Digitalisierung auf den Menschen. Rund 150-mal oder gar öfter entsperren Smartphone-Besitzer täglich ihr Gerät. Die Folge sind häufig klassische Suchtsymptome, beispielsweise wenn „Likes“ oder „Dislikes“ in sozialen Netzwerken den Hormonspiegel der User durcheinander wirbeln.

Überdies können mobile Endgeräte dafür sorgen, dass die Nutzer die Fähigkeit zum Zuhören, zur Konversation oder zur Konzentration verlieren. Viel zu schnell lassen sie sich vom Eingang einer Whatsapp-Nachricht oder E-Mail ablenken. Nicht selten sieht man Pärchen oder Gruppen von jungen Menschen zusammensitzen und synchron mit gesenkten Köpfen auf ihre Smartphones starren. Wissenschaftler wie die US-amerikanische Psychologin Sherry Turkle gehen gar davon aus, dass durch das zunehmende Abdriften in virtuelle Datenräume etwas „zutiefst Menschliches verlorengeht: die Empathie“.

Nicht zuletzt verändern sich im Zuge der Digitalisierung menschliche Fähigkeiten wie Erinnern und Vergessen. Während man sich in der analogen Welt allein aus Eigenschutz eher an positive Momente erinnert und unschöne Zeiten verdrängt, vergisst das Internet nichts. So sei beispielsweise die „Timeline“ bei Facebook jederzeit und von vielen Nutzern abrufbar, während man sich Fotoalben früher nur zu bestimmten Gelegenheiten angesehen habe. An dieser Stelle verweist Alexandra Borchardt auf die Bemühungen verschiedener Experten, die beispielsweise ein automatisches Verfallsdatum für Webinhalte oder einen sogenannten „digitalen Radiergummi“ für das Löschen bestimmter Informationen vorsehen. Die Crux: Wer darf entscheiden, was zu vergessen und was erinnerungswürdig ist? Wer kann hier der Zensor sein?

Digitalisierung bedeutet extreme Individualisierung

In weiteren Abschnitten des Buchs geht es um nichts Geringeres als um die Überlebensfähigkeit von Demokratien und sozialer Marktwirtschaft in der digitalen Welt. Denn künftig, so Borchardt, werde die Digitalisierung Gesellschaft, Politik und Wirtschaft grundlegend verändern.

In den Mittelpunkt rückt sie dabei verschiedene Thesen und betont, dass Digitalisierung die Individualisierung vorantreibe. „Es geht um mich, und zwar auf Schritt und Tritt. Unternehmen vermitteln ihren Kunden dies, indem sie ihnen rund um die Uhr vermeintlich passgenaue Produkte anbieten“, heißt es an einer Stelle. Und daraus ergibt sich gleich eine weitere These: Die Nutzer fungieren in der Digitalwelt vor allem als Konsumenten, die rund um die Uhr immer mehr kaufen oder immer mehr persönliche Daten preisgeben sollen. Regiert wird das Internet dabei nicht mehr – wie von den Gründern ursprünglich gewünscht – von Vielfalt und Wettbewerb, sondern von wenigen Supermächten wie Amazon, Facebook oder Google.

In diesem Zusammenhang kommt Alexandra Borchardt an mehreren Stellen des Buchs auf das mit der Digitalen Transformation einhergehende „Diktat der Effizienz“ zu sprechen. Was damit gemeint ist, erläutert sie unter anderem wie folgt: „Zuweilen entsteht der Eindruck, dass es den Internetriesen allein darum geht, den (Turbo-)Kapitalismus am Laufen zu halten mit immer mehr Dienstleistungen und Produkten, wobei die Kunden erst lernen müssen, dass sie solche auch benötigen. Dieser Eindruck versteht sich überhaupt nicht mir einer Menge „weichgespülter Slogans, die von Nachhaltigkeit künden, den Besitz abschwören und das Teilen als neue Philosophie anpreisen. In Wirklichkeit geht es der Wirtschaftswelt vor allem darum, die Effizienz zu steigern und auf diese Weise jedem Produkt noch ein bisschen mehr Profit abzupressen. Das ist kein Spiel, bei dem alle gewinnen. Einiges und einige müssen dabei auf der Strecke bleiben. Und andere wenige machen in dem knallharten Verdrängungswettbewerb den großen Reichbach.“

Damit nicht genug wird im Zuge der Verbreitung von Künstlicher Intelligenz (KI) und Robotik über kurz oder lang die menschliche Arbeitskraft auf der Strecke bleiben. Im Buch wird auf eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Oxford und Yale hingewiesen, die aufzeigen, welche Tätigkeiten wann durch KI ersetzt werden dürften: „Demnach wird es noch 125 Jahre dauern, bis menschliche Arbeitskraft vollkommen durch algorithmische Steuerung ersetzt sein wird. Chirurgen und Bestseller-Autoren können sich noch auf 30 bis 40 aktive Jahre einstellen“, heißt es. Doch bereits in den nächsten 15 Jahren wird das Aus für Berufe erwartet, für die nur eine geringe Qualifikation notwendig ist, darunter etwa Verkäufer, Callcenter-Mitarbeiter oder LKW-Fahrer. KI-Befürworter glauben zwar, dass sich die Mitarbeiter aufgrund des Wegfalls niedriger Tätigkeiten, dann auf höherwertige Aufgaben konzentrieren können. Doch Hand aufs Herz – wie viele davon wird es in einer durch und durch rationalisierten, automatisierten Welt überhaupt noch geben? Und wie lässt sich ein Sozialstaat gestalten, wenn die in vielen Demokratien von Arbeitgebern und -nehmern gemeinsam gestemmten Sozialleistungen verlorengehen? Mit solchen und anderen Fragen will Borchardt die Leser wachrütteln und ihnen gleichzeitig Orientierung mit auf den Weg geben. Denn aktuell geht es vor allem darum, endlich aufzuwachen und zu handeln.

Die Daten zum Buch:
Titel: Mensch 4.0 – Frei bleiben in einer digitalen Welt
Autorin: Alexandra Borchardt
Erschienen: Gütersloher Verlagshaus
EAN: 9783579086927

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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