Vor einigen Jahren waren Arztsprech-stunden per Video oder Apps auf Rezept kaum vorstellbar.
Seit Herbst 2020 können in Deutschland Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) auf Rezept verordnet werden. Erste Studien wie etwa von der Stiftung Gesundheit zeigen bereits, dass die Mehrheit der Menschen zwar noch nie eine DiGA genutzt hat – doch mehr als 80 Prozent der Befragten geben an, bereits von ihnen gehört zu haben, sie ausprobieren zu wollen oder sie gar bereits verschrieben bekommen zu haben. Eine Studie des Bitkom belegt zudem, dass jeder Zweite über 65-Jährige sich gut vorstellen könnte, eine solche App zu nutzen. Interessanter Nebenaspekt: 44 Prozent der Befragten sagen, sie würden sich künftig regelmäßig eine Zweitmeinung von einer Künstliche Intelligenz (KI) einholen wollen. 2019 waren es noch 31 Prozent. Es zeigt sich also: Auch der Gesundheitssektor wird immer digitaler – und das ist auch notwendig.
Die Digitalen Gesundheitsanwendungen sind als gekennzeichnete oder zertifizierte Medizinprodukte zu verstehen, die zusätzlich eine Zulassung durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) benötigen, damit die Krankenkassen die Kosten für die digitalen Therapien übernehmen können. „Grundlage der Zulassung ist ein Nutzennachweis durch klinische Studien. Die Anforderungen an den Datenschutz und die Datensicherheit gehen über die DSGVO hinaus“, erklärt Prof. Dr. Kurt Miller, CMO und Mitgründer der Kranus Health GmbH, die sich der Männergesundheit widmet. „Stand März 2022 gibt es 31 dieser streng geprüften und behördlich zugelassenen Apps auf Rezept. Sie werden von Ärzten sowie Psychotherapeuten verschrieben.“
Dass insbesondere das Gesetz zur Verbesserung der Versorgung durch digitale Medizinprodukte zu einem Umdenken bei den Menschen geführt hat, erklärt Dr. Uso Walter, Gründer der Mynoise GmbH und Entwickler der Kalmeda-App, die sich als kognitive Verhaltenstherapie dem Thema „Tinnitus“ widmet. „Für Hersteller ist es jetzt möglich, in einer Erprobungsphase klinische Studien zu erstellen und dadurch medizinisch hochwertige Apps überhaupt erst an den Markt zu bringen“, betont er. Gleichzeitig würden die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Patienten übernehmen, was die Akzeptanz bei Ärzten und Anwendern deutlich erhöht habe. Dazu kommt: „Apps sind mittlerweile zu einem integralen Bestandteil unseres Lebens geworden. Jeder Besitzer eines Smartphones hat eine Vielzahl an Apps gespeichert oder nutzt diese auch täglich“, betont Daniel Amann, CEO und Gründer von Edupression, einem digitalen Therapieprogramm für depressive Menschen. „Es lag daher nahe, auch in der medizinischen Versorgung auf Apps zuzugreifen.“
Die DiGA, die Patienten inzwischen zur Verfügung stehen, sind so vielfältig wie die Erkrankungen selbst. „Sie fallen u.a. in die Bereiche ‚Neurologie‘, ‚Innere Medizin‘, ‚HNO‘, ‚Orthopädie‘ und ‚Psychologie‘“, fasst Kurt Miller zusammen. „Laut BKK-Dachverband wurden die DiGA Kalmeda (8.600 Nutzer), Vivira (rund 8.000 Nutzer) und Zanadio (6.200 Nutzer) am häufigsten verschrieben; diese sind für die Diagnose von Tinnitus, Schmerzen und Adipositas zugelassen“, informiert Daniel Amann. Aber auch im Bereich der psychischen Gesundheit gebe es eine ganze Reihe an medizinischen Apps. Gründe dafür sind laut Uso Walter u.a., dass da die entsprechenden psychologischen Therapieverfahren relativ unkompliziert digital transformiert werden könnten, eine niedrige Risikoklassifizierung bei der Medizinproduktezulassung besäßen und darüber hinaus ihre Wirksamkeit bereits in vielen klinischen Studien unter Beweis gestellt hätten. „Auch der Mangel an verfügbaren Therapeuten trägt sicher zur zunehmenden Ausbreitung bei“, hebt er hervor.
Eine Marktlücke sieht Walter noch in jenen Gebieten mit hoher Risikoklassifikation, in denen der Aufwand der Entwicklung besonders groß ist. „In Bereichen, die körperliche Vitalfunktionen wie Blutdruck, Blutzucker oder den Herzrhythmus überwachen, wären daher noch weitere Anwendungen denkbar“, meint er. Daniel Amann indes sieht in allen Fachgebieten noch Platz für neue, innovative Lösungen. Er betont: „Wenn man sich vorstellt, dass derzeit nur rund 30 Apps im DiGA-Verzeichnis gelistet sind, wird der künftige Bedarf für viele zusätzliche Anwendungen noch deutlicher.“
Selten war das Thema „Sicherheit“ in der IT so wichtig, wie es derzeit ist, u.a. aufgrund der Digitalen Transformation. Auch im Gesundheitswesen und eben auch für Nutzer von Health-Apps sind Sicherheit und Datenschutz essenziell. „Datensicherheit und -schutz stellen ein sehr hohes Gut im Bewusstsein der Anwender dar“, ist sich auch Amann sicher und erklärt: „Ein hohes Maß an Datensicherheit wird mittels sogenannter Penetrationstests gewährleistet – diese sollten von unabhängiger Stelle durchgeführt werden.“ Sicherheitsaspekte müssten auch im Rahmen der relevanten Medizinproduktevorschriften und einer entsprechenden Risikobeurteilung und eines Qualitätsmanagements beachtet werden. Zum Datenschutz sei insbesondere auch das Erfordernis der Datenverarbeitung innerhalb der Europäischen Union zu erwähnen.
„Gerade während der Corona-Zeit wurde in den Medien vermehrt von Angriffen auf Einrichtungen des Gesundheitswesens berichtet. Bei DiGA ist mir bisher kein Fall bekannt“, sagt Kurt Miller. „Als Hersteller einer DiGA unterliegen wir den strengen Anforderungen des BfArM an den Datenschutz und die Datensicherheit ebenso wie umfassenden Meldepflichten, sollte es zu einer kritischen Situation kommen.“ Das IT-Sicherheitsgesetz zum Schutz Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) schließe Teile des Gesundheitswesens neben der Strom- und Wasserversorgung, dem Finanzwesen oder der Telekommunikation mit ein. Allen Beteiligten sei klar, dass die Sicherheit in der Gesundheitsversorgung oberste Priorität haben müsse. „Dennoch hoffen wir als Innovatoren und Visionäre natürlich auch, dass Gesellschaft und Politik nicht den Blick dafür verlieren, wo uns der Zugang und das Teilen von bestimmten Daten helfen können, die Gesundheitsversorgung zu verbessern.“
Neben der Sicherheit spielt auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei vielen Health-Apps eine Rolle. Daniel Amann vermutet, dass sie künftig immer wichtiger wird – etwa bei der Diagnostik oder bei der Therapie einer Krankheit. „Mit entsprechenden Patientendaten können dann künftig z.B. depressive Episoden zu einem sehr frühen Zeitpunkt vorhergesagt werden, so dass es zu keiner vollen Ausprägung des Krankheitsbildes mehr kommen muss“, erläutert er. Genauso würden dann Therapien noch stärker personalisiert und so an die Patienten angepasst werden können. Auch Uso Walter sieht großes Potenzial im KI-Einsatz: „Je mehr Daten intelligent ausgewertet werden, desto individueller und zielgerichteter kann eine Behandlung erfolgen“, betont er. In der Praxis scheitere das jedoch momentan an den gesetzlichen Bestimmungen, denn: „Jede Abweichung von der standardisierten Behandlung bedeutet eine eigenständige Entscheidung der Logarithmen und ist in den momentanen Zulassungsverfahren für Digitale Gesundheitsanwendungen nicht vorgesehen.“
Neben KI gibt es noch viele weitere Technologien, die in Zukunft für Health-Apps eine wichtige Rolle spielen könnten oder das teilweise sogar bereits tun, wie etwa Virtual Reality (VR). „VR kann sicherlich nochmals die Nutzerfreundlichkeit bei Apps erhöhen und das ‚Erlebnis App‘ so noch greifbarer machen“, sagt Daniel Amann. Neben den technischen Voraussetzungen werde bei Nutzung der VR aktuell allerdings öfter von Beschwerden wie Übelkeit, Schwindel und Desorientierung berichtet. „Sind diese Herausforderungen überwunden, sollte jedoch einem entsprechenden Erlebnis nichts mehr im Wege stehen“, betont er.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
„Insgesamt lässt sich sagen: Bei allen Transformationsprozessen wird sich die Akzeptanz erhöhen, wenn der Nutzen sichtbar wird“, ist sich Kurt Miller sicher. Das gelte auch für den Einsatz von VR, z.B. in der Behandlung von psychischen Störungen oder in der Ausbildung der Mediziner von morgen, die davon profitieren könnten, dass ihnen ein virtueller Übungsraum zur Verfügung steht. „Wir stehen insgesamt noch ganz am Anfang der digitalen Therapieformen, und die Leistungsfähigkeit der Anwendungen wird sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deutlich erhöhen“, sagt Uso Walter. Das müsse aber immer im Gleichschritt mit gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Akzeptanz aller Stakeholder im Gesundheitswesen erfolgen. „Das bedeutet aus bisheriger Erfahrung, dass es nicht wirklich schnell gehen wird.“
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