Mobile: Fluch oder Segen?

Gesellschaftlicher Wandel durch mobile Endgeräte

Interview mit Matthias Kammer, Direktor des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (Divsi)

Matthias Kammer, Divsi

„Alle Beteiligten tragen gleichermaßen Verantwortung dafür, was sie durch ihr Verhalten im digitalen Raum bewirken“, so Matthias Kammer.

Herr Kammer, inwieweit verändert die zunehmende Nutzung mobiler Endgeräte das soziale Verhalten des Einzelnen sowie der Gesellschaft insgesamt?
Matthias Kammer:
Das wird schon im normalen Alltag ersichtlich. Nehmen wir das Beispiel Online-Shopping: Rund drei Viertel aller Deutschen kaufen bereits online ein (Statista 2015). Die große Mehrheit (78 Prozent) erledigt die Online-Käufe dabei vorwiegend zuhause in den eigenen vier Wänden. Das bedeutet aber wiederum einen Rückzug des Einzelnen aus dem öffentlich-sozialen Raum und damit einen Rückgang der Interaktion mit anderen.

„Mobile“ als Heilsbringer oder als Fluch – wie lautet Ihre Einschätzung?
Kammer:
Wie meistens im Leben lässt sich das nicht so einfach auf ein Schwarz-Weiß-Schema reduzieren. Seit der Einführung von Smartphones hat unsere Gesellschaft in vielen Aspekten gewonnen: Durch Navigations-Apps finden wir sicher und einfach den Weg, dank Shopping-Apps haben wir die Produktvielfalt aus aller Welt mit einem Klick in den eigenen vier Wänden, und mit Service-Apps von Bewertungsportalen, Sport- und Medizin-Apps, Kontaktnetzwerken usw. stehen uns zahllose neue Dienstleistungen zur Verfügung. Unbestritten, auf der Haben-Seite verbuchen wir einen kaum überschaubaren Nutzen.

Aber richten wir unseren Blick auch auf die Soll-Seite: Dort steht ein enormer Aufwand, sich allein in diesem Dschungel an Angeboten zu orientieren. Und was geschieht mit unseren Daten, die wir mit Basisdiensten wie Ortung und Sprachsteuerung erzeugen? In unserer Untersuchung einzelner Smartphone-Betriebssysteme stellten wir fest, dass bereits direkt nach dem Start und vor jeder Nutzerinteraktion Netzwerkverbindungen mit verschiedenen Servern im Internet hergestellt werden. Bei den meisten Verbindungen ließ sich der Zweck jedoch überhaupt nicht nachvollziehen.

Was stört Sie an der exzessiven mobilen Nutzung Ihrer Mitmenschen am meisten?
Kammer:
Entscheidend ist für mich, dass alle Beteiligten, Nutzer und Anbieter gleichermaßen Verantwortung dafür tragen, was sie durch ihr Verhalten im digitalen Raum jeweils bewirken. Verhaltensregeln, die sich im Laufe von Jahrhunderten herausgebildet und ausdifferenziert haben, übertragen sich dabei nicht zwangsläufig von der analogen in die digitale Welt. Formal gelten Recht und Gesetz zwar auch im Internet, aber sie müssen auch angewandt und durchgesetzt werden.

Immer wieder verbreiten Nutzer Hass, Häme, Schimpftiraden und Drohungen im Netz. Im Schutz der Anonymität des digitalen Raums bleibt dies meist ungestraft. Auf der anderen Seite gibt es Plattformbetreiber, die zwar technische Lösungen anbieten und ständig weiterentwickeln, sich aber davon freisprechen wollen, wenn es um eine inhaltliche Verantwortung geht. Man denke hier aktuell an Filesharing-Plattformen, deren Videos und Musik Urheberrechte verletzen, oder Social-Media-Plattformen, die volksverhetzende und Demokratie gefährdende Parolen zulassen. Hier besteht noch viel Handlungsbedarf: Ohne umfassende Aufklärung von und Prävention gegen jedwede Art von Mobbing und Belästigung sowie letztlich konsequentes Eingreifen staatlicher Institutionen zum Schutz der Opfer und Verfolgung der Täter wird es auf Dauer nicht gehen.


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