Digitaler Rückstand

In Deutschland fehlt die digitale Mentalität

Möglichkeiten erkennen, Gelegenheiten ergreifen? Fehlanzeige, aber Bücher von Dystopie-Propheten boomen.

Nach einem kürzlich veröffentlichen Bericht der EU-Kommission über den digitalen Fortschritt in den bislang 28 Mitgliedstaaten landet Deutschland auf dem neunten Platz. Der Grund für die nicht besonders aufregende Platzierung sind erhebliche Mängel bei Glasfaserverbindungen und E-Government.

So liegt der EU-weiten Durchschnitt des Marktanteils von Glasfasernetzen bei 18,7 Prozent, in Deutschland dagegen nur bei lächerlichen 1,3 Prozent. Ähnlich mager sieht es beim E-Government aus. Hier erreicht Deutschland lediglich Platz 18, da nur etwa 19 Prozent der Internetnutzer solche Angebote nutzen (können).

Echtes Breitbandinternet ist exotisch

Da ist noch viel Luft nach oben, um einen der Spitzenreiter zu erreichen, etwa den vergleichsweise winzigen baltischen Staat Estland mit 1,3 Millionen Einwohnern. Hier gibt es 600 E-Government-Dienste und die Bürger können praktisch jeden „Behördengang“ via Internet erledigen. Zudem kann jeder in Estland „E-Resident“ werden und beispielsweise ein Bankkonto eröffnen oder eine virtuelle Firma gründen.

Von so viel digitalem Komfort ist Deutschland weit entfernt. Zwar liegt die Netzabdeckung mit kabelgebundenen DSL-Zugängen zum Internet bei 93 Prozent. Doch die positiv wirkende Zahl täuscht, denn sie zählt nur Anschlüsse mit der bemerkenswerten Einschränkung, „bis zu“ 30 Megabit pro Sekunde liefern zu können. Landbewohner kennen die erschreckende Realität: Weiter draußen, etwa in der Eifel, gelten Übertragungsraten von mehr als sechs Megabit als exotisch.

Der Ausbau kommt nur sehr schleppend voran, andere EU-Staaten sind längst weiter, von Asien ganz zu schweigen. Das Problem: Neuere Trends und Entwicklungen in der Digitalwirtschaft könnten weitgehend an Deutschland vorbeigehen. Die Bedeutung des Breitbandausbaus lässt sich an einem historischen Beispiel verdeutlichen. Man stelle sich vor, Mitte des 19 Jahrhunderts wäre der Ausbau des Eisenbahnnetzes ebenso träge vorangetrieben worden, die industrielle Revolution wäre ausgefallen.

Basis für potentielle und noch unbekannte Entwicklungen durch digitale Kultur und Wirtschaft sind zwei Dinge: Erstens ein Breitbandnetz und zweitens eine Mentalität, die Möglichkeiten erkennt und Gelegenheiten ergreift. Leider hapert es auch an letzterem. Das lässt sich an einem einfachen Beispiel aus dem Alltag erläutern: Einer Grundschule auf dem Lande, in der Nähe der bereits erwähnten Eifel.

Hier wird noch so kommuniziert wie in den 1970er Jahren, kleine Briefchen im Tornister des Kindes informieren über Termine, Aktionen und ähnliches. Das führt bei mir, einem intensiv digital lebenden und arbeitenden IT-Journalisten dazu, dass ich nur wenige Infos mitbekomme - Papierprozesse führen halt ins Leere, wenn man an Apps gewöhnt ist.

Anti-digitale Untergangsprophetien boomen

Kurz: Nicht einmal die Schwundstufe der Digitalisierung, der Informationsaustausch per E-Mail, ist verwirklicht. An digitalen Hilfsmitteln im Unterricht ist nicht ansatzweise zu denken. Auch hier herrscht Zettelwirtschaft, jederzeit findet sich ein Haufen zerfetzter und geknickter Arbeitsblätter im Tornister. Denn das viel beschworene „gute Buch“ ist in der Schule weitgehend abgeschafft. Leider gibt es als Ersatz keine digitalen Werkzeuge wie E-Books oder Lern-Apps.

Die Digitalferne ist allerdings kein Wunder, wie ein Blick auf die Bestsellerlisten für Sachbücher zeigt. Anti-digitale Untergangsprophetien wie „Die smarte Diktatur“ oder „Digitale Demenz“ verkaufen sich wie geschnitten Brot, da sie den Digitalverweigerern das wohlige Gefühl des Frommen angesichts des Sünders geben: „Ich wusste es ja schon immer und wie gut, dass ich nie mitgemacht habe.“

Diese Einstellung ist weit verbreitet. Computer, Internet und anderes „Teufelszeug“ wird vor allem von vielen „50Plussern“ nur ungern und mit gezogener Handbremse genutzt. Leider ist eine neugierige und entdeckende Herangehensweise bei diesen Jahrgängen nicht oft zu finden. Als Politiker, Lehrer und Manager arbeiten sie auf den maßgeblichen Entscheidungspositionen und bremsen, wenn es um digitale Werkzeuge geht.

Ohne digitale Mentalität keine digitale Transformation, Revolution, Evolution oder was auch immer. Der deutsche digitale Rückstand (DDR) verringert sich deshalb trotz jahrelanger Klagen nicht, er wächst eher noch. Denn viele andere Länder sind längst viel weiter und beschleunigen die Digitalisierung sogar noch.

Kein Wunder, dass Deutschlands Rang im “Global Innovation Index” der „World Intellectual Property Organization (WIPO)“ der UN seit Jahren sinkt. 2015 sind wir auf Platz 15 abgesackt, zwei Jahre zuvor war es Platz 11, 2007 waren wir noch Zweiter. Im Grunde ist hier schon das sichtbar, was Investor Frank Thelen als Gefahr sieht: „Zu wenig Internet tötet die deutsche Wirtschaft“.

Bildquelle: Thinkstock

  • Die „Wutrede“ von Frank Thelen bei „hart aber fair“

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