Web vs. App

HTML5 oder native Apps?

Die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern von HTML5 und nativen Apps wogt seit Jahren hin und her. Dabei hat jedes Entwicklungsprinzip Stärken und Schwächen.

Wer den Webstandard HTML5 als Sieger sehen will, muss nur die Preview des neuen Google Maps aufrufen. Maps bietet in Zukunft alles, was überhaupt mit Karten möglich ist – und mit HTML5. So integriert Google seine Earth-Anwendung sowie Streetview nahtlos zu einer einheitlichen Kartenanwendung. Natürlich ist Maps eine Showcase-App, mit allem aufgerüstet, was gut und teuer ist. Und natürlich läuft sie im Browser Chrome am besten. Bei Firefox und dem Internet Explorer hakelt es noch ein wenig – zumindest in der Preview, die noch mit eingeschränkten Ressourcen arbeitet.

Wer noch mehr Show haben will, wird ebenso bei Microsoft fündig: Unter brandongenerator.com demonstriert das Unternehmen aus Seattle, was mit HTML5 alles machbar ist, so auch ein Zeichentrickfilm im Noir-Stil. Solche Dinge zeigen, dass der neue Webstandard HTML5 leistungsfähig ist. Seine Möglichkeiten reichen weit in die Domäne anderer Tools wie Flash, Java oder nativer Entwicklungsumgebungen hinein. Hat HTML5 also auf ganzer Linie gesiegt? Ist der Wettstreit zwischen den lokal installierten nativen Apps und den im Internet angesiedelten Web-Apps beendet? Es sieht beinahe so aus, denn ein paar Ecken weiter im Internet gibt es zahlreiche Web-Apps, die deutlich weniger aufgemotzt sind, aber von unzähligen Menschen im Alltag eingesetzt werden.

Geschäftskritische native Apps

Das Versprechen von Web-Apps auf der Basis von HTML5 lautet: eine Anwendung für alle Plattformen vom Mobilgerät bis zum Desktop-PC. Und tatsächlich gibt es eine Vielzahl an aktiven Web-Apps für alle möglichen Zwecke. Ein Beispiel, das für Unternehmen interessant ist: Trello.com. Der Service ist eine einfache, aber smarte Aufgaben- und Projektverwaltung. Sie kann sowohl von Einzelpersonen als auch von Teams mit Gewinn eingesetzt werden. Die App nutzt die Möglichkeiten von HTML5 recht geschickt aus und präsentiert ein klares Design, das an analoge Pinnwände erinnert. Und natürlich gibt es von Trello auch Apps für die wichtigsten Systeme: iOS, Android und sogar Windows 8 – bei der Zielgruppe des Service eine konsequente Entscheidung. Alle diese Plattformen besitzen eine moderne und auch neuere Ergänzungen berücksichtigende Implementation von HTML. Doch die Apps sind nicht in HTML5, sondern jeweils echte, native Apps.
Hamid Palo, App-Entwickler bei Trello, hat auf eine entsprechende Frage via Twitter trocken geantwortet: „Nope, mobile apps are all native. HTML5 on mobile really doesn‘t work well enough.“ Verständlich, denn wer will schon etwas anderes als das Maximum für sein Kernprodukt? Geschäftskritische Apps sollten immer nativ sein, meint auch Klemens Zleptnig, CTO der Creative Workline GmbH in Wien, die in beiden Welten entwickelt (siehe Interview).

Bei Trello, aber auch bei vielen jüngeren Internetunternehmen wie Evernote oder Instapaper stehen native Apps mit einem Backend in der Cloud im Vordergrund. Die ebenfalls vorhandene Web-App ist nur ein weiterer Teil des Gesamtangebots und auf Mobilgeräten lediglich eine Alternativoberfläche. Das Kernprodukt ist in diesem Fall die App. Sie arbeitet als Schlüssel zum Service und gibt den Anwendern ein möglichst hochwertiges Nutzererlebnis.

Auch HTML5 ist fragmentiert

Native Apps sind also überlegen? Dies gilt zumindest für Unternehmen, die eine Endanwender-App anbieten und damit auf irgendeine Weise Geld verdienen wollen. So kennen nur die App Stores eine Möglichkeit, Apps direkt zu monetarisieren – zumindest für Einzelentwickler und kleine Unternehmen ein gangbarer Weg zu Umsätzen. Unternehmen, die auf Venture Capital setzen, bieten Apps üblicherweise kostenlos an, damit sie maximal viele Anwender erreichen. Durch die Massenbasis taucht dann ein anderes Problem auf: Nicht jeder Anwender besitzt ein Highend-Smartphone mit Vierkernprozessor. Es gibt bei Android und Windows Phone zahlreiche preisgünstige Einsteigergeräte mit langsamer Hardware.

Grafisch aufwendig aufbereitete Benutzeroberflächen können bei Web-Apps zu Problemen mit der Performance führen, vor allem auf Mobilgeräten. Außerdem gibt es keine Hintergrundprozesse, so dass bestimmte Funktionen die ganze Web-App blockieren können. Auch die Sicherheit ist ein Vorteil für native Apps: Sie haben exklusiven Zugriff auf Sicherheitsfunktionen und Verschlüsselung in den Geräten. Auch mit der hochgelobten Multiplattformentwicklung ist das so eine Sache. Es gibt kleine, aber feine Unterschiede in der Implementation von HTML5 in verschiedenen Browsern. Sie erschweren die Entwicklung, vor allem bei Web-Apps für Mobilgeräte und Desktop. Diese Fragmentierung ist genauso nervig wie die der mobilen Plattformen.

Die Fans der Web-Apps

All dies sind Einschränkungen, die den Apple-Fan und Blogger John Gruber auf seinem Blog „Daring Fireball“ zu der Einsicht bringen: „Selbst die besten Web-Apps kommen nicht an die Qualität der besten nativen Apps heran. Tatsächlich erreichen nur wenige Web-Apps die Qualität der ersten iPhone-Apps von 2007.“ Starke Worte, doch trotzdem ist das letzte Wort in der Auseinandersetzung „Web vs. App“ noch nicht gesprochen. HTML5 ist gegenüber nativen Apps zwar eingeschränkt, dies kann jedoch auch positiv wirken: Das Web ist als Entwicklungsplattform leichter zu beherrschen. Es gibt eine Vielzahl an kostenlosen Hilfsprogrammen, die es auch einem Anfänger erlauben, relativ schnell in die Entwicklung von Web-Apps einzusteigen. Für Entwickler hat das Web als App-Plattform sogar einen deutlichen Vorteil gegenüber den nativen Plattformen: Es ist zunächst viel einfacher, ein App-Konzept zu erproben und auszubauen. Da eine Web-App problemlos zu aktualisieren ist und jedes Update sofort bei den Nutzern ankommt, können auch kleinere Nutzeranregungen sofort verwirklicht werden.

Doch die größten Fans von HTML5 und Web-Apps sitzen ganz woanders, an einem unerwarteten Ort: Sie finden sich hinter Türen mit der Aufschrift „Chief Information Officer“. Denn hier geht es darum, vorgegebene Aufgaben möglichst effizient zu lösen und dabei die vorhandene Gerätebasis zu nutzen. „Die Anforderungen von CIOs sind anders“, meint der US-Experte Matt Asay, einer der Geschäftsführer von 10gen, dem Hersteller der NoSQL-Datenbank MongoDB. Viele CIOs setzen seiner Erfahrung nach auf hybride Apps. Sie sind wie native Apps über Enterprise Stores kontrolliert zu verbreiten, die eigentliche Anwendungslogik wird aber in HTML5 verwirklicht. „Viele dieser Buiness-Apps haben entweder einen stark informierenden Charakter oder benötigen einen möglichst breiten Zugriff, so dass die Unternehmen es sich nicht leisten können, einzelne Mobilgeräte auszuschließen“, so Asay weiterhin. Das zeige sich auch auf dem US-Jobmarkt: Obwohl die Entwickler von Consumer-Apps eher native Lösungen bevorzugen, sei HTML5 zur Zeit das am stärksten nachgefragte Entwickler-Know-how.

Der Hybrid aus HTML5 in einem nativen Container ist beinahe so etwas wie eine ideale Business-App für den Zugriff auf vorhandene Backends. Der HTML5-Kern kann im Prinzip ohne fundamentale Anpassungen auf allen Geräten inklusive Desktop-PC arbeiten. Es gilt die Regel: einmal entwickeln, überall ausrollen. Hier kann HTML5 seine Stärken ausspielen: „Effiziente Entwicklung und kurze ‚time-to-market‘“, meint Kai-Thomas Krause vom App-Hersteller Couchcommerce (siehe Interview). Das entspreche den Bedürfnissen von Unternehmen, die eine Benutzeroberfläche für ihre Backends auch auf Mobilgeräte bringen wollen.

Aufwertung mit typischen Funktionen

Die ganze Fülle der Möglichkeiten nativer Entwicklung ist nur selten gefragt. Jenseits von Push-Mail, Terminkalender und Kontakten geht es oft darum, Geschäftsanwendungen auf Mobilgeräten mit typischen Funktionen wie Ortsbestimmung oder Routenplanung aufzuwerten. Ein großer Teil der typischen Enterprise-Apps sind Management-Cockpits, die Analysedaten aus Data Warehouses sowie aus CRM, ERP und anderen Systemen aufbereiten. Ein zweiter wichtiger Bereich sind Schnittstellen für Vertrieb, Service und Wartung, die Zugriff auf die entsprechenden Datensammlungen benötigen. Die Wünsche an die Entwickler richten sich eher auf Projektlaufzeit und Kosteneffizienz als auf möglichst verblüffend wirkende Apps. Ähnliche Anforderungen gibt es aber auch im Bereich von Consumer-Apps, vor allem bei der Präsentation von Inhalten aller Art in Marketing, E-Commerce oder Medien.

Der App Store als Hürde

„Mit HTML5 lässt sich eine hohe Wiedererkennbarkeit von App und Web auf allen Geräten erreichen“, betont Michael Mathieu, Geschäftsführer des App-Herstellers Concepteers. Er sieht Web-Apps vor allem dort im Vorteil, wo Informationen aufbereitet werden. „Web-Apps sind ideal für interaktive und multimediale Inhalte, z.B. in Produktkatalogen oder Webshops.“ Mit ihnen lässt sich zum einen die Corporate Identity weitgehend wahren, was für viele Handelsunternehmen wichtiger ist als eine Anpassung an jedes Mobilbetriebssystem. Zum anderen zählen Vorteile wie rasche Auslieferung auf die Endgeräte und unkomplizierte Updates ohne die Hürde des für seine Unkalkulierbarkeit berüchtigten Apple-App-Stores.

Das ist nicht nur ein Gerücht, wie die Kölner App-Agentur Grandcentrix erfahren musste: Eine Woche vor dem TV-Termin stoppte Apple zwischenzeitlich die von Grandcentrix entwickelte App für den „Eurovision Song Contest (ESC)“ wegen unklarer Links. Für die beteiligten Unternehmen wäre ein verspätetes Erscheinen der Super-GAU geworden. Durch solche erratischen Entscheidungen kann eine native Plattform für bestimmte Zwecke die schlechteste Lösung werden – zum Vorteil von HTML5. John Gruber: „Web-Apps sind der beste Weg, um die meisten Leute mit dem geringsten Aufwand zu erreichen“ – und mit dem niedrigsten Risiko eines Totalschadens. 


Vorteile von nativen Apps

  • Benutzererfahrung: Sie entspricht stärker dem, was die Anwender auf dem jeweiligen Betriebssystem als Standard erwarten. Vor allem auf einfachen Smartphones mit weniger leistungsfähiger Hardware sind native Apps zudem deutlich flotter und leistungsfähiger.
  • Sicherheit: Native Apps sind sicherer, da sie direkt auf die Sicherheitsfunktionen und die Verschlüsselung der Betriebssysteme zugreifen können und damit sichere Apps erlauben.
  • Monetarisierung: Native Apps sind durch die App Stores und In-App-Käufe besser als Grundlage eines Geschäftsmodells zu nutzen. Für Web-Apps gibt es – wie für das ganze Web – kein praktikables und mit den Stores vergleichbares Zahlverfahren.

Vorteile von HTML5-Apps

  • Multiplattformentwicklung: HTML5 ist auf Mobilgeräten sowie Desktop-PCs und allen Betriebssystemen (relativ) einheitlich verwirklicht. Basisfunktionen lassen sich problemlos auf allen Systemen verwirklichen, die Vereinheitlichung der Plattformen ist nur eine Frage der Zeit.
  • Installation und Updates: Web-Apps sind nicht den 
Genehmigungsprozeduren der Store-Betreiber unterworfen. Neue Funktionen und Patches können problemlos und für den Anwender unsichtbar ausgerollt werden.
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Entwicklermarkt: Kenntnisse in nativer Programmierung der einzelnen Betriebssysteme sind unterschiedlich weit verbreitet. Bei der Techno-logien (Javascript, HTML5, CSS) gibt es die größte Zahl an Entwicklern.

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