Mobiler Riesenwuchs

Im tiefen Tal der Super-Smartphones

Smartphones werden immer größer, Tablets verkaufen sich schlechter, Smartwatches und Wearables sind noch kein echter Markt. Und alle warten auf das nächste große Ding.

Gestern hat LG ein neues Automodell - Verzeihung: Smartphone - vorgestellt. Und wie immer ist die neue Generation ein wenig umfangreicher als die vorherige, etwas breiter und länger, mit mehr Leistung und ganz furchtbar viel Schnickschnack. Und auch der Radstand - also, die Display-Diagonale - ist wieder gewachsen, nämlich auf 5,5 Zoll.

Das sich dieser Artikel um ein Smartphone von LG Electronics dreht, ist lediglich dem Zufall der Nachrichtenlage geschuldet. Es könnte auch das nächste Samsung Galaxy, ein neues HTC One Whatever oder eines von Huawei, Motorola, Nokia oder Sony sein.

Tummelfeld für Optimierer

Die Präsentation eines neuen Mobiltelefons ist inzwischen so spannungsarm wie die Vorstellung des neuen Golfs: Er sieht dem alten sehr ähnlich, ist aber gewachsen und hat irre viel Gedöhns eingebaut. Und aus den Motoren wurden noch ein paar Kilowatt herausgekitzelt.

Innovation geht anders, der Markt für smarte Mobilgeräte hat sich in rasanter Geschwindigkeit zu einem Tummelfeld für detailverliebte Optimierer gewandelt. In nicht einmal zehn Jahren von "Hot Shit" zu "Gähn", das ist auch eine Revolution.

Zwar verkaufen sich Smartphones immer noch gut, aber der Tabletmarkt stagniert. Der Grund ist vermutlich ganz simpel: Wer ernsthaft arbeiten will oder muss, aber trotzdem mobil sein möchte, greift zum richtigen Notebook.

Wer nur mobil sein will, nimmt eins der aktuellen Monstersmartphones. Sie reichen völlig aus, um zwischendurch zu chatten, zu mailen, zu gucken, zu lesen oder zu gamen. Aber solche Wünsche haben praktisch alle Leute - völlig unabhängig von ihren sonstigen Bedürfnissen an Computerisierung.

Klotz am Arm, Elektronik in der Wäsche

Bleiben noch die Tablets. Sie richten sich einerseits an Geschäftsleute, die eine Art elektronischen Aktenordner brauchen und andererseits an Privatleute, die auch ohne "richtigen" Computer klar kommen. Dieser Markt scheint schneller gesättigt zu sein als erwartet. Das hat auch Microsoft erkannt und das neue Surface als Hybridgerät für Notebook-Fans positioniert.

Und so warten alle auf das nächste Ding. Viele halten Smartwatches dafür. Aber waren wir nicht eben noch heilfroh, dass wir die lästigen Handgelenkschrubber endlich losgeworden sind? Und jetzt soll das Hype-Heil durch einen Klotz am Arm mit Minidisplay kommen, den wir dann geschätzte 30mal pro Stunde vor das Gesicht halten?

Andere trauen Wearables eine Existenz jenseits der Nischenmärkte von Dauerkranken und Fitnessfanatikern zu. Gut, die Hardware-Hersteller freuen sich auf das Zusatzgeschäft durch Reparatur oder Ersatz mitgewaschener Elektronik. Aber wo könnte die Killer-Anwendung für tragbare Smartdevices sein?

Vielleicht sind auch Robocars und Smart Home die nächsten Megatrends. Doch es gibt zu viele offene Fragen. Die Selbstfahrer könnten vorläufig an Rechtsfragen scheitern, denn Technik ist nicht 100%ig sicher. Wer haftet, wenn es mal knallt? Und ob das Smart Home wirklich ein Riesenmarkt ist? Halbwegs kostengünstig werden die Anlagen wohl nur bei Neubauten sein.

Zwischen zwei Hypewellen

Es gibt mehr Fragen als Antworten. Im Moment scheint sich Hightech in einem tiefen Tal zwischen zwei Hypewellen zu befinden. Es wäre schön, wenn sich die Ruhezone ein wenig ausdehnen könnte. Denn im Grunde haben wir die mobile Revolution und die paar anderen Revolutionen davor immer noch nicht richtig verdaut.

Zum Beispiel reizt kaum jemand die Möglichkeiten seines Mobilgeräts völlig aus. Die meisten Leute nutzen so etwa fünf bis sieben Apps, meist Mail, Chat, Facebook, Wetter, News, ein paar Spiele. Es sind nicht einmal alle Leute zu hundert Prozent im Internet angekommen, die Mehrheit macht in erster Linie Banking und Shopping. Und an deutschen Schulen ist das Smartphone meist nur ein Mittel zur Strafe durch Entzug – kein Lehrmittel.

Aber ein Moratorium werden wir leider nicht erleben, die nächste große Disruption entsteht gerade - und niemand weiß, um was es sich handeln wird. Wenn wir Pech haben, dauert es dann nicht einmal ein Jahrfünft, bis sie auch schon von der übernächsten abgelöst wird.

Bildquelle: Anja Schweppe-Rahe / pixelio.de

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