Nagelerkrankungen per KI erkennen

Für mehr Awareness

Anfang September 2021 gewann das Gründerteam von Nailvision mit einer Health-App den Businessplan-Wettbewerb des Hasso-Plattner-Instituts. Wir sprachen mit Chief Medical Officer Simon Shabo und CEO Nataniel Müller über den Nutzen der App.

  • Einsatz von KI

    Der Einsatz von KI hilft, die jeweilige Nagelerkrankung zu identifizieren. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

  • Nataniel Müller

    „Wir wollen Patienten dazu motivieren, die Therapie überhaupt zu beginnen“, betont Nataniel Müller. ((Bildquelle: Kay Herschelmann))

  • Simon Shabo

    „Wir streben eine engmaschige Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten an. Sie sollen jederzeit den aktuellen Stand der Therapie einsehen und zukünftig teledermatologisch Kontakt mit den Patienten aufnehmen können“, erklärt Simon Shabo. ((Bildquelle: Kay Herschelmann))

MOB: Herr Shabo und Herr Müller, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine App zu entwickeln, die sich um die Nagelgesundheit dreht? Was waren die ersten Schritte auf dem Weg zum fertigen Nailvision-Tool?
Simon Shabo: In meiner Zeit in der Dermatologie habe ich gesehen, wie viele Patienten unter wiederkehrenden Nagelproblemen leiden. Dabei sind gesunde Nägel so wichtig, denn wir berühren Dinge oft zuerst mit unseren Finger- oder Fußspitzen. Es ist jedoch nicht leicht, in Deutschland zeitnah einen Termin bei Dermatologen zu bekommen. Außerdem kann es bei immunschwachen Patienten, wie z.B. Diabetikern, die durch ihre Polyneuropathie eine eingeschränkte Wahrnehmung im Fuß haben, bei Nagelpilz zu schwerwiegenden Komplikationen kommen.

Nataniel Müller: Zusätzlich haben wir eine Marktlücke gesehen. Es gibt viele digitale Anwendungen im Bereich der Haut, vor allem Hautkrebs-Screenings und telemedizinische Lösungen. Nagelerkrankungen wie der Nagelpilz sind in Deutschland sehr häufig und stellen eine Volkskrankheit dar, die trotz weiter ansteigender Zahlen bagatellisiert wird. Wir wollen Awareness schaffen und Patienten dabei unterstützen, ihre Nagelerkrankungen erfolgreich zu therapieren und Rückfälle zu vermeiden.

MOB: Ein Patient entdeckt eine Unregelmäßigkeit an einem seiner Nägel – wie geht es für ihn weiter? Wie funktioniert das Tool?
Müller: Einerseits kann die App direkt von zu Hause aus genutzt werden, um die Diagnose zu bestätigen und eine ärztliche Behandlung einzuleiten. Dabei kombinieren wir einen KI-Algorithmus zur Bildanalyse mit einem integrierten medizinischen Fragebogen, um mögliche Differenzialdiagnosen auszuschließen. Der Patient kann sich über die App mit evidenzbasierten Behandlungsmethoden vertraut machen. Es wird zudem die Kontaktaufnahme mit Dermatologen empfohlen, die zukünftig auch telemedizinisch stattfinden könnte. Sobald der Patient seine Diagnose hat, begleiten wir ihn bei seiner Behandlung. Beim Nagelpilz ist die Problematik vor allem die Dauer der Behandlung und das fehlende Feedback zum Therapieerfolg. Der Nagel wächst extrem langsam, wodurch Patienten Erfolge mit dem Auge kaum wahrnehmen.

Shabo: Die Behandlung sieht dann folgendermaßen aus: Der Patient macht regelmäßig ein Bild seines Nagels und unser Algorithmus gibt ihm den Schweregrad der Erkrankung aus. Dieser kann in den zeitlichen Therapieverlauf eingeordnet werden und dem Patienten das fehlende objektive Feedback zum Therapieerfolg geben. Außerdem hat der Patient immer eine digitale medizinische Fußpflege dabei: Erinnerung zur Medikamenteneinnahme, Videos zu Pflegeroutinen und Verhaltensempfehlungen. Durch verschiedene Behavioral Change Interventions, d.h. Techniken zur Verhaltensänderung, motivieren wir die Patienten, um langfristig eine hohe Therapietreue zu halten. Außerdem wollen wir aktiv einen multidisziplinären Ansatz fahren: Dem Dermatologen wird es ermöglicht, Einblicke in die Verlaufsbilder zu nehmen und Therapien anzupassen. Den Podologen wollen wir die Möglichkeit geben, ihre Patienten auch zwischen den Terminen zur Fußpflege zu motivieren.

MOB: Nailvision nutzt u.a. Künstliche Intelligenz – was ist deren Aufgabe und was müssen Patienten beachten?
Shabo: Die Künstliche Intelligenz wird in zwei Verfahren zur Bildanalyse eingesetzt. Zur Klassifikation der jeweiligen Nagelerkrankung: Welche Nagelerkrankung liegt vor? Dabei stellt der Nagel eine komplexe diagnostische Herausforderung dar. Beispielsweise gibt es das subunguale Melanom, also den Krebs unter der Nagelplatte. Dieses ist schwer vom subungualen Hämatom – hervorgerufen durch physische Einwirkungen – abzugrenzen. Auch wird die KI zur Bestimmung des Schweregrades der Erkrankung eingesetzt: Wie schwer ist mein Nagel davon betroffen? Dabei gibt es einen Schweregrad-Index, der zur Quantifikation des betroffenen Nagels herangezogen wird. Hier haben wir die Möglichkeit, dem Patienten objektiv zu vermitteln: Die Therapie schlägt an. Der Nagel wird besser.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Müller: Unsere Vision ist es, dem Patienten die Bildaufnahme mit dem Smartphone so einfach wie möglich zu machen: Er muss die Kamera auf die betroffene Hand oder den betroffenen Fuß halten. Sobald die optimale Distanz und Lichtverhältnisse erreicht sind, löst die App das Foto aus. Im Anschluss werden alle Nagelplatten automatisch erkannt und analysiert. Patienten sollte klar sein, dass unsere App in Zukunft ein zertifiziertes Medizinprodukt ist, dessen Wirksamkeit klinisch bewiesen worden ist. Trotzdem erspart sie einem im Endeffekt nicht den Besuch beim Dermatologen. Wir wollen Patienten dazu motivieren, die Therapie überhaupt zu beginnen.

MOB: Inwieweit sollte zur Nutzung der App ein Mediziner hinzugezogen werden und wie kann die App umgekehrt Ärzte unterstützen?
Shabo: Wir streben eine engmaschige Zusammenarbeit mit den behandelnden Ärzten an. Sie sollen jederzeit den aktuellen Stand der Therapie einsehen und zukünftig teledermatologisch Kontakt mit den Patienten aufnehmen können. Die Ärzte sparen so Zeit bei gleichzeitiger enger Anbindung des Patienten und können effizient arbeiten. Jedoch wollen wir den Patienten auch in seiner Selbstständigkeit bestärken.

MOB: Wie soll es weitergehen – welche Schritte sind in Zukunft geplant?
Müller: Wir konnten Anfang September 2021 den Businessplan-Wettbewerb des Hasso-Plattner-Instituts gewinnen. Dadurch konnten wir uns nicht nur ein Investment-Angebot des HPI-Seed-Funds sichern, sondern auch eine engmaschige Zusammenarbeit mit der School of Entrepreneurship und dem HPI Digital Health Center anstoßen. Das bedeutet klinische Kooperationen mit den nationalen und internationalen Forschungsstandpunkten und anderen HPI-Initiativen zur weiteren Datenakquise und der App-Entwicklung. Unser Fokus liegt auf einer patientenzentrierten Entwicklung, wobei wir innerhalb einer Nagelsprechstunde so viel Feedback und Insights von Patienten einholen. Für das nächste Jahr steht nach einer Pilotstudie, die in Kooperation mit einem bekannten Universitätskrankenhaus in Planung ist, die CE-Zertifizierung als Medizinprodukt an.

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