Das Wort zum Jahreswechsel

Fünf Dinge, die Startups 2017 beachten sollten

Das Jahr geht zu Ende und die Startup-Szene sollte nach Silvester mal diese Tipps beherzigen.

In den 1980er Jahren wurde jeder, der einen coolen, stylischen, mit ordentlich Glam überzuckerten Job suchte, Werber. Dann war eine Zeitlang der DJ das Objekt der beruflichen Begierde, zwischendurch sogar mal irgendwas mit Medien. Inzwischen ist es der Gründer - natürlich eines Startups in Berlin, das irgendwie disruptive, mobile, catchy, edgy und so weiter ist. Was kann da schon schiefgehen? Natürlich nichts, wenn alle Startups die folgenden Hinweise beachten:

1. Stellt Profis ein und bezahlt sie als Profis

Ein Startup, das nur von Volontären, Praktikanten und studentischen Aushilfen geführt wird, ist ein Praktikantenstadl, aber kein Unternehmen. Es ist ineffektiv, ineffizient, viel zu teuer, verbrennt wertvolles VC-Geld und verschwindet ohnehin innerhalb kürzester Zeit wieder vom Markt. In den meisten Fällen gelingt den Gründern nicht mal ein anständiger Exit, da das bisschen Eigenanteil am havarierten Objekt von Anwaltskosten aufgefressen wird.

Wer sich und seine Geschäftsidee ernst nimmt, sollte Leute einstellen, die ihren Job ernst nehmen. Selbst mittelgute Profis bringen die Leistung von drei Praktikanten, die man 60 Stunden pro Woche ausbeutet. Außerdem bleiben sie länger im Unternehmen, sammeln Erfahrungen und werden dadurch immer besser. Und exzellente Profis arbeiten wie ein Dutzend Luschen, wirken dabei aber so tiefenentspannt, dass Geschäftspartner und Investoren plötzlich ganz glücklich aussehen.

2. Agil heißt nicht schnell und MVP heißt nicht Schrott

Ja. Ihr seid agil. Ihr habt ein geiles Lean Startup aufgezogen und ein echt knorkes "Minimum Viable Product" herausgebracht. Nicht! Viel zu viele Apps und Services sind echter Schrott, weil niemand bei euch agile Methoden versteht. Ab in die Nachhilfe.

Agile Entwicklung heißt, dass der Anwender entscheidet, niemand sonst. Agile Entwicklung heißt außerdem, dass ein überschaubares Featureset schrittweise verwirklicht wird. Dabei wird iterativ vorgegangen: Erkenntnisse aus Tests mit echten Anwendern fließen in den nächsten Zwischenschritt ein. Diese Schleifen enden, wenn der Kunde zufrieden ist. Und wann ist er zufrieden? Richtig: Wenn alles so funktioniert, wie es sollte. Das ist dann das "Minimum Viable Product".

Anders formuliert: Das MVP ist die Basis für den Anfangserfolg des Unternehmens und muss deshalb gut sein. Es muss allerdings nicht so gut und umfassend wie möglich sein, sondern nur so gut wie nötig - die Anwender müssen es produktiv nutzen können. Das heißt aber umgekehrt, dass es kein Schrott sein darf.

3. Schluss mit dem Disruptionsgequatsche, gute Produkte reichen

Der einzige Mensch auf der Welt, der das Wort "Disruption" ungestraft sagen darf, ist Clayton Christensen. Alle anderen sollten begreifen, dass es völlig überflüssig ist, auch noch die kleinste mobile App durch irgendeine weit hergeholte Story zu legitimieren. Disruptionsgequatsche verkauft nicht - jedenfalls nicht an Kunden, aber vermutlich auch nicht mehr an VCs.

Ihr müsst gescheite Produkte und Services anbieten. Ihr müsst nicht immer Geschäftsmodelle umstürzen, Branchen auslöschen und irgendwas mit schöpferischer Zerstörung machen. Es reicht vollkommen, ein interessantes Produkt oder einen nützlichen Service anzubieten, das es nirgendwo sonst gibt. Das bedeutet außerdem, dass Copycatting Mist ist. Es funktioniert selten, da sich die mit Herzblut angetriebenen Originale meist durchsetzen.

4. Wer den Exit anstrebt, schafft keine Werte, sondern bloß Geld

Wenn Gottlieb Daimler es auf einen schnellen Exit angelegt hätte, wären wir heute immer noch Fußgänger. Wenn Werner von Siemens es auf einen schnellen Exit angelegt hätte, wären wir heute ohne elektrische Geräte. Wer es auf einen schnellen Exit anlegt, kann zwar mit Glück reich werden, aber niemals der Gottlieb Daimler oder Werner von Siemens des 21. Jahrhunderts.

Ein Exit schafft keine Werte und führt nicht in die Geschichtsbücher. In 50 Jahren kennt niemand mehr diese ganzen Leute aus BWL-Klonfabriken, die Unternehmen mit obskuren Geschäftsmodellen und zu vielen Praktikanten aufziehen. Macht es besser.

5. Wir sind hier in Deutschland, Baby

Hier ist nicht San Francisco. Hier ist nicht die Bay Area. Es gibt hier kein Silicon Valley. Es gibt keine Universitäten wie Stanford, das 145 Gründerkurse anbietet. Es gibt keine VCs, die zwei, drei Milliönchen in eine Series A stecken. Es gibt hier weder Google noch Facebook und es wird hier auch nicht das nächste Google oder Facebook geben.

Was es gibt: Mehr als 400 Hochschulen. Unglaublich viele staatliche Förderprogramme für alle Bereiche von Hightech. Einen großen Mittelstand. Irrsinnig viele Ingenieure. Ein Bewusstsein für die Qualität von Produkten und Services. Weltmarktführer und Traditionsunternehmen, denen die Herausforderungen der digitalen Zukunft bewusst werden.

Gründer sollten daraus was machen können.

Bildquelle: Thinkstock

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