Identitätsdiebstahl und Behörden

Ich bin Du

Noch ist die Nutzung von Gesichtserkennungs-Software weitgehend freiwillig. Es gibt jedoch vermehrt Anzeichen dafür, dass dies nicht mehr lange so bleiben wird.

  • Risiken der Gesichtserkennung

    Unter dem Deckmantel der Gefahren- und Terrorabwehr könnte der Einsatz von Gesichtserkennungs-Software schnell zu gläsernen Bürgern führen.

  • Andreas Lösch, Gemalto

    Andreas Lösch von Systemlieferant Gemalto betont: „Es gibt viele Beispiele technischer Entwicklungen, die den Komfort erhöht haben, wie der Geldautomat, das Mobiltelefon oder unsere Flug-Check-in-Gesichtserkennung Fly to Gate.“

Flughäfen wird bereits der sogenannte Self-Service-Check-in zur schnelleren und bequemeren Abwicklung propagiert. Doch was passiert, wenn Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden alle verfügbaren Informationen zusammenführen? Einige Politiker sind bekanntlich bereit, freiheitliche Grundrechte unter dem Deckmantel der Terror- und Gefahrenabwehr aufzugeben. Die tatsächliche Gefahr besteht jedoch darin, dass alle Menschen über kurz oder lang gläsern werden.

Da mit zunehmend verfeinerter Technik immer bessere Trefferquoten bei der Erkennung erzielt werden, könnte in absehbarer Zeit nahezu jede Person auf der Straße im Publikumsverkehr erkannt und verfolgt werden. Und nicht nur das: Mit Gesichtserkennungstechnik sollen sich mittlerweile sogar Emotionen, Krankheiten und der Intelligenzquotient von Personen erkennen lassen. Bei flächendeckender Ausleuchtung mit Kameras wäre dies für die Werbe- und Marketingindustrie wie mehrere Sechser im Lotto gleichzeitig. Nach dem Motto: Sieht jemand betrübt aus, bekommt er via App einen Coupon für einen Latte Macchiato – als Belohnung, auf dass er sich damit danach besser fühle. Bislang ist es jedoch glücklicherweise noch so, dass die ausdrückliche Einwilligung der Betroffenen vorliegen muss. Es bleibt also zu hoffen, dass die Politik die bestehenden Gesetzesgrundlagen zur Einwilligung nicht aufweicht, wofür es mit der neuen EU-Datenschutz-Grundverordnung zunächst keine akuten Anzeichen zu geben scheint. Zudem wurden in den vergangenen Jahren bereits derart viele ehemals unverhandelbare Grundrechte gekippt, dass man skeptisch sein sollte. Beispiel: Vorratsdatenspeicherung.

Steigerung des Nutzungserlebnisses?

Doch es kommt auch auf das bewusste Verhalten der einzelnen Nutzer an. Ob es spezielle Apps sind, die vorgeben, in Social-Media-Plattformen Personen anhand eines Bildes finden zu können, oder ob es die Plattformen gleich selbst sind. „Die Technologie ist bereits vorhanden und wird eingesetzt – bei Facebook etwa bekomme ich gelegentlich Markierungen von Personen auf Bildern vorgeschlagen“, berichtet Thomas Uhlemann von Eset. „Zumindest offiziell geht es dabei um die Steigerung des Nutzererlebnisses – wie auch immer die aussehen kann – oder schlicht um genauere Werbedaten, die die Betreiber verkaufen können.“

Eine Gegenmaßnahme könnte sein, einfach keine Bilder mehr von sich zu posten, was jedoch der „Generation Selfie“ nur noch schwerlich vermittelbar sein dürfte. „Aber wenigstens kann man darauf achten, welche Metadaten im hochgeladenen Bild vorhanden sind, wie etwa Informationen zur Kamera oder zum Standort. Letztere lassen sich auch im Smartphone bei Nichtverwendung deaktivieren.“

Ein weiteres Horrorszenario neben flächendeckender Überwachung wäre der Diebstahl der eigenen Identität. „Identitätsdiebstahl war im Prinzip schon immer möglich – in der Vergangenheit wurden ja bereits mehrfach Twitter-Accounts von in der Öffentlichkeit stehenden Personen übernommen. Aber Fakt ist auch, dass je mehr elektronische Merkmale über eine Person vorhanden sind, es umso einfacher wird, ihre Identität zu kopieren. Daneben eröffnen sich allein aufgrund der Technologie sowie der zunehmenden Digitalisierung auch mehr Möglichkeiten zum Betrug“, bemängelt Wolfgang Straßer von @-yet.

Als Beispiele nennt er etwa jenen Fall, beim dem allein mit dem Foto einer Iris, aufgenommen mit einer extrem hochauflösenden Kameralinse, erfolgreich ein Iris-Scan zur Entsperrung eines Gerätes durchgeführt werden konnte. Auch in Pässen ist Biometrie bereits enthalten, im Reisepass gar der Fingerabdruck verpflichtend. „Also hat man im Grunde bereits jetzt keine Chance mehr, dem zu entkommen, obwohl dabei die Sicherheit mit Füßen getreten wird“, kritisiert Straßer scharf. Die Problematik ist hier, dass die Bürger, anders als die Nutzer eines Dienstes oder einer App, keine Wahlfreiheit mehr haben.

Immer mehr Erfassungspunkte

Ein weiterer Punkt sei, dass aufgrund der erhöhten Anzahl von Erfassungspunkten, also der zunehmenden Videoüberwachung seitens Unternehmen, Privatwirtschaft oder Staat, ausreichend Daten für die Fälschung von Identitäten gesammelt werden können. Wenn dann noch das Recht auf Anonymität (Pseudonyme) zunehmend weiter eingeschränkt wird und dieses bei vielen Diensten gar nicht mehr durchsetzbar ist, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass z.B. bestimmte Personengruppen bevorzugt echte Identitäten stehlen und nutzen, um ihre eigene Identität zu schützen, aber trotzdem den Vorgaben der Dienstleister gerecht werden. Zu allem Überfluss wird den Aussagen dieser Personen durch das Auftreten als „echte Person“ dann auch noch mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit beigemessen. Dies gilt natürlich auch für bewusst verbreitete Falschaussagen, Meinungsbeiträge oder Bewertungen.

Was die Gefahr eines Datenabgleichs der Software von App- und Betriebssystemanbietern anbelangt, ist für die Überwachung noch ein richterlicher Beschluss vonnöten. Dennoch ist sich Udo Kalinna, ziemlich sicher, dass „es dort, wo es Daten und biometrische Bilder gibt, sicher in naher Zukunft auch einen Abgleich geben kann“.

Gegen zunehmende staatliche Eingriffe kann man sich nur bedingt wehren, doch zumindest in „sozialen Netzwerken“ haben die Nutzer noch die Möglichkeit der „Enthaltsamkeit“. Denn da heute Daten gleichbedeutend mit Geld sind, betreiben Cyberkriminelle einen hohen Aufwand, um an persönliche Daten zu gelangen. Sie greifen dazu sowohl die Nutzer als auch die Anbieter direkt an. „Sicherheitsmechanismen existieren zwar, aber auch diese haben ihre Grenzen, insbesondere da, wo die Nutzer sie durch Anwendungsfehler aushebeln. Der Missbrauch von Daten ist daher sehr realistisch“, resümiert Alexander Burris von Sicherheitsanbieter G-Data.

Komfort als Deckmantel

Anwendungen wie die Gesichtserkennung „FindFace“ könnten dazu benutzt werden, genaue Profile von Nutzern zu erstellen, was für die Werbeindustrie interessant ist. Die Informationen könnten also an entsprechende Bieterfirmen verkauft werden. „Facebook etwa sammelt auch Daten von Anwendern, um Werbepartnern zielgerichtete Anzeigen zu ermöglichen“, so Burris. Wer das nicht möchte, sollte so lange wie möglich sparsam mit biometrischen Daten umgehen und auf die epidemisch anmutende Verbreitung privater Fotos, vor allem Selfies, verzichten.

Abschließend zurück zu dem erwähnten Beispiel des Check-ins am Flughafen. Der Anbieter einer entsprechenden IT-Infrastruktur, Gemalto, verweist darauf, lediglich Systemlieferant für die Flughafenbetreiber zu sein und keinerlei Zugriff auf die eigentlichen Daten zu haben. Es gehe eigentlich nur um Komfort, wie Andreas Lösch betont und gleich die entsprechenden Beispiele aus anderen Bereichen nennt: „Es gibt eine Vielzahl von Beispielen technischer Entwicklungen, die den Komfort erhöht haben, wie z.B. der Geldautomat, das Mobiltelefon oder, um beim Thema zu bleiben, Fly to Gate.“ Diese Entwicklungen halten in seinen Augen niemanden davon ab, selbst auf das eigene Bargeld zu achten oder es am Schalter abzuheben, genauso wie auch weiterhin jeder ein persönliches Gespräch führen oder einen ausgedruckten Boardingpass am Schalter erhalten kann. So geht er davon aus, dass sich viele Nutzer für den Komfort entscheiden werden, aber die klassischen Wege erhalten blieben.

Das kann man nur hoffen. Denn abgesehen davon, dass bereits offen über die Abschaffung des Bargeldes diskutiert wird, glaubt nicht nur Sebastian Wolters von Media Test Digital, dass die intransparente Kommunikation der Sicherheitseinrichtungen zeige, wie stark privatsphärebewusste Nutzer in Zukunft in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden könnten: „Nur weil ein Nacktscanner jetzt Körperscanner genannt wird, werden weiterhin sehr private Bilder erstellt. Wenn ein Nutzer dies nicht möchte, muss er, je nach Land, erhebliche Wartezeiten in Kauf nehmen.“ Wolfgang Straßer ergänzt, dass man in Deutschland vielleicht noch das Recht auf Freiwilligkeit habe, dies in vielen anderen Ländern jedoch nicht mehr der Fall sein wird.

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