Keine Schatten-IT mit "Bring Your Own Device"

Hoher Aufwand, minimaler Ertrag: Auslaufmodell BYOD

Gerade die Informationstechnologie steht mustergültig dafür, ständig neue Trends und Megatrends zu erfinden. Manchmal gibt es sogar tatsächlich Entwicklungen, die die Gesellschaft und das Geschäftsleben komplett und nachhaltig verändern. Das Internet zum Beispiel. Oder der weitreichende Einsatz mobiler Touch Devices.

Worauf sich jedoch die angebliche Popularität des Konzeptes mit dem schönen Namen „Bring Your Own Device (BYOD)“ stützt, wird wohl das Geheimnis der IT-Marketiers bleiben. Zu lange aufhalten sollte man sich damit aber eh nicht, denn der trendige Nachfolger steht bereits in den Startlöchern – und verspricht deutlich mehr Potential.

Manchmal, wenn sich Analysten und Marktbeobachter darin überbieten, die Wachstumsraten verschiedener IT-Technologien oder -Konzepte in kaum nachvollziehbare, abstrakte Milliardenhöhen zu prognostizieren, reibt man sich verwundert die Augen. Entweder ist es Altbekanntes in neuem Gewand – Beispiel Cloud Computing mit den Vorgängern Hosting, Outsourcing, ASP, SaaS und Virtualisierung – oder der sogenannte Hype spielt sich augenscheinlich nur auf geduldigem Papier ab – Beispiel „Bring Your Own Device“. Mögen die vielzitierten Studien auch noch so eindeutig sein, sieht die Praxis in Sachen BYOD unseren Recherchen nach deutlich anders aus: Beispielsweise erlaubte bis vor kurzem nur eines der DAX-30-Unternehmen seinen Mitarbeitern, private Geräte für geschäftliche Zwecke zu nutzen. Der Grund hierin liegt schlicht und ergreifend in den umfangreichen rechtlichen Regularien sowie der firmeninternen Compliance, die es nun einmal einzuhalten gilt. Dies trifft in gleichem Maße auf viele andere Konzerne und Unternehmen zu, allen voran im Versicherungs- oder Finanzsektor. Heißt dies aber nun, dass der Mittelstand die treibende Kraft hinter BYOD ist? Ausgerechnet der angeblich so konservative deutsche Mittelstand? Zweifel sind angebracht. Nein, nicht weil der Mittelstand in Sachen IT konservativ wäre. Allerdings muss Innovation machbar sein. Schließlich gelten die gesetzlichen Regelungen zum Datenschutz auch dort.

Warum dieser Hype?

Die Frage ist: Wie konnte BYOD überhaupt so viel Beachtung erlangen? Und warum sind so viele IT- und Mobility-Anbieter auf diesen Zug (ohne Passagiere) aufgesprungen? Die wahrscheinlichste Erklärung ist die, dass mit dem Aufkommen der ersten leistungsfähigen, mobilen Touch Devices (namentlich das iPhone) viele Mitarbeiter damit begannen, E-Mails und Termine auf ihre privaten Geräte weiterzuleiten. Zum erstem Mal hatten die Mitarbeiter einen technologischen Vorsprung gegenüber der Firmen-IT und nutzten ihn, ohne Kenntnis geschweige denn Erlaubnis der IT-Abteilungen. Im Laufe der Zeit wurden die „unternehmensrelevanten Aktivitäten“ auf den privaten Geräten immer umfangreicher, worin Sandra Adelberger, Director Product Management EMEA bei Acronis, denn auch die grundlegende Sicherheitsproblematik von BYOD sieht. Die Motivation der Mitarbeiter ergibt sich aus dem Nutzen, schnell und ohne größere Umwege über ihre eigenen Geräte auf IT-Ressourcen bzw. die Infrastruktur des Unternehmens zugreifen zu können, wie Anngret Podschelni, Vice President Product Leader Mobile Enterprise Services bei T-Systems, feststellt. Man könnte es auch Bequemlichkeit nennen, die mit einem herkömmlichen, vom Unternehmen bereitgestellten Feature Phone schlicht nicht möglich oder mit dem Firmen-Notebook zu umständlich gewesen wäre. Vielleicht war es auch ein wenig die Neugierde, zu schauen, was mit den neuen, potenten und trendigen Devices alles möglich ist, ohne die lästigen Auflagen und Restriktionen der IT-Abteilungen und Datenschützer. Zu guter Letzt kommt auch noch der Lifestyle-Faktor ins Spiel: Blackberry konnte viele der gewünschten Funktionen schon lange vorher, und das auch noch sicher. Es gilt oder galt jedoch – aus welchen Gründen auch immer – als uncool.

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, auf dieses Verhalten zu reagieren. Es gibt das Verbot, das immer den Nachteil hat, die Mitarbeiter eventuell dazu zu animieren, erneut an der IT vorbei an Geschäftsinformationen zu gelangen. Zweitens: Man kann bis zu einem gewissen Grade Toleranz zeigen und darauf hoffen, dass schon nichts passieren wird. Drittens kann man sehr detailreiche Listen mit Rahmenbedingungen aufstellen, in deren Grenzen BYOD so sicher wie möglich gemacht werden soll. Oder man wartet ganz einfach, bis BYOD aus dem Blickfeld verschwindet, und bietet praxistauglichere Konzepte an wie das mit dem schönen Namen „Choose Your Own Device“.

Attraktive Arbeitgeber stellen attraktive Arbeitsmittel

Denn mal ehrlich: Die Smartphones der Mitarbeiter sind doch schon lange nicht mehr besser als die von den Unternehmen zur Verfügung gestellten. Spätestens dann, wenn der Arbeitgeber den Mitarbeitern ähnlich wie bei Firmenwagen die Wahl lässt, aus einem Pool von drei oder vier angesagten Geräten zu wählen, wird sich BYOD erledigt haben. Spätestens dann, wenn die Angehörigen der Generation Y ihren Kumpels stolz zeigen können, welch tolle Geräte ihnen von ihren jeweiligen Arbeitgebern bereitgestellt werden, wird sich niemand mehr die Mühe machen, die IT-Abteilung austricksen zu wollen. Und: Wollen nicht auch die Digital Natives Wertschätzung erfahren, anstatt für ihre Arbeitsmittel auch noch selbst zu bezahlen?

Wenn nämlich der Betrieb für die Ausstattung der Mitarbeiter verantwortlich zeichnet, kann er sich als innovatives Unternehmen und gleichzeitig als attraktiver Arbeitgeber auszeichnen, das den Mitarbeitern die neuesten Technologien bereitstellt. Dann mangelt es diesen Unternehmen künftig vielleicht auch weniger an Fachkräften, als wenn diese Fachkräfte auch noch ihre eigenen Arbeitsmittel mitbringen müssen. Und das Unternehmen umgeht die Schatten-IT, ist (wieder) Herr und kann sich eine Menge organisatorischen, technischen und juristischen Aufwand sparen. Einen Aufwand, der die vermeintlichen Kostenvorteile aufgrund der geringeren Beschaffungskosten locker in den Schatten stellen dürfte.  

Bildquelle: Thinkstock/ iStockphoto

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