Mobilität von morgen

Hochautomatisierter Rollentausch

Werner Köstler ist Mitglied der Leitung des Geschäftsfelds Vehicle Networking and Information bei Continental. Als Strategie-Verantwortlicher spricht er im Interview über den Status Quo des vernetzten Fahrens und darüber, was es auf dem Weg zum Autonomen Auto noch zu beachten gibt.

  • Werner Köstler, Continental

    „Die persönlichen Daten gehören immer dem Nutzer", sagt Werner Köstler, Continental.

  • Robotertaxi Cube

    Das fahrerlose Robotertaxi „Cube" befindet sich bereits in der Testphase.

MOB: Herr Köstler, worin liegt der Unterschied zwischen Autonomem Fahren und automatisiertem Fahren?
Werner Köstler:
Der Unterschied liegt in den Entwicklungsstufen beim selbstfahrenden Auto. Wie die einzelnen Stufen zu einem solchen autonom agierenden Fahrzeug aussehen hat die Society of Automotive Engineers (SAE) definiert. Während ein Fahrzeug in Stufe 0 überhaupt keine Automatisierungsfunktionen hat, bedeutet Stufe 5 die Fähigkeit, komplett alle Situationen zu meistern, die heute ein Mensch beim Autofahren bewältigen kann – ganz ohne einen Fahrer.

Beim Hochautomatisierten Fahren kann das Fahrzeug eine Vielzahl von Situationen allein beherrschen – wenn der Fahrer dies wünscht. Zu den automatisierten Fahrfunktionen gehört zum Beispiel das Fahren längerer Distanzen auf der Autobahn. Der Fahrer kann dabei das Fahrzeug jederzeit auch selbst steuern und entscheidet wann er die Option, sich in bestimmten Situationen vom Fahrzeug „automatisiert“ chauffieren zu lassen, nutzen möchte. Autonome Fahrzeuge gehen einen Schritt weiter und können ganz ohne Zutun eines Fahrers von A nach B fahren. Hier ist der Beitrag durch einen menschlichen Fahrer gar nicht mehr notwendig. Dementsprechend verfügen viele autonome Konzeptfahrzeuge auch nicht mehr über die typischen Bedienelemente wie Lenkrad und Pedale. Ein Beispiel hier ist das Robo-Taxi „Cube“ von Continental. Das System meistert sämtliche Situationen innerhalb eines definierten Einsatzortes. Diese fahrerlosen Fahrzeuge können ohne direkte menschliche Weisung angemessen agieren und sicher auf unvorhersehbare Ereignisse reagieren.

MOB: Wie wird die Einführung und Verbreitung von 5G die Mobilität in den nächsten Jahren verändern?
Köstler:
5G ist ein wesentlicher Baustein der Mobilität der Zukunft und bietet wichtige Verbesserungen und Vorteile für das Fahrzeug beim Datenaustausch über das Mobilfunknetz. Durch höhere Datenraten, extrem niedrige Latenzzeiten und seine hohe Zuverlässigkeit ermöglicht der neue Funkstandard Echtzeitkommunikation über Mobilfunk zwischen Fahrzeugen, der Infrastruktur und einer ständig wachsenden Anzahl vernetzter Geräte. So können dank 5G Sicherheit, Effizienz und Komfort beim Fahren weiter gesteigert werden. Dies liegt auch an den zahlreichen neuen Anwendungsmöglichkeiten, die 5G für die Mobilität bietet. Dazu zählen zum Beispiel das Echtzeit-Streaming von Kamerabildern vorausfahrender Fahrzeuge („See-through“) und ein verbessertes Unterhaltungserlebnis durch 4K Video-Streaming oder Augmented Reality (AR) sowie der Download von HD-Karten für das automatisierte und autonome Fahren. Nicht zuletzt verbessert 5G das drahtlose Einspielen von Updates wie zum Beispiel neue Funktionen (Over-the-air-Updates) oder ein Up-to-Date Virenschutz für höchste Cyber-Sicherheit. Deshalb treiben wir bei Continental als einer der Technologieführer auf dem Gebiet der Fahrzeugvernetzung die 5G-Entwicklung im Automotive-Bereich mit verschiedenen Kooperationspartnern wie Chip-Herstellern und Mobilfunknetzbetreibern aktiv voran und entwickeln eigene Mobilfunkmodule wie Network Access Devices, Antennen und Software-Komponenten für Cyber Security. Erste Aufträge für globale 5G-Serienprojekte sind bereits in der Entwicklung.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Datenschutz und IT-Security sind beim vernetzten Fahren enorm wichtig. Wie können Fahrer sicherstellen, dass ihre Daten nicht in die falschen Hände geraten? Wie wird gewährleistet, dass das Connected Car nicht von Dritten kompromittiert wird?
Köstler:
Bei uns gilt das Prinzip: keine Vernetzung ohne die passende Sicherheits-Strategie – unter strikter Implementierung der Europäischen GDPR. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Hürden für Cyber-Kriminelle so hoch wie möglich zu setzen. Deshalb entwickeln wir gemeinsam mit unseren Tochterunternehmen Elektrobit und Argus Cyber Security Ende-zu-Ende Cyber-Sicherheitslösungen sowie Lösungen für drahtlose Software-Updates, die in allen unseren vernetzten Elektronikkomponenten von Anfang an vorintegriert sind. Diese Komponenten wurden für Anwendungen wie sichere Kommunikation, authentifizierte Identifikation, sichere Updates und Diagnostik entwickelt und sind derzeit bereits in Millionen von Fahrzeugen zu finden. Dabei basiert unsere Cyber-Sicherheitsphilosophie auf drei wichtigen Säulen: Fahrzeughersteller sollen in der Lage sein, Cyber-Bedrohungen zu verhindern, zu verstehen und darauf zu reagieren.

Beim Thema Datenschutz gilt, dass wir mit vernetzten Diensten vor allem einen Mehrwert für Autofahrer und Mobilitätsnutzer schaffen wollen. Ein Beispiel hierfür ist die vernetzte Navigation, bei der sich Fahrzeuge über den dynamischen elektronischen Horizont gegenseitig über Staus oder Hindernisse auf der Strecke informieren. Für solche Dienste müssen wir die Identität eines Fahrzeughalters oder -fahrers gar nicht kennen. Stattdessen reichen pseudonymisierte, verifizierbare Informationen wie Position, Zeit und Ereignis aus. Wenn es um Dienste geht, die auf personenbezogene Daten greifen, müssen Fahrer (oder Halter) immer entscheiden können, ob sie diese Daten für einen Dienst weitergeben. Denn die persönlichen Daten gehören immer dem Nutzer! Diese Fähigkeit zu entscheiden, schließt auch eine umfassende Information der Fahrer darüber ein, welche Daten für welche Funktion an welche Stelle weitergegeben werden.

MOB: In Zukunft werden Menschen und Autos wohl während der Fahrt noch enger „zusammenarbeiten“ – was gibt es hier bezgl. der Schnittstellen zu beachten? Wie lässt sich eine optimale UX sicherstellen und worauf kommt es dabei an?
Köstler:
Auf dem Weg zum vollautomatisierten Fahren sind die größten Herausforderungen für die Mensch-Maschine-Interaktion der Rollenwechsel des Fahrers und die daraus resultierenden neuen Bedürfnisse und Anforderungen. War der Fahrer bislang ausschließlich mit der Fahraufgabe beschäftigt, wird er nun zum kritischen Nutzer und Überwacher im Cockpit, der auch unterhalten werden will. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss er jederzeit darüber Bescheid wissen, wie das Fahrzeug warum agiert und in welchem Fahrmodus es sich gerade befindet. Die wichtigsten Schlagworte bei der Entwicklung von Elementen für die Mensch-Maschine-Schnittstelle sind daher Vertrauen, Transparenz und Modus-Bewusstsein, also das Bewusstsein über den jeweils aktuellen Fahrmodus (manuell oder automatisiert). Die technischen Komponenten von Interaktionskonzepten für das Automatisierte Fahren müssen dafür nicht nur dynamisch und multimodal verknüpft werden, sondern gleichzeitig intuitiv bedienbar sein und den aktuellen Fahrerzustand jederzeit berücksichtigen. So benötigt der Fahrer womöglich mehr Zeit und Unterstützung bei der Rückübernahme der Fahraufgabe, wenn er sich nach einer längeren automatisierten Fahrphase anderweitig beschäftigt hat. Dem Thema Unterhaltung kommen wir mit Lösungen wie der Integrated-Interior-Plattform bei, die sich an die jeweilige Situation anpasst und je nach Fahrmodus das Cockpit entweder zur Informationszentrale oder zum rollenden Wohnzimmer mit großflächigen Displays macht und so ein positives Nutzererlebnis gewährleistet.

MOB: Wo ordnen Sie den Standpunkt Deutschland in Bezug auf die Zukunft des Autonomen Fahren ein? Gibt es etwas, das der Gesetzgeber hinsichtlich gewisser Rahmenbedingungen verbessern sollte?
Köstler:
Für den flächendeckenden Einsatz hochautomatisierter Fahrzeuge bedarf es klarer Regelungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen im Zulassungs-, Verhaltens- und Haftungsrecht. Diese müssen, darüber hinaus, vor dem Hintergrund des grenzüberschreitenden Einsatzes von Fahrzeugen für Europa auf EU-Ebene und besser sogar weltweit harmonisiert gestaltet werden. Das ist notwendig, damit Technologieunternehmen und Fahrzeughersteller Planungssicherheit für den Markt solcher Funktionen haben. Nur damit können die enormen Forschungs- und Entwicklungsaufwände ausbalanciert werden, die diese Technik erfordert.

In Deutschland sehen wir die letzten Entwicklungen der Gesetze zum automatisierten Fahren – wie etwa die Aktualisierung des Straßenverkehrsgesetzes (StVG) 2017 als einen wichtigen Schritt nach vorn. Allerdings sehen wir noch immer die Notwendigkeit, diese im Detail weiter zu präzisieren, da beispielsweise völlig fahrerlose Fahrzeuge nach wie vor nicht abgedeckt sind. Auch die zuvor durchgeführte Anpassung des sogenannten Wiener Übereinkommens über den Straßenverkehr ist positiv, um den Weg für mehr Automation zu ebnen. Deutschland ist auf dem richtigen Weg, die ersten Schritte sind gemacht, jetzt gilt es Regeln zu schaffen, die den großen Nutzen dieser Funktionen für die Gesellschaft auch ermöglicht. Hierzu gehört die weitere Öffnung der Gesetze zum Betrieb automatisierter Fahrzeuge, die internationale Beschleunigung der Regelungen zur technischen Zulassung und auch die Schaffung von klaren Richtlinien für den Betrieb vollkommen autonomer Fahrzeuge – zunächst in Pilotprojekten und perspektivisch für die Anwendung in höheren Stückzahlen. Nur so kann die Automation beim Autofahren ihren vollen Beitrag zu einer neuen und besseren Mobilität für unsere Bevölkerung schaffen.

MOB: Wie lange werden Autofahrer noch frei entscheiden können, wieviel Vernetzung sie wünschen?
Köstler:
Die Vernetzung von Fahrzeugen hat eine über 20-jährige Geschichte und moderne Fahrzeuge sind bereits heute hochgradig vernetzt, denn die Vernetzung ist mittlerweile zur Schlüsseltechnologie für die intelligente Mobilität der Zukunft geworden. Allein Continental hat mit seinen Konnektivitäts-Produkten bereits rund 33 Millionen Fahrzeuge vernetzt. Und das nicht ohne Grund, denn die Fahrzeugvernetzung bietet in erster Linie eine Menge Vorteile für die Autofahrer. So sorgt sie für mehr Sicherheit, indem sie die Kommunikation zwischen allen Verkehrsteilnehmern sicherstellt und potenzielle Gefahren damit früh erkannt werden. Daneben erhöht die Vernetzung den Komfort, da sie dem Fahrer und allen Passagieren ermöglicht, ihr mobiles und digitales Leben im Fahrzeuginnenraum einfach weiterzuführen. Nicht zuletzt ist dank vernetzten Fahrzeugen auch ein effizienteres Fahren möglich. So konnten Lkw, die mit unserem statischen „eHorizon“ ausgestattet sind, seit 2012 bereits über eine Milliarde Liter Diesel oder knapp drei Millionen Tonnen CO2 einsparen. Für uns bei Continental kann es daher gar nicht genug Vernetzung geben. Natürlich spielen auch gesetzliche Regularien eine Rolle. So ist der automatische Notruf „eCall“ seit 2018 Pflicht bei jeder neuen Typzulassung. Damit kommen Telematik-Einheiten flächendeckend in Fahrzeuge und machen Vernetzung endgültig zum Standard.

Bildquelle: Continental

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