Deutsche Großunternehmen

Google und Amazon besser nicht unterschätzen

Deutsche Großunternehmen wiegen sich bei der digitalen Transformation in Sicherheit – und erkennen Google und Amazon nicht als Wettbewerber an. Dies könnte auf Dauer riskant werden, denn Tech-Unternehmen und Start-ups zählen heute zu den gefährlichsten Angreifern traditioneller Geschäftsmodelle.

Digitale Transformation in Deutschland

Laut Studie sieht sich heute fast jedes zweite Großunternehmen in Deutschland als „sehr gut" oder „gut" auf die digitale Transformation vorbereitet.

Laut aktueller Studie zählt die digitale Transformation in fast zwei Drittel (62 Prozent) der deutschen Unternehmen ab 250 Millionen Euro Jahresumsatz zu den drei wichtigsten Firmenzielen. Im Vorjahr waren es erst 50 Prozent, 2016 nur 41 Prozent. Zugleich verbessert sich die Selbsteinschätzung: Sahen sich im Vorjahr erst ein Drittel der Unternehmen „sehr gut" oder „gut" bei der Digitalisierung aufgestellt, sind es jetzt 42 Prozent. Die Resultate der zum dritten Mal von Etventure mit der GfK durchgeführten repräsentativen Studie geben dennoch Anlass zur Sorge: „Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen Eigenwahrnehmung der deutschen Unternehmen und den realen Herausforderungen durch die Digitalisierung“, resümiert Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer bei dem Beratungshaus Etventure.

Starker Wandel der Branche, aber nicht im eigenen Unternehmen: Dies spiegelt sich auch in den weiteren Ergebnissen der Studie wider: So verstehe die Mehrheit der befragten Entscheidungsträger in deutschen Großunternehmen unter digitaler Transformation primär nur die „Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells bzw. bestehender analoger Prozesse“ (55 Prozent). Nur halb so viele (28 Prozent) nennen dagegen den „Aufbau neuer digitaler Geschäftsmodelle.“ Gleichzeitig sieht laut Studie annähernd jedes zweite Unternehmen (49 Prozent) die eigene Branche einem „starken“ oder sogar „sehr starken“ Wandel ausgesetzt. Doch gerade einmal jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) sieht einen ebenso starken Wandel auch beim eigenen Geschäftsmodell voraus.

Philipp Depiereux: „Diese Ergebnisse zeigen, dass zwar viele Firmen erste Digitalinitiativen gestartet haben, aber nicht über den inkrementellen Bereich hinauskommen. Wer nur den Fokus auf das bestehende Geschäft legt oder gar nur die IT optimiert, gefährdet die eigene wirtschaftliche Zukunft und Arbeitsplätze. Es geht darum, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die dem technologischen Wandel ebenso wie den sich verändernden Kundenbedürfnissen gerecht werden. Unternehmen müssen ihr eigenes Geschäftsmodell kritisch hinterfragen und mitunter selbst disruptiv angreifen. An dieser Stelle besteht in Deutschland noch enormer Nachholbedarf.“

Tech-Konzerne werden unterschätzt

Zudem glauben laut der Erhebung sechs von zehn Unternehmen (59 Prozent), dass sie in den kommenden drei Jahren auch ohne jegliche Maßnahmen zur digitalen Transformation keine Umsatzeinbußen befürchten müssen. Außerdem richtet sich der Blick der Firmen noch immer vorwiegend auf die Konkurrenz aus der eigenen Branche: Gerade einmal 22 Prozent sehen in Tech-Konzernen wie Google oder Amazon die größte Wettbewerbsbedrohung der Zukunft und lediglich sieben Prozent nehmen Start-ups als ernsthafte Konkurrenz wahr. Generell werden die Auswirkungen der digitalen Transformation nach Auffassung der Hälfte der befragten Unternehmen (51 Prozent) frühestens in drei Jahren sichtbar.

„Dabei sind die Tech-Unternehmen wie Amazon oder Google und Start-ups heute die gefährlichsten Angreifer. Beispiele wie Netflix, Uber oder AirBnB zeigen, wie digitale Quereinsteiger mit neuen Geschäftsmodellen die Kundenschnittstelle besetzen und innerhalb kürzester Zeit ganze Industrien ins Wanken bringen können”, so Philipp Depiereux. „Was bislang vor allem die B2C-Branche erfahren musste, droht auch anderen, klassischen Industrien. Die Traditionsunternehmen aus dem B2B-Bereich müssen sich die Erfolgsrezepte der digitalen Player – Schnelligkeit, Datenkompetenz und kundenzentrierte Methodik – zu eigen machen, wenn sie nicht Stück für Stück vom Markt verdrängt werden und die Schnittstelle zum Kunden verlieren wollen.“

Die Studie zeigt überdies, warum Großunternehmen in Deutschland die Umsetzung der digitalen Transformation noch immer schwerfällt. Als größte Hürde wird „die Verteidigung bestehender Strukturen" durch die Mitarbeiter im Unternehmen genannt (58 Prozent), gefolgt von „mangelnder Erfahrung bei nutzerzentriertem Vorgehen“. Ein von Jahr zu Jahr wachsendes Hemmnis stellen zudem blockierende Sicherheitsanforderungen dar: Nannten 2016 erst etwa ein Drittel der Unternehmen dieses Argument und waren es 44 Prozent in 2017, klagt jetzt schon fast jede zweite Firma (48 Prozent) darüber. Hinzu kommen Zeitmangel, fehlende Flexibilität und Geschwindigkeit sowie zu viele Entscheidungsebenen, die einer schnellen Digitalisierung im Wege stehen.

Somit kämpfen die deutschen Großunternehmen weiterhin mit den gleichen internen Hemmnissen, obwohl das Thema Digitalisierung mittlerweile im Großteil der Unternehmen (68 Prozent) von der Chefetage gesteuert wird – direkt durch den Geschäftsführer oder CEO, zumindest aber aus einem Geschäftsführungs- oder Vorstandsbereich heraus. Erst jede siebte Firma hat hingegen einen Chief Digital Officer (CDO) ernannt, der die digitale Transformation hauptverantwortlich im Unternehmen steuert.

Externe Digitaleinheiten sind die Ausnahme

Für die Umsetzung der digitalen Transformation setzen die befragten Unternehmen zunehmend auf die Einrichtung eines firmeneigenen Digitallabors: Fast jedes zweite befragte Unternehmen (44 Prozent) verfügt heute schon über eine eigene interne Digitaleinheit. Im Vorjahr waren es erst 33 Prozent und 2016 erst 30 Prozent. „Dies bestätigt unsere Erfahrung, dass Innovationen im Sinne neuer digitaler Geschäftsmodelle niemals innerhalb eines Unternehmens erfolgreich entwickelt werden können“, erläutert Philipp Depiereux. „Um die Bewahrungskräfte im Unternehmen zu umgehen, empfehlen wir die Gründung einer Digitaleinheit außerhalb der Kernorganisation. Dort können Innovations- und Digitalprojekte unabhängig von der Firmenbürokratie, von Compliance-Bedenken, juristischen Fragen und ähnlichen Hindernissen entwickelt werden. In diesem ‚geschützten Raum’ kann dann auch eine neue Herangehensweise – weg von einer ingenieursgetriebenen Entwicklung, hin zu einem schnellen und radikal nutzerzentrierten Vorgehen – konsequent verfolgt werden.“ Den Schritt, die Digitaleinheit aus dem Unternehmen auszugliedern und damit fernab der Kernorganisation als externes Tochterunternehmen aufzubauen, wählen tatsächlich nur acht Prozent der Unternehmen.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

©2018 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH