AR im Museum

Impressionistische Schnitzeljagd

„Eintauchen“ in die Welt des Impressionismus? Die Kunsthalle München hat diesen Gedanken wörtlich genommen und den Werken alter Meister ein virtuelles Eigenleben eingehaucht, bei dem Museumsbesucher mit den Gemälden interagieren konnten. Tamara Spiegl, Verantwortliche des Projektpartners T-Systems Multimedia Solutions, erklärt, wie aus der Idee „Realität“ wurde.

  • Tamara Spiegl, T-Systems MMS

    Tamara Spiegl, VR-Expertin bei T-Systems Multimedia Solutions, denkt, dass in Zukunft viel mehr Mixed-Reality-Anwendungen zum Einsatz kommen werden.

  • AR-Anwendung in der Kunsthalle München

    Ausgerüstet mit VR-Brille und Controller erkundeten die Museumsbesucher die Welt des Impressionismus auf neue Weise.

  • AR-Anwendung in der Kunsthalle München

    Den Werken kanadischer Künstler wurde durch die AR-Elemente eine ganz neue Dimension verliehen.

MOB: Frau Spiegl, wie und wann entstand die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt?
Tamara Spiegl:
Bei der Augmented-Reality-/Virtual-Reality-Einheit der T-Systems entwickeln wir zusammen mit den Kunden individuelle Lösungen. In den letzten Jahren waren dies vornehmlich B2B-Projekte, die z.B. in Richtung Wartung oder Service gingen. Der Mixed-Reality-Spezialist Magic Leap war nun einer der ersten Anbieter, der mit seiner AR-Brille den Endkundenmarkt angehen wollte – anders als z.B. Microsoft mit der Hololens. Da auch die Telekom ihren Fokus eher auf diese Zielgruppe gerichtet hat, kam man zu dem Entschluss, gemeinsam ein Innovationsprojekt im Museum zu starten, um Verbrauchern über die Brille „Mixed Reality“ näher zu bringen. Zunächst war es dabei so, dass der Schwerpunkt eher auf technischen Aspekten lag: Bei neuen Devices gilt es schließlich herauszufinden, was das Produkt leisten kann, wie es von Nutzern angenommen wird oder was z.B. bei einer Implementierung eventuelle Hindernisse sein könnten. Was im Sinne eines Proof-of-Concepts gestartet ist, hat sich jedoch durch externes Interesse und Zuspruch von den Museumsbeteiligten zu einem Projekt entwickelt, dessen Ergebnisse wir auch mit einer breiteren Öffentlichkeit teilen wollten. Innerhalb von nur vier Monaten haben wir die Events tatsächlich umgesetzt.

MOB: Wer hat Sie bei der Umsetzung des Projekts und der Bildauswahl künstlerisch unterstützt?
Spiegl:
Zu unserem eigenen Team gehören neben den Entwicklern immer auch UI-, UX- und 3D-Designer. Gerade bei diesem Projekt haben wir jedoch sehr eng mit den Mitarbeitern und Kuratoren der Kunsthalle zusammengearbeitet, die die inhaltlichen Bereiche und das Storytelling betreut haben, während wir der Technologie-Experte waren. In vielen verschiedenen Durchgängen haben wir dann Vorschläge diskutiert und deren Machbarkeit überprüft.

MOB: Welche spezifischen technischen Herausforderungen stellte die Location „Museum“ dabei?
Spiegl:
Museen sind tatsächlich spezielle Umgebungen: Oft findet man gedimmtes Licht und dunkle Farben an den Wänden. Große, weitläufige Räume mit wenig Gegenständen darin erschweren außerdem das Tracking. Und auch Glasvitrinen stellen ob der Spiegelung ein Hindernis dar – Nutzer mussten darauf achten, nicht dagegenzustoßen. Manchmal lösten die Nutzer sogar die Alarmanlage aus, weil sie innerhalb der Mixed Reality die Welt um sich herum vergaßen und zu nah an die Bilder herantraten. Bei der Bilderkennung war die Herausforderung, dass die digitale Version eines Gemäldes nicht diesselbe ist wie das Original. Um eine optimale Bilderkennung zu ermöglichen, mussten wir noch kurz vor Beginn der Events einiges justieren. In unserem Fall war das etwas schwierig, weil es sich nicht um eine Dauerausstellung handelte, sondern wir die Originalwerke erst eine Woche vor Beginn zum ersten Mal ansehen konnten. Erst dann konnten wir mit den Tests starten, denn Schattenwürfe, Lichteinstellungen oder Rahmen unterscheiden natürlich das Gemälde von seiner digitalen Version.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 


MOB: Wie haben die Museumsbesucher reagiert?
Spiegl:
Das Interesse war so groß, dass wir es den Besuchern im Rahmen von drei größeren Abend-Events vorgestellt haben. Natürlich musste den Gästen die Handhabung der AR-Brillen erklärt werden, denn viele hatten mit der Technologie noch keine Erfahrung. Das war zwar kein Problem, aber für die Nutzer dennoch ungewohnt: erst der Umgang mit der Brille und dem Controller, dann das erstmalige Erleben eines Hologramms und schließlich die erzählerische Komponente als Rahmen. Die Events waren als „Schatzsuche“ aufgebaut, denn von allen Werken in der Kunsthalle waren es nur fünf, denen virtuelle Elemente beigefügt waren. Anhand von Hinweisen und Ausprobieren sollten die Gäste diese finden. Daneben implementierten wir auch ein „Spatial Audio“. Jedem Bild war ein bestimmter Sound zugeordnet, z.B. ein Meeresrauschen. Die Musik kam aus der Richtung, in der sich das Bild befand, und wurde lauter, je näher der Besucher kam. Durch alle Altersgruppen hindurch und unabhängig von der technologischen Vorerfahrung wurde dieses Konzept sehr gut angenommen.

MOB: Wo sehen Sie denn ganz generell in der Zukunft Einsatzbereiche für Mixed-Reality-Anwendungen?
Spiegl:
Hier gibt es zahlreiche Szenarien. Ich persönlich kann mir vorstellen, dass diese Brillen irgendwann das Smartphone ersetzen werden. Bisher hat man quasi immer eine Hand am Device. Kann man aber die Informationen direkt in das Sichtfeld des Users einblenden, hat dieser vielmehr Freiheit. Ich denke eher, es gibt keinen Bereich, in dem man die Technologie nicht einsetzen kann, denn jede Art von Information lässt sich viel leichter und interaktiver im drei- als im zweidimensionalen Raum vermitteln. Im industriellen Umfeld wird die Technik ja bereits häufig eingesetzt. Anhand der Projekte, die unsere Kunden nachfragen, sehen wir, dass zunehmend auch „schöne Projekte“ – z.B. im Marketing oder eben im Museum – erwünscht sind. Mit den vielen Devices, die jedes Jahr auf den Markt kommen und die immer leichter und performanter werden, vereinfacht sich die Integration in den Alltag.

Bildquelle: T-Systems Multimedia Solutions

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