Developers Skills Report

Heutige Entwickler haben Programmieren erst spät gelernt

Coding für Grundschüler? Zumindest die heute aktiven, jüngeren Entwickler haben die Programmierung erst vergleichsweise spät gelernt.

Softwareentwickler bei der Arbeit am Computer

Bei Softwareentwicklern ist die Fähigkeit zum Problemlösen entscheidend

Seit geraumer Zeit gibt es in der Diskussion über die Weiterentwicklung unseres Bildungssystems eine gewisse Coding-Euphorie: Kinder und Jugendliche sollen so früh wie möglich erste Erfahrungen mit Programmierung machen, am besten direkt in der Grundschule. Denn schließlich müssen die Kiddies ja mit spätestens 16 schon ihr erstes Start-up gegründet und zur Volljährigkeit den ersten Millionen-Exit hingelegt haben.

Gut, das war eine Karikatur. Aber die Intentionen der Vorschläge laufen mehr oder weniger darauf hinaus. Die Diskussion über Programmierkurse in der Grundschule geht von einem Denkmodell aus, dass sich aus den Erfahrungen vieler heute aktiver (älterer) IT-Experten und Start-up-Gründer entwickelt hat. Denn diese Generation hat hier in Deutschland in den 1980er Jahren als meist ziemlich junger Teenager das Programmieren an Computern wie dem C64 gelernt – allerdings fast ausnahmslos autodidaktisch und ohne Unterstützung durch die Schulen.

Helden an Heimcomputern: Pong selber coden

Ähnlich ist es auch im gelobten Land des Coding, den USA. Hier begann allerdings die Entwicklung deutlich früher, bereits in den späten 1970er Jahren. Damals war die Beschäftigung mit Computern noch Exotik pur. Geräte wie Apple II, Tandy TRS-80 oder Commodore PET 2001 wurden zwar komplett montiert geliefert, hatten aber so gut wie keine Software dabei – hier war Selbsthilfe angesagt.

Wer sich zu dieser Zeit von Computern faszinieren ließ, wurde praktisch zwangsläufig zum autodidaktischen Programmierer und zum Lerngenie – übrigens fast vorwiegend Jungs. In schier endlosen Nachmittagen (und Nächten) brachten sie die Heimcomputer dazu, wahre Wundertaten zu vollbringen – beispielsweise Pong oder Snake zu spielen. Diese Erfahrungen können heutige Teenagern nicht mehr ohne weiteres machen. Sie leben in einer Umwelt aus hochwertiger Instant-Technologie, die bereits alles kann.

Und so zeigt sich im Vergleich mit den heutigen Teenagern das umgekehrte Phänomen: Je jünger der Entwickler, desto später hat er angefangen. Die Mehrheit der aktiven Entwickler unter 25 hat erst kürzlich, in den Jahren zwischen 16 und 20, erste Kontakte mit Programmierung gehabt. Bei der Generation der 45- bis 54-jährigen Entwickler dagegen gab es die ersten Coding-Erfahrungen oft bereits in frühester Jugend, vor dem 15. Lebensjahr.

Der Unterschied ist sehr prägnant. Er geht vermutlich darauf zurück, dass die Technologie heute komplexer und leistungsfähiger ist. Wer als Kind oder Jugendlicher einen Computer oder ein Mobilgerät bekommt, kann damit über einen deutlich weiteren Zeitraum seinen Interessen auch ohne Coden folgen. Der Bedarf an selbst programmierten Apps entwickelt sich deutlich später als bei den einfachen Heimcomputern früherer Zeiten.

Helden im Job: Erfahren sein und Probleme lösen

Diese Zusammenhänge sind im Datenmaterial einer Befragung von mehr als 39.000 Mitgliedern der Entwicklerplattform HackerRank deutlich sichtbar, dem aktuellen Developer Skills Report 2018. Mit der seit 2012 regelmäßig durchgeführten Studie will die Vermittlungsagentur Trends in der Ausbildung von Entwicklern, ihren Fähigkeiten und den Einstellungsvoraussetzungen identifizieren. Entwickler auf Jobsuche oder Jugendliche mit dem Wunsch nach einer Ausbildung zum Entwickler sollten die Zahlen genau beobachten. Denn die Studie widerlegt eine Reihe von Coding-Mythen.

  • Mythos Eins: Die Beherrschung der richtigen und dabei möglichst vieler Programmiersprachen ist ein wichtiges Auswahlkriterium für Arbeitgeber. Falsch: Gut 95 Prozent aller Arbeitgeber halten die Fähigkeit zur Problemlösung und zum lösungsorientierten Arbeiten für wichtig.
  • Mythos Zwei: Ein schicker Lebenslauf mit den richtigen Abschlüssen auf den richtigen Bildungsanstalten bringt die wirklich guten Jobs. Falsch: Etwa 90 Prozent der Arbeitgeber achten in erster Linie auf die Erfahrungen des Entwicklers und immerhin noch fast drei Viertel auf das Portfolio an beherrschten Programmiersprachen, Entwicklungsumgebungen und Coding-Tools.
  • Mythos Drei: Organisierte Kurse mit Zertifikaten helfen Entwicklern bei der Weiterbildung. Falsch: Die meisten erfolgreichen Entwickler setzen weitgehend auf Selbststudium, um sich in die rasch wechselnden Trends in der Entwicklung einzuarbeiten. Dabei ist unter jüngeren Entwicklern Youtube das Medium der Wahl, während die Entwickler über 40 in erster Linie auf Bücher setzen.

Bildquelle: Thinkstock

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