Programmieren als Allgemeinbildung

Initiativen gegen den digitalen Bildungsrückstand

Digitaler Rückstand in der Schule, nicht genügend Ausbildungsmöglichkeiten für Softwareentwickler - hier ist Abhilfe gefragt.

„Dass es in Gymnasien Chemie als Schwerpunktfach gibt, kann die Lobby der Konzerne für sich als Erfolg verbuchen. Sollten Unternehmen wirklich über das Curriculum der öffentlichen Schulen entscheiden?“ Die meisten werden das wohl für eine ziemlich blödsinnige Aussage halten. Doch wenn es um Informatik geht, werden Positionen wie diese ernsthaft vertreten.

Das jüngste Beispiel ist ein Artikel in der FAZ, der Programmieren aus dem Bereich der Allgemeinbildung herauswirft. Mit kruden Argumenten, findet der Schweizer Lehrer Beat Döbeli Honegger. Für ihn stimmt das genaue Gegenteil: „Die allgemeinbildende Schule hat die Aufgabe, Schülerinnen und Schüler auf ein mündiges Leben vorzubereiten. Dies ist bereits heute ohne ein Verständnis grundlegender Konzepte der Informatik nicht mehr möglich.“

Deutschland als weißer Fleck auf der Bildungslandkarte

Und der einfachste Weg zum Einstieg in alle Themen rund um Computer und Programmieren ist das Selbermachen. Anders ausgedrückt: Programmierkenntnisse sind die Basis für vieles weitere und jeder Jugendliche sollte zumindest die Grundzüge kennenlernen. Das muss nicht einmal besonders teuer sein, denn es gibt beispielsweise mit dem Raspberry Pi einen kostengünstigen Einplatinencomputer, der für Hardware- und Software-Projekte an allgemeinbildenden Schulen geeignet ist.

In mittlerweile 15 EU-Ländern ist das alles kein Thema mehr, sie haben Programmierunterricht in die offiziellen Lehrpläne eingebaut. Deutschland hängt in dieser Hinsicht zurück und ist ein weißer Fleck auf der Bildungslandkarte. Informatik gibt es nur als Wahlpflichtfach, nicht in allen Bundesländern und ebenso wenig an allen Schulen. Außerdem ist das systematische Erlernen des Programmierens nur ein Teil des Fachs.

Immerhin gibt es an deutschen Schulen aller Arten zahlreiche, zumeist von engagierten Informatiklehrern, vorangetriebene Projekte, die teilweise sogar sehr praxisorientiert sind. Einige davon widmen sich der App-Entwicklung. Dieser Bereich ist für die kleinen Budgets der Schulen recht gut geeignet ist: Die Entwicklungsumgebungen sind in aller Regel kostenlos, Smartphones hat heutzutage fast jeder und die IT-Ausstattung der meisten Schulen ist ausreichend für mobile Apps.

Ein gutes Beispiel für praxisorientierten Programmierunterricht ist ein Projekt, das von der IHK Dillenburg in Zusammenarbeit mit den kaufmännischen Schulen in Dillenburg gestaltet wurde. Dabei haben Schüler/innen) eine Info-App zur Berufsbildungsmesse der IHK Dillenburg entwickelt.

Dabei ging es allerdings nicht nur um das reine Programmieren, sondern auch um praxisnahe Aspekte, die vor allem in Unternehmen gefragt sind. Ein Beispiel ist das Produktmanagement: Die Jugendlichen mussten sich mit den ausstellenden Firmen Verbindung setzen und mit Ihnen zusammen die Inhalte entwickeln.

Doch solche Projekte sind eher selten und Informatik und Programmieren stehen nicht gleichberechtigt im Fächerkanon. Ist das der Grund für den viel belächelten Deutschen Digitalen Rückstand (DDR)?

Eine neue Hochschule für Softwareentwickler

Der Kölner Unternehmer Thomas Bachem findet, dass sich die geschilderten Probleme sogar bis in die Universitäten fortsetzen. Zwar gebe es viele Studiengänge im Bereich Informatik an Universitäten und Fachhochschulen, doch es fehlen seiner Meinung nach spezielle, praxisorientierte Angebote für Softwareentwickler.

Bachem ist aufgebrochen, das zu ändern und gründet im Moment mit der „Code University“ eine Fachhochschule für Softwareentwicklung, die sich vor auf Software Engineering, Interaction Design und Product Management konzentriert. Die englischen Bezeichnungen sind Programm, alle Seminare sollen in dieser Sprache gehalten werden.

Der Start der Hochschule ist für das Wintersemester 2017 geplant und Bachem rechnet damit, dass maximal 150 Studenten am ersten Semester teilnehmen. Die Ausbildung soll drei Jahre dauern und rund 25.000 Euro kosten. Damit sich die Hochschule selber trägt, benötigt sie allerdings mindestens 600 Studenten.

Für Studenten mit wenig Geld wird es eine Unterstützung geben, nämlich den „umgekehrten Generationenvertrag“, der vor einem Jahrzehnt an der privaten Universität Witten/Herdecke entwickelt worden ist. Das Studium ist dann kostenlos, aber in den ersten zehn Jahren ihres Berufslebens zahlen die Absolventen das Geld in Raten zurück. Dabei sind die Rückzahlungsraten variabel, sodass Gutverdiener mehr zurückzahlen.

Noch ist vollkommen unklar, wie der Studiengang an der Code University aussehen wird, welche Professoren und Dozenten dort unterrichten werden und wie viele Studenten sich dafür interessieren. Doch eines ist bereits jetzt relativ klar: Erfolgreiche Absolventen haben eine europaweite Jobgarantie.

Experten gehen davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren bis zu 800.000 zusätzliche freie Stellen für Softwareentwickler und andere IT-Experten entstehen werden. Auch dies ist ein guter Grund, den Informatikunterricht in den Schulen verpflichtend zu machen. Frühzeitiger Kontakt mit dem Thema kann den Schülerinnen und Schülern dabei helfen, ihre Talente in dieser Richtung zu entwickeln.

Bildquelle: Thinkstock

 

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