Von VR bis KI: Mobile Health im Trend

Gesundheit im Wandel der Krise

Smartwatches können Blutdruck und Puls messen, Apps helfen bei der Entspannung und Spiele motivieren zu mehr Fitness in den eigenen vier Wänden oder unterwegs. Kurzum: Das Thema „Mobile Health“ ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Fitnesstracker

Fitnesstracker können längst mehr, als nur den Puls zu messen.

Die Digitalisierung ist in aller Munde – nicht zuletzt auch im Bereich „Gesundheitswesen“. Das betrifft nicht nur Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Co., sondern ebenso den Bereich „Mobile Health“: Fitnesstracker können längst mehr, als nur den Puls zu messen, und auch Smartphones werden mithilfe von Apps immer häufiger als Diäthilfe oder Entspannungsunterstützung genutzt anstatt als Telefon. Auch der Einsatz von Smartwatches befindet sich auf dem Vormarsch – das zeigt der Health-Rise-Gesundheitsreport: Demnach würden es zwei Drittel der Experten begrüßen, wenn der behandelnde Arzt die Vitalwerte eines Patienten aus dessen Smartwatch oder Fitnesstracker auslesen könnte.

Aufgrund dieser Entwicklung spricht Dr. Gregor-Konstantin Elbel, Partner im Bereich „Life Sciences & Health Care“ sowie Leiter des Deloitte Neuroscience Institute (DNI), der Digitalisierung in Deutschland allergrößte Bedeutung zu: „Sie schafft Vorteile für alle Branchen des Gesundheitswesens.“ Darüber hinaus ermögliche die Digitalisierung neue Einsichten und Erkenntnisse zu vorhandenen Krankheiten und bereite damit neuartigen Therapieansätzen den Weg.

Digitalisierung ist die Zukunft

Dem stimmt der Chief Digital Officer (CDO) der DAK, Helmut Gerhards, zu. Die Digitalisierung biete vielfältige Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung qualitativ und patientenorientiert zu verbessern. Entscheidend dabei sei, dass die Digitalisierung auch wirksam bei den Versicherten ankommt. „Um diesem Anspruch gerecht zu werden, haben wir in diesem Jahr ein Upgrade für unsere Service-App herausgebracht. Die App stellt nun stärker die Anliegen der Versicherten in den Fokus – etwa durch eine integrierte Scanfunktion für einzureichende Dokumente.“

Markus Hinz, CEO von Planerio, betont: „Digitalisierung ist die Zukunft: Die Diagnose, Behandlung und Pflege von Patienten werden sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern.“ Heutzutage seien sie bereits erfolgskritisch beim Management und der Verwaltung der verschiedenen Einrichtungen des Gesundheitswesens. Digitale Lösungen würden etwa helfen, den Personalnotstand zu beseitigen. „Ich bin der Meinung, dass digitale Technik das Arbeitsleben von Ärzten und vor allem Pflegekräften erleichtern und dadurch attraktiver machen muss.“ Automatische Dienstplanung etwa könne einen großen Beitrag leisten, weil die Software neben den klassischen Planungsparametern automatisch die Wünsche der Mitarbeiter berücksichtige. „Digitalisierung kann und muss die Menschen im Gesundheitswesen – Patienten und Leistungserbringer – in den Mittelpunkt stellen und ihr Leben besser machen“, betont der Experte. Einer der großen Treiber der Digitalisierung war und ist die Corona-Pandemie. Neben deren physischen sind auch die psychologischen Auswirkungen immer mehr im Gespräch, wie eine ADP-Studie zeigt: Zwei Drittel der Arbeitnehmer erhielten vom Arbeitgeber z.B. Unterstützung, um ihre mentale Gesundheit zu sichern. Jede achte Arbeitskraft weltweit gab den Umgang mit Stress als größte Herausforderung während der Krise an.

Markus Hinz: „Im Gesundheitswesen wurde klar, wie wichtig eine transparente Dokumentation und Nachverfolgung von Infizierten ist, um die Pandemie zu bekämpfen.“ Gezeigt habe sich außerdem, dass sich das Mediennutzungsverhalten verändert. Der Umgang mit Apps und Online-Angeboten habe sich breit durchgesetzt. „Jeder zweite Versicherte nutzt z.B. bereits das Online-Portal seiner Krankenkasse. Und fast 50 Prozent der Deutschen kaufen bei einer Online-Apotheke ein. Die Menschen sind häufig viel moderner als das System.“ Die Mehrheit der Deutschen befürwortet zudem eine elektronische Patientenakte und E-Rezepte – ein deutliches Zeichen dafür, dass das Thema „Mobile Health“ an Bedeutung gewinnt.

Gründe für die steigende Beliebtheit mobiler Gesundheitsunterstützungen sieht Deloitte-Experte Elbel etwa in der Verfügbarkeit von Services rund um die Uhr sowie in der oft intuitiven Handhabung. „Ein weiterer Grund für die wachsende Bedeutung ist die Einführung von digitalen Gesundheitsanwendungen auf Rezept, von denen aktuell die ersten im Markt verfügbar werden“, erklärt er. Die Folgen der Krise haben vielen Menschen auch die Angst vor dem sogenannten gläsernen Patienten genommen. „Das gilt insbesondere für Apps rund um die Pandemie, also zur Infektionsnachverfolgung, aber seit dem Sommer auch für den digitalen Impfnachweis“, ist sich Elbel sicher.

Die (positiven) Folgen der Krise

Selbiges betont auch DAK-CDO Gerhards: „Vor der Pandemie wussten viele Menschen häufig nicht, wo ihr Impfpass ist, während ihr Smartphone ein stetiger Begleiter ist. Mobile Health bietet den Menschen zeit-, orts- und terminunabhängig die Möglichkeit, individuelle Unterstützung für die eigene Gesundheit zu erhalten.“ Doch nicht nur Apps, die sich mit den Pandemie-Folgen befassen, werden häufig genutzt – auch andere Gesundheits-Apps profitieren vom Mobile-Health-Trend. So lag laut Statista der weltweite Umsatz von Fitness-Apps 2020 bei ca. drei Mrd. Euro. Es ist eindeutig: Die Menschen haben ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Gesundheit entwickelt. „Somit wird die Nutzerakzeptanz grundsätzlich von diesem Trend profitieren, sodass Gesundheits-Apps verstärkt angenommen werden. Dabei sollten Nutzer jedoch immer auf die Qualität dieser Apps achten“, mahnt Gerhards.

Eine große Rolle für die mobile Gesundheit spielen – auch aufgrund der Notwendigkeit, vieles in den eigenen vier Wänden erledigen zu müssen – Augmented (AR) und Virtual Reality (VR). So wird VR inzwischen u.a. vermehrt für die IT-Weiterbildung genutzt. VR bietet die Möglichkeit, Szenarien virtuell zu erstellen und diese beliebig oft zu durchlaufen. „Im Gesundheitswesen bietet dies insbesondere das Potenzial, gewisse Abläufe zu trainieren, z.B. wie man einen Defibrillator einsetzt“, erklärt der DAK-Experte. Zudem könne VR im Bereich der mentalen Gesundheit hilfreich sein, um etwa Menschen im Umgang mit Phobien zu unterstützen und so ihre Therapie termin-unabhängig zu ergänzen. „Mit Invirto gibt es bereits eine digitale Gesundheitsanwendung zur Erprobung, die eine VR-Brille zur Unterstützung gegen Angststörungen einsetzt“, erläutert er.

Virtual Reality im Gesundheitswesen

„Immersive-Computing-Technologien wie AR oder VR spielen heute bereits eine wichtige Rolle bei der Behandlung und vor allem bei der Therapie von Patienten“, weiß auch Planerio-CEO Markus Hinz. Unter „Robotic Surgery“ etwa verstehe man eine von Menschen kontrollierte OP mithilfe von VR-Technologien. Bei der Behandlung von posttraumatischen Stresssymptomen würden Patienten virtuell mit der Stresssituation konfrontiert, um so zu lernen, den Stress in den Griff zu bekommen.
 
Ein nächster möglicher Schritt wäre der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) – etwa, um alltägliche Prozesse zu automatisieren. „Die KI kann Ärzte bei der Diagnose unterstützen, indem diese sich auf eine größere Datengrundlage stützt. Entscheidend für den Einsatz von KI ist jedoch, dass Daten strukturiert und in hoher Qualität verfügbar sind“, betont Helmut Gerhards. Außerdem sei ein verlässlicher Rechtsrahmen erforderlich. „Deswegen setzen wir uns für die Schaffung eines Gesundheitsdatennutzungsgesetzes ein“, unterstreicht er. „Es darf nicht sein, dass Patienten eine bessere Gesundheitsversorgung aufgrund einer Nicht-Datennutzung verwehrt bleibt. Deswegen ist KI für die mobile Gesundheit von erheblicher Bedeutung.“ Als Beispiel für einen möglichen KI-Einsatz nennt Markus Hinz die Dienstplanerstellung in medizinischen Einrichtungen: „Wir haben ausgerechnet, dass es bereits bei einem Plan für zehn Mitarbeiter ca. 750 Planungsvariablen gibt – bezogen auf Voll- und Teilzeit, verschiedene Schichten, Qualifikationen, Ausfälle, Frei- und Arbeitswünsche“, berichtet er. „Bei einer Praxis mit mehreren Standorten oder einem Krankenhaus potenzieren sich diese Variablen und sind für einen Dienstplaner nicht mehr überschaubar.“ Vor Problemen der KI-Nutzung warnt Elbel. Zwar seien geeignete Ansätze vorhanden, eine „sehr begrenzte Datenverfügbarkeit“ und noch ungeklärte ethische und regulatorische Fragen würden deren Umsetzung jedoch behindern.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dass das Potenzial der Digitalisierung noch lange nicht ausgereizt ist, darin sind sich die Experten einig. Markus Hinz betont: „Die E-Personalakte mit allen individuellen Gesundheitsdaten am Handgelenk ist nur ein Anfang.“ Gerade in der smarten Vernetzung von Patienten und Ärzten, aber auch von z.B. chronisch kranken Patienten stecken seiner Ansicht nach eine Menge Innovationsmöglichkeiten. „KI, intelligente Sensorik, Mobile- und Immersive-Computing-Technologie und Daten, Daten, Daten sind der Schlüssel für diese Entwicklung“, ist er sich sicher. Deloitte-Experte Elbel wäre nicht überrascht, „wenn uns in zehn oder 15 Jahren digitale Helfer im Alltag begleiten“. Das würde z.B. bedeuten, dass Sensoren für Vitalparameter am Körper, in der Kleidung oder im Auto Informationen zum Gesundheitszustand sammeln und an eine KI weitergeben. „Diese übermittelt uns dann geeignete Interventionen in Form von Empfehlungen (kognitiv) oder Nudges (unbewusst). Sie informiert bei Bedarf auch den Hausarzt oder Sanitäter“, erklärt er.
 
Um dieses Szenario Wirklichkeit werden zu lassen, würde es einer großen gesellschaftlichen Anstrengung bedürfen, um den entsprechenden Rahmen zu schaffen und die Interessen der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. „Es stimmt mich positiv, dass bei diesen fundamentalen Zukunftsthemen mittlerweile ein engagierter und konstruktiver Diskurs begonnen hat.“

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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