Künstliche Intelligenz

Im Osten geht die KI-Sonne auf

China will bis 2030 KI-Innovationsmeister sein oder wenigstens eine ultrastabile Minority-Report-Gesellschaft schaffen.

Sonnenaufgang über der chinesischen Stadt Shenzen

Shenzen, die ehemalige Kleinstadt am Rande Hongkongs, ist heute eines der Hightech-Zentren von China

Die Diskussion über Künstliche Intelligenz ist auch in Staaten angekommen, von denen man das nicht unbedingt erwarten würde. Das ist nicht nur China, auch einige andere Länder haben das Thema als zukunftsträchtig erkannt. So wollen die Vereinigten Arabischen Emirate ein Ministerium für Künstliche Intelligenz einrichten. Zugegeben, diese Absicht wirkt etwas lustig, ebenso wie die kürzliche Mitteilung, dass der Golfstaat eine Sonde zum Mars fliegen lassen will. Doch er ist reich genug, um sich das leisten zu können. Im Übrigen zeigen beide Meldungen, dass sich dort Politiker Gedanken über die Zukunft machen.

Aufholjagd beim Zukunftsthema Künstliche Intelligenz

Derweil etwas weiter westlich: Die womöglich zukünftige Jamaika-Koalition ist sich noch nicht im Klaren darüber, ob es einen Digitalminister geben wird und wenn ja, welche Kompetenzen er besitzen soll. Und im Übrigen bekräftigen sämtliche Politiker, dass der Breitbandausbau jetzt aber endlich mal kommen soll. Wirklich witzig, dieser Running Gag seit 2005. inzwischen preschen andere Länder voran, vor allem im Osten. Zwar lässt sich die Absicht von Russlands Präsidenten Putin, Russland eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz spielen zu lassen, angesichts der wirtschaftlichen Realität noch mit Skepsis sehen, doch spätestens bei China hört der Spaß auf.

Denn China ist mit seiner zentralen Planung gar nicht mal so erfolglos, wie Wirtschaftsdaten und die vielen China-Gadgets in unseren Händen zeigen. Jetzt gibt es einen neuen Plan: China möchte seine KI-Branche bis 2025 auf einen Gesamtwert von 60 Milliarden US-Dollar ausbauen und bis 2030 sogar auf 150 Milliarden Dollar. Angesichts eines aktuellen Wertes von ungefähr 1,5 Milliarden Dollar ist das ein ganz schön eindrucksvoller 13-Jahres-Plan. Er soll in drei Schritten verwirklicht werden: Bis 2020 will China zu den bisherigen KI-Weltmeistern aufholen. Der nächste Schritt endet 2025, bis dahin will China wichtige Durchbrüche in der KI-Forschung und beim Einsatz in der Industrieproduktion. Bis 2030 will China dann die Weltmacht bei Forschung und Anwendung von künstlicher Intelligenz werden.

Bereits jetzt gibt es eine Anzahl von KI-Unternehmen in China, die ungehindert von strengen Datenschutzregeln Anwendungen wie Gesichts- und Objekterkennung kommerzialisieren. Doch dies soll erst der Anfang sein, die chinesische Politik möchte noch viele weitere Anwendungsbereiche weiterentwickeln und kräftig subventionieren. Allerdings kritisieren einige China-Experten die zum Teil unklaren Pläne, die nur wenig Rücksicht auf Umsetzung nehmen. Es gebe nur wenige genaue Vorstellungen, wie die hochfliegenden Ziele erreicht werden sollen. Stattdessen wird der klassische Weg gewählt: Möglichst viel Geld auf das Problem werfen.

Doch es wäre ein Fehler, dass Konzept unter „Papier ist geduldig“ einzusortieren. Denn es gibt ja noch Alibaba, Baidu, Geely (Volvo), Tencent und Xiaomi. Sie gehören zu den größten Konzernen in China und damit zugleich auch zu den größten und wichtigsten Unternehmen der Welt - auch wenn die Welt das nicht immer so direkt bemerkt, da sich der Blick hier mehr auf Google & Co. oder die Dieselhersteller Deutschlands richtet. Es gibt aber vor allem im Bereich der künstlichen Intelligenz inzwischen einige chinesische Unternehmen, die in wenigen Jahren von Null auf Unicorn aufgestiegen sind, aber nicht besonders stark in der Öffentlichkeit stehen.

Wohlstand und Stabilität für die chinesische Gesellschaft

Ein gutes Beispiel dafür ist iCarbonX. Das vor ziemlich genau zwei Jahren gegründete Unternehmen ist in der Medizin und der Biotechnologie aktiv und wendet dort KI-Verfahren an. Hauptziel ist der Aufbau eines möglichst umfassenden Ecosystems für alles rund um Gesundheit und Wellness. Dafür bietet das Unternehmen einen bunten Strauß an Produkten und Services an, von Hautpflege über Trainingsprogramme bis hin zu Genomanalysen. Ziel ist es natürlich, möglichst viele und möglichst umfassende Daten zu gewinnen, aus denen weitere KI-gestützte Services abgeleitet werden.

Das Unternehmen ist darüber hinaus ein Vorreiter einer Strategie, die der KI-Plan der Chinesen auch für andere Unternehmen vorsieht: Kooperationen mit US-Start-ups, um deren Technologie im chinesischen Markt einzuführen. So stammen die von iCarbonX angebotenen Gentests gar nicht aus dem eigenen Bestand, sondern von US-Start-ups. Doch die oberste Planungsbehörde der Chinesen denkt noch weiter: Die chinesischen Unternehmen werden ermutigt, ihre Ressourcen durch Zukäufe, Fusionen und Kooperationen im Ausland zu stärken. Zudem sollen die chinesischen Unternehmen Forschungs- und Entwicklungszentren im Ausland aufbauen.

Der wichtigste Grund für diese Pläne: Bildungssystem und Arbeitsmarkt in China sind bereits jetzt nicht in der Lage, die aktuelle Nachfrage nach KI-Spezialisten zu decken. Schon seit einigen Jahren versuchen die großen chinesischen Technologieunternehmen, die entsprechenden Spezialisten im Silicon Valley, aber auch anderswo zu akquirieren. Parallel dazu möchte China eine große Aufholjagd in Sachen Bildung und Innovation beginnen, um weniger abhängig von ausländischen Innovationsressourcen zu sein. Dafür sieht der Plan einen interessanten, vertraut klingenden Ansatz vor: Offenheit bei Hardware und Software sei notwendig, um Synergien zwischen Industrie und Hochschulen zu schaffen. Ergänzend sollen AI-Innovationscluster geschaffen werden, die mit offenen Plattformen und Infrastrukturen den umfassenden Wissensaustausch zwischen allen Akteuren erleichtern.

Ziel des Ganzen ist natürlich, die Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Wirtschaft zu steigern und - das darf in China nicht fehlen - die staatliche Sicherheit und Verteidigung noch besser zu gewährleisten. Auch das Stichwort intelligente Kriegführung kommt vor. Das sehr westlich klingende Innovationsvokabular verschleiert, dass China Künstliche Intelligenz auch zur Steigerung der öffentlichen Sicherheit und der gesellschaftlichen Stabilität einsetzen will. Im Ergebnis ist das Social Governance mit Bonuspunkten für Wohlverhalten. Etwas weniger nett ausgedrückt: Wenn jemand die Dystopie von „Minority Report“ mit den Mitteln der KI-Forschung verwirklichen kann, dann wird das China sein.

Bildquelle: Thinkstock

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