Digital Leadership

Führungskräfte denken traditionell

Sie nutzen keine digitalen Technologien und orientieren sich an Hierarchien: Die deutschen Manager leben mehrheitlich in der Welt von gestern.

Die digitale Transformation ist das wichtigste Management-Thema aller Zeiten - sagen die Vorständler und Geschäftsführer der meisten großen Unternehmen und auch zahlreicher größerer Mittelständler. Doch die Realität abseits der Sonntagsreden ist ernüchternd, die meisten Manager leben noch in der Welt von gestern. Anspruch und Wirklichkeit bei der digitalen Transformation liegen weit auseinander, nur die wenigsten Führungskräfte haben ausreichend Durchblick.

Verschiedene Verbände und Digitalberatungen haben in den letzten Monaten das Management zahlreicher Unternehmen unter die Lupe genommen - in Studien, die sich dem Thema „Digital Leadership“ widmen. Aus ihnen lässt sich ein gemeinsames Verständnis des „Digital Leader“ herausarbeiten: Er ist ein Manager, der den notwendigen Einfluss im Unternehmen besitzt, um die digitale Transformation zu stemmen. Zugleich benötigt er einen großen professionellen Erfahrungsschatzschatz in digitalen Technologien. Denn seine Aufgabe ist nicht einfach: Er soll bestehende Silos im Unternehmen aufbrechen, alle existierenden Prozesse und Strukturen hinterfragen und die gesamte Organisation auf eine gemeinsame digitale Vision einschwören.

Nur wenige Topmanager nutzen digitale Technologien

Die Studie von Crisp Research zeigt, dass die Omnipräsenz der digitalen Transformation in den Wirtschafts- und Fachmedien einen falschen Eindruck vermittelt: Nur die Hälfte der Befragten Manager glaubt, dass die Digitalisierung für das eigene Unternehmen wichtig ist. So gibt es zwar in vielen Unternehmen jemanden, der sich um digitale Themen kümmert. Doch laut der Deloitte-Studie besitzen mehr als zwei Drittel der entsprechenden Manager überhaupt nicht den notwendigen Einfluss für einen erfolgreichen Wandel.

Die Studie der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) zeigt die digitale Kluft besonders deutlich: Gut drei Viertel der Führungskräfte sagen, dass die Digitalisierung in allen Bereichen extrem wichtig ist. Doch in der Hälfte der Unternehmen ist der digitale Wandel kein Thema. Das liegt an einer einfachen Tatsache: Die wenigsten Führungskräfte sind selber „digitalisiert“. Sie nutzen nur selten digitale Technologien und haben deshalb wenig Ahnung von ihren Möglichkeiten.

Dahinter verbirgt sich ein fundamentales Problem, wie Crisp Research in seiner Studie zeigt. Denn etwa 40 Prozent der Entscheider bezeichnen sich selbst als „Digital Leader“. Ein genauer Blick zeigt jedoch, dass lediglich 7 Prozent der befragten Führungskräfte tatsächlich die entsprechenden Fähigkeiten und die notwendige digitale Denkweise besitzen. Zugespitzt ausgedrückt: Die meisten Führungskräfte wissen noch nicht einmal, wie wenig sie über die digitale Transformation wissen.

Die Studien zeigen darüber hinaus eine diffuse Gemengelage in den Unternehmen. Einerseits wird erkannt, dass hierarchiefreies Denken und Verhalten sowie Vernetzung mit Mitarbeitern zu den wichtigen Fähigkeiten eines „Digital Leaders“ gehören. Andererseits wird der Einsatz von digitalen Werkzeugen für diese Veränderungen abgelehnt: Nur eine Minderheit (15%, DGFP) schätzt Collaboration-Tools als sehr bedeutsam ein, sowohl für die eigene aktive Nutzung als auch den Einsatz im Unternehmen.

Die Pyramidenorganisation ist noch weit verbreitet

Was dadurch völlig aus dem Blick gerät: Digitale Technologien erleichtern die hierarchiefreie Kommunikation und können dadurch einen stark egalisierenden Effekt haben. Der ist aber nicht unbedingt gefragt. Klassische Organisationsstrukturen und Hierarchien bestimmen nach wie vor den deutschen Arbeitsalltag, hat die Haufe Akademie in einer Befragung von 466 deutschen Führungskräften ermittelt.

In der Mehrheit (66%) arbeiten sie in einem sehr hierarchisch geprägten Unternehmen. Die Entscheidungswege in den Unternehmen sind weitgehend durch die Hierarchie vorgegeben und gut die Hälfte der Befragten (43%) nannte die Unternehmensspitze als eigentliche Instanz wichtiger geschäftlicher Entscheidungen. Die klassische Pyramide: In der Spitze wird entschieden, unten ausgeführt. Doch zufrieden sind wohl nur die wenigsten damit, denn weit mehr als ein Drittel (40%) der Führungskräfte sehen Defizite in der Kommunikation der Entscheidungen von oben.

Gleichzeitig ist eine gewisse Erosion der traditionellen Führungsstrukturen zu bemerken. In den meisten Unternehmen gibt es informelle Netzwerke, in die auch erfahrene Mitarbeiter außerhalb von Führungspositionen eingebunden sind. In der Haufe-Studie wird deutlich, dass diese Graswurzel-Netzwerke für den Unternehmenserfolg wichtig sind: Manager pflegen sie in erster Linie, um Ideen zu erzeugen (86%), Arbeitsprozesse zu verbessern (75%) und angemessen informiert zu werden (71%).

Bildquelle: Thinkstock

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