Zu viele Initiativen

Google verzettelt sich und stoppt Projekte

Projekt Ara wird eingestellt, um Roboter und autonome Fahrzeuge ist es ruhig geworden und zahlreiche Dienste schwächeln - was ist bei Google los?

Pausenraum bei Google

Google stellt ein - aber keine Mitarbeiter, sondern reihenweise Projekte. In der letzten Zeit mussten der klassische Bilderdienst Picasa, das Multiuser-Streamingsystem Hangout on Air, das mit vielen Vorschusslorbeeren versehene modulare Smartphone (Projekt Ara) und die eigene VR-Brille dran glauben.

Bei vielen Projekten war das abzusehen, denn sie wirkten in der letzten Zeit stark vernachlässigt. Das Beispiel Hangout On Air zeigt, dass Google schnell das Interesse verliert, wenn nicht alles glatt läuft. Denn der Dienst war ursprünglich ein Teil von Google+, wurde dort aber immer weniger genutzt - wie Google+ insgesamt.

Doch statt den Service stärker zu profilieren, unternahm Google gar nichts. So wurden trotz einer enthusiastischen und ideenreichen Nutzergemeinde keine zusätzlichen Funktionen eingeführt. Das brachte viele dazu, zur Konkurrenz (Facebook) zu gehen und dort zu streamen. Immerhin: Die Funktion wurde in ähnlicher Form bei YouTube eingeführt.

Alle genannten Projekte landen jetzt auf demselben Friedhof, auf dem schon Google Wave, Google Buzz und der selige Google Reader liegen. Auch andere Initiativen Googles wurden zum Flop, etwa der Aufkauf von Motorola oder des Robotik-Spezialisten Boston Dynamics.

Der letzte Fall ist sehr interessant, denn Boston Dynamics gilt als Vorzeigeunternehmen. Der Hersteller beeindruckt immer wieder mit deutlichen Fortschritten. So gibt es auf YouTube den Zweibeiner Atlas zu besichtigen, der Pakete anheben kann, sehr sicher auf seinen Beinen geht und auch durch einen Schubs nicht aus der Ruhe zu bringen ist. Und SpotMini, ein hundegroßer Vierbeiner mit Greifhand und -arm als Hals und Kopf, kann immerhin schon mal die Spülmaschine ausräumen.

Ungeduldiges Management bei Robotern und Autos

Die Frage ist natürlich, wann aus solchen Prototypen vermarktbare Produkte werden. Und genau daran hakte es. Google wollte wohl nach dem Abschied des Projektleiters Andy Rubin schnelle Ergebnisse sehen. Das Google-Management hat sich nach Aussagen von Ex-Mitarbeitern auf den Bau eines Haushaltsroboters mit Rädern und Elektromotoren kapriziert. Offensichtlich hat sich niemand bei Google gefragt, ob sich Boston Dynamics tatsächlich als Haushaltsgerätehersteller versteht. Eine Business-Scheidung Erster Klasse war die Folge.

Eine ähnliche Entwicklung könnte es in Sachen Google-Auto geben. Es ist schon seit einiger Zeit recht still um das Projekt geworden und vor kurzem hat auch der letzte der ursprünglichen Treiber der Initiative, CTO Chris Urmson, Google verlassen. Inzwischen hat das Projekt viel Konkurrenz in anderen Unternehmen, nicht zuletzt den „Autopiloten“ von Tesla, der zumindest in Sachen Marketing neue Standards gesetzt hat.

Die Hänger bei innovativen Ideen passen so gar nicht zu dem Image, dass Google verbreitet. Hat das Unternehmen da etwa ein Problem? Die im Grunde fast nicht mehr zu zählenden Dienste und Initiativen bewirken zwei zusammenhängende Gefahren: Zu viel Personal und zu wenige Entwickler. Denn erstens bläht sich der Alphabet-Konzern (Die Holding für Google & Co.) immer weiter auf, die Zahl der Mitarbeiter hat sich in den letzten Jahren vervierfacht. Jedes Projekt braucht nicht nur Entwickler, sondern auch Marketingleute, Manager und weitere Arbeitskräfte.

Dies kann paradoxerweise zu einem Entwickler-Mangel führen. Denn selbst im Silicon Valley sind wirklich gute Leute nicht in beliebiger Anzahl verfügbar. Also herrscht Mängelverwaltung, Entwickler werden zwischen Projekten hin und her verschoben. Wenn ein Projektleiter keine Lobby im Konzern hat, hat er dann irgendwann genau Null Entwickler.

Kurz: Es wirkt im Moment so, als ob sich Google verzettelt und in der Konsequenz ungeduldig mit Dingen wird, bei denen ein Fünfjahreshorizont nicht für die Marktreife ausreicht. Das mag daran liegen, dass Google schon seit langem eine neue Cash-Cow heranzüchten muss. Denn immer noch ist der Begriff „Suchmaschinenkonzern“ das häufigste Synonym für Google - seit 1998.

Bildquelle: Thinkstock

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