Lieferketten unter Druck

Frühzeitig die Weichen stellen

Die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, Engpässe bei Rohstoffen und steigende Frachtkosten erschweren derzeit die weltweiten Lieferketten. Gleichzeitig erhöht die EU im Rahmen eines Gesetzes den Druck auf Unternehmen, bei deren wirtschaftlichen Tätigkeiten im Ausland genauer hinzusehen.

Auto mit Süßkram auf dem Dach

Die weltweiten Lieferketten stehen derzeit durch Krieg und Pandemie unter Druck.

„Die Situation ist in der Tat extrem angespannt“, bestätigt Kai Leisering, Managing Director Corporate Compliance bei der EQS Group. Die globalen Lieferketten seien durch die Pandemie immer noch erheblich gestört, nun habe die Invasion Russlands den Druck nochmals massiv verstärkt – teilweise wurden die Handelsströme sogar unterbrochen. Als Beispiel ist die Automobilbranche zu nennen, die in den vergangenen beiden Jahren bereits unter der Halbleiterknappheit litt. „Jetzt standen in den Werken einiger Autobauer sogar zwischenzeitlich die Bänder still, weil Kabelbäume und Bordnetze aus der Ukraine fehlten“, weiß Leisering. Hinzu kommt natürlich, dass viele Transportrouten durch den Krieg gestört oder blockiert sind – vor allem die Luft- und Seefracht. Auch die Schließung von Häfen insbesondere in Asien – z.B. eines Terminals in Chinas zweitgrößtem Hafen Ningbo im August 2021 – löste einen Rückstau von Waren und Materialien aus. „Nicht zuletzt wirken sich die enorm steigenden Energiepreise auf den Transportbereich aus“, ergänzt Ellen Förster, Senior Vice President, SAP Intelligent Spend & Business Network for Middle & Eastern Europe. In der Folge bündelten die Fuhrunternehmen verstärkt ihre Transporte, sodass sich Lieferungen verspäten oder sogar ausfallen.

Auch Matthias Friese, Managing Partner bei Xpress Ventures, sieht die explodierenden Energiepreise, die nicht nur das produzierende Gewerbe wie etwa die Stahl- und Papierindustrie unter Druck setzen. Seiner Ansicht nach können vollständige Öl- und Gasembargos nicht ausgeschlossen werden. Vielen Unternehmen und Verbrauchern werde erst jetzt richtig bewusst, wie global verzweigt und kompliziert Lieferketten wirklich geworden sind. Ab sofort müssen sie daher das Thema „Supply Chain Management (SCM)“ neu denken, um rasch und flexibel auf verschiedene Szenarien reagieren zu können – auch unerwartete. „Mit Blick auf die Transformation von Lieferketten zeigt sich, dass neue Herausforderungen neue Lösungen verlangen und damit einhergehend oft auch neue Fähigkeiten“, betont Dr. Andreas Baader, SVP Genpact Managing Partner Barkawi. Vielerorts fehle es an Mitarbeitern, die über das Know-how verfügen, um die notwendige Digitalisierung von Lieferketten voranzutreiben und umzusetzen.

Ein weiteres großes Problem im SCM-Bereich – da sind sich die Experten einig – ist die oftmals fehlende Transparenz. Dabei ist sie der Schlüssel für alle Probleme – von der Planbarkeit bis hin zur Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards, findet Matthias Friese und nennt als Herausforderung z.B. die Überprüfung von Lieferanten zweiter, dritter und vierter Ordnung. Selbiges Problem hebt auch Alex Saric, Experte für Smart Procurement bei Ivalua, hervor: „Viele Unternehmen kennen zwar ihre direkten Top-Lieferanten, doch fehlen ihnen leider oft Informationen über Sub-Tier-Lieferanten.“ Das bedeutet: Sie können kritische Abhängigkeiten nicht auf den ersten Blick erkennen. Digitale Plattformen wie etwa das SAP Business Network sollen an dieser Stelle den Austausch von Informationen vereinfachen und Abläufe transparenter machen. Laut Ellen Förster erhalten Unternehmen einen umfassenden Einblick in die miteinander verknüpften Prozesse von Käufern, Lieferanten und Partnern. Knappe Bestände oder Lieferengpässe sollen sich dadurch schnell erkennen lassen, sodass Unternehmen und Lieferanten gemeinsam Lösungen für Verzögerungen und Rohstoffmangel finden könnten.

LkSG: Angemessenes Risikomanagement

Auch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) könnte zukünftig mehr Licht in den Abhängigkeiten-Dschungel von Käufern, Lieferanten und Partnern bringen und somit für mehr Transparenz im Supply Chain Management sorgen. Es soll ab dem 1. Januar 2023 in Kraft treten – erst einmal nur für Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigen; ein Jahr später dann auch für Betriebe mit mehr als 1.000 Mitarbeitern. Grundsätzlich regelt das Gesetz die unternehmerische Verantwortung für die Wahrung von Menschen- und Umweltrechten in globalen Lieferketten. Dabei enden die Sorgfaltspflichten der Unternehmen nicht vor der eigenen Haustür, sondern beziehen auch das Handeln von Vertragspartnern und Zulieferern ein. „Im Kern geht es um ein angemessenes Risikomanagement, um Menschenrechtsverletzungen zu identifizieren und zu vermeiden“, weiß Ellen Förster. Bei Verstößen sehe das Gesetz Strafzahlungen von bis zu zwei Prozent des Umsatzes vor. Darüber hinaus müssen die betroffenen Unternehmen mit einem Imageverlust rechnen, wenn sie Menschen- und Umweltrechte missachten – denn das kommt natürlich bei den Verbrauchern nicht gut an.

Matthias Friese hält vor allem die Komplexität des Gesetzes für herausfordernd, „da nicht einfach nur Vorschriften übernommen werden können, sondern jedes Unternehmen eine individuelle Analyse durchführen muss“. Zugleich verweist er auf den „Nationalen Aktionsplan – Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte“, der fünf Jahre lang versuchte, freiwillige Verpflichtungen in Bezug auf soziale und ökologische Standards einzuführen. Laut EY kamen 80 Prozent der Unternehmen diesen Sorgfaltspflichten nicht nach. „Deutschland und die EU bilden also nicht gerade die Vorreiter in der Umsetzung konkreter Gesetzesvorhaben auf diesem Gebiet“, kritisiert der Managing Partner. Auch Alex Saric zeigt sich kritisch gegenüber dem LkSG: „Unternehmen befürchten mehr Bürokratie, steigende Kosten sowie eine Schwächung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischen Mitbewerbern, die ihrerseits von keinen Regelungen betroffen sind.“

Sicherlich ist es keine leichte Aufgabe, die internen Prozesse anzupassen oder umzustellen, um die gesamte Wertschöpfungskette zu analysieren. „Allerdings gibt es dazu keine Alternative“, betont Kai Leisering. „Einerseits müssen die Unternehmen ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden, anderseits die rechtlichen Vorgaben erfüllen.“ Zudem verlangen auch immer mehr Investoren, aber auch Kunden, Geschäftspartner und die eigenen Mitarbeiter ein klares Bekenntnis zu den relevanten Environmental-Social-Governance-Standards (ESG). Deshalb sei es wichtig, frühzeitig die Weichen zu stellen, um spätestens 2023, wenn das deutsche Lieferkettengesetz in Kraft tritt, vorbereitet zu sein.

Aus jahrelanger Erfahrung heraus hält Dr. Andreas Baader wiederum die Anforderungen, die mit LkSG auf Unternehmen zukommen, „für überschaubar und sehr gut handhandbar“ – sofern sich Firmen aktiv und strukturiert mit der Modernisierung ihrer Lieferketten für die Zukunft auseinandersetzen und die Digitalisierung ihrer Supply Chain konsequent verfolgen. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz leiste einen großen Beitrag dazu, für Chancengleichheit im internationalen Wettbewerb zu sorgen und sicherzustellen, dass entlang der gesamten Lieferkette humane Bedingungen gelten und auch eingehalten werden.

Digitale Lösungen sorgen für Transparenz

Um ihre Lieferketten digitaler zu gestalten und ab sofort stärker zu kontrollieren, benötigen Unternehmen natürlich entsprechende Lösungen. Hier stehen bereits viele Start-ups mit marktreifen Plattformen und ersten Kunden in den Startlöchern. Zu den derzeit interessantesten zählen nach Ansicht von Alex Saric die Firmen Carbmee (End-to-End-CO2-Management), Ecovadis (Nachhaltigkeits-Ratings) und Tealbook (Supplier Data Foundation). „Kooperationsmöglichkeiten ergeben sich jedoch auch mit Non-Governmental-Organisationen (NGOs) wie Germanwatch, Amnesty International oder Oxfam, die viel Expertise besitzen, um Unternehmen als Mediatoren oder Berater zur Seite zu stehen“, ergänzt Matthias Friese. Die großen Player am Markt hätten eigene Compliance- und Risikoabteilungen, die sich dem Thema nun verstärkt annehmen.

Daimler überwacht seine Lieferketten beispielsweise über eine eigene Lösung namens „Rights Respect System“. Auch VW tut dies – ergänzt durch KI-gestützte Screenings. Tchibo wiederum soll Vorreiter im Fashion-Bereich sein: So habe das Unternehmen insbesondere die Komplexität seiner Zulieferer reduziert und dadurch mehr Transparenz geschaffen. „Zu guter Letzt gibt es auch Datenbanken und Plattformen wie Ecovadis oder Sedex, die auch kleineren Unternehmen individuelle Monitorings ermöglichen“, so Friese.

„Mit unserem Portfolio können Unternehmen sämtliche Prozesse entlang der Lieferkette digitalisieren und die Anforderungen des LkSG umsetzen“, verspricht Ellen Förster von SAP. Über die Cloud-Plattformen Ariba Supplier Risk, Business Network und Fieldglass könnten Unternehmen ihre Dienstleister oder ihre Personalbeschaffung effektiv steuern und verwalten. Die Lösungen könnten mit mobilen Endgeräten genutzt werden, um Informationen sicher von unterwegs einzusehen und zu nutzen.

Die Cloud hebt auch Dr. Andreas Baader von Genpact als wichtige Lösung für die Mobilisierung von Daten hervor: „Man denke hier beispielsweise an Frachtscheine aus unterschiedlichen Standorten einer Firma, die mithilfe der Cloud zentral erfasst werden und so zu einer Optimierung der Lagerhaltungskosten und Bevorratung führen.“ Dem mobilen Übertragungsstandard 5G könne dabei eine Schlüsselrolle zukommen, wenn z.B. Anwendungen, die Analysen und Entscheidungen in Echtzeit ermöglichen, weiter an Popularität gewinnen.

Den Datenschatz heben

Im Rahmen der Digitalisierung kommen Unternehmen heutzutage auch kaum noch an Technologien wie Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI) vorbei, schließlich sorgen sie für die Automatisierung der Geschäftsprozesse. So unterstützen sie Organisationen etwa beim Onboarding neuer Lieferanten, beschleunigen die Beschaffung von Waren und Dienstleistungen, die Zahlung von Rechnungen und verbessern die Zusammenarbeit mit Lieferanten. Dabei sind die Anwendungsfälle für KI im Hinblick auf die gesamte Lieferkette wesentlich fortgeschrittener als die für Robotik, findet Matthias Friese, „wobei letztere natürlich z.B. in der Warehouse-Logistik eine immer größere Rolle spielt“. KI helfe vor allem dabei, die großen Datenmengen globaler Lieferketten effizient zu erfassen und zu verarbeiten sowie auf Entscheidungshilfen herunterzubrechen oder sogar selbsttätig Aktionen auszulösen. Das mache z.B. das Start-up Osapiens. „Mit KI und Data Analytics heben Unternehmen in ihrer Supply Chain einen Datenschatz“, weiß auch Ellen Förster. Mit Predictive Analytics erkennen sie beispielsweise weit im Voraus wichtige Markttrends. So werden Unternehmen nicht mehr von Lieferengpässen oder Verzögerungen überrascht und können zeitnah auf kritische Entwicklungen reagieren, ist sich die Expertin sicher.

Viele Unternehmen haben jedoch das Problem, dass sie auf eine sehr heterogene IT-Landschaft blicken, in der sich relevante Daten in unterschiedlichen Systemen verstecken. Solche Silos müssen aufgebrochen werden und die Datenbasis muss vereinheitlich werden. „So wissen die Mitarbeiter, wo sich welche Art von Information befindet und wie man auf sie zugreifen kann, was die Transparenz in der Lieferkette deutlich erhöht“, ergänzt Förster.

Stand heute können Unternehmen noch keine vollständige Transparenz über ihre Lieferketten sicherstellen, „da sie die Partner ihrer Lieferanten nicht kennen“, weiß Alex Saric. Der Grund: Viele Sub-Lieferanten sind vertraglich zum Stillschweigen verpflichtet und dürfen nicht über Kundenbeziehungen sprechen und diese folglich auch nicht schriftlich für Dritte dokumentieren. Daher ist Lieferkettentransparenz aus Sicht des Ivalua-Experten derzeit noch eine Zukunftsvision, die zwar technisch lösbar sei, jedoch nur durch veränderte Kundenbeziehungen praktisch möglich werde.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Fakt ist, dass die Logistikbranche auch weiterhin in diesem Jahr mit Lieferengpässen und Kapazitätsknappheit sowie massiven Preissteigerungen zu kämpfen hat. Daher muss das Supply Chain Management den nächsten Schritt im Zuge der Digitalisierung gehen und „seine Lösungen in die Cloud heben“, empfiehlt Andreas Baader. „Aus unserer Sicht wird eine der ganz zentralen Fragen in 2022 lauten, wie stabil China als Absatz- und Beschaffungsmarkt mit seinen bedeutenden Fertigungskapazitäten sein wird.“

Laut Alex Saric arbeiten Unternehmen aller Branchen derzeit mit Hochdruck an der Digitalisierung von Einkaufsprozessen und bauen Kompetenzen für einen nachhaltigen Einkauf auf – das ist auch gut so, schließlich sollten Unternehmen im Rahmen des EU-Lieferkettengesetzes damit rechnen, „dass sie früher oder später für die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen und strengerer Umweltvorschriften in ihrer gesamten Lieferkette verantwortlich gemacht werden“, warnt der Experte abschließend.

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok