Digitale Lagerinventur

Inspektor Drohne übernimmt

Dass Drohnen in absehbarer Zeit selbstständig Bestellungen an Privathaushalte liefern, hält Gernot Steenblock für unwahrscheinlich. Wo sie aber bereits heute im kommerziellen Bereich eingesetzt werden und welche Aufgaben sie hier übernehmen, erklärt der Experte, der beim Drohnenhersteller Yuneec das Commercial Business Development verantwortet.

Gernot Steenblock, Yuneec

Gernot Steenblock, Commercial Business Development, Yuneec Europe GmbH

MOB: Herr Steenblock, zunächst in einem militärischen Umfeld eingesetzt, fand Drohnentechnologie schließlich den Weg ins Unterhaltungssegment. Trügt der Eindruck oder wurde das kommerzielle Potenzial im B2B-Bereich erst relativ spät erkannt?
Gernot Steenblock:
Im Rückblick ist interessant, dass sich die Drohnentechnologien für das Unterhaltungssegment unabhängig von militärischen Lösungen entwickelt haben. Durch die Miniaturisierung von Sensoren wurde es auf einmal möglich, Navigations- sowie Guidance und Control-Elektronik für wenig Geld herzustellen. Durch die dann folgende Kombination von fliegender Kamera und Trägerplattform entstanden neue, massentaugliche Produkte, die beim Konsumenten im wahrsten Sinne neue Perspektiven und damit für viel Anklang gesorgt haben.

Das Potential von Drohnensystemen im kommerziellen Bereich wurde schon immer gesehen. Allerdings waren die Voraussetzungen für den Einsatz in vielerlei Hinsicht nicht gegeben. Im Unterhaltungssegment galten einfache Modelflugrichtlinien. Im kommerziellen Bereich waren zu Beginn vollwertige Flugscheine erforderlich, Versicherungen waren häufig nicht bereit, gewerbliche Einsätze zu versichern und Remote-Datenauswertungen, Health Monitoring oder Predictive Maintenance praktisch unmöglich. Es mussten erst national und international neue Fluglizensierungsverfahren für Drohnen geschaffen sowie Luftraumregeln eingeführt werden. Seit 2017 ist das der Fall und seither entwickelt sich der kommerzielle Markt rasant. Es kommen immer mehr Software-Lösungen und Zubehör auf den Markt, die das Einsatzspektrum enorm erweitern.

MOB: Denkt man an Drohnen im kommerziellen Bereich, ist es meist im Zusammenhang mit der Lieferung von Waren. Wo kommen in Industrie und Logistik Indoor-Drohnen zum Einsatz und welche Aufgaben übernehmen sie?

Steenblock:
Das sehen wir aus der Drohnenindustrie anders, als es die Bilder von zukünftigen Paketdrohnen von Amazon, DHL oder Dominos Pizza suggerieren. Es gibt weit mehr andere und spannendere Anwendungsbereiche für Drohnensysteme. Es ist nicht damit zu rechnen, dass in Zukunft Drohnen die reguläre Paketzustellung übernehmen. Der Luftraum ist begrenzt, die Umweltbelastungen allein durch den Fluglärm enorm. Man stelle sich vor in Hamburg würden jeden Tag mehrere hunderttausend Missionen mit Drohnen im unteren Luftraum absolviert. Dennoch sind sehr sinnvolle Einsätze vorstellbar, wie zum Beispiel Organtransporte, Medikamentenversorgung besonders in schwer zugänglichem Gelände.

Inventurdrohnen dagegen müssen nicht um den Luftraum kämpfen, der ist in einem Lager gegeben. Solche Drohnen verwenden die Kamera, um in einem Lager Waren zu identifizieren und durch das Messen vom Volumen die Mengen zu bestimmen. Das geht schnell und zuverlässig. Auch hier ist dies nicht für jeden eingelagerten Artikel eine sinnvolle Technologie. Dennoch gibt es gut funktionierende Referenzsysteme.

MOB: Inwieweit eignen sich Drohnen für Kommisionier- oder Inventuraufgaben z.B. im Hochregallager?

Steenblock:
Es gibt, wie oben beschrieben, bereits Inventurlösungen. Und hier gibt es besonders geeignete Lagerhallen und Waren, bei denen die zu erwartenden Ergebnisse sehr gut sind. Im Bereich der Kommissionierung sehen wir derzeit noch keine Lösungen, die im Markt einführbar wären.

MOB: Was sind die besonderen Herausforderungen an den Indoor-Drohneneinsatz?
Steenblock: Grundsätzlich sind die Hauptprobleme die Navigation und der zur Verfügung stehende Raum. Outdoor verwenden Drohnen die verschiedenen GPS-Satellitensysteme, um sich zu orientieren. Mit besonderen Vorkehrungen ist hier eine Navigationspräzision bis in den Millimeterbereich möglich.

Im Indoor-Bereich hat man diese Orientierungshilfe nicht, da GPS-Signale abgeschirmt werden. Der manuelle Flug scheint ungewöhnlich, wird heute aber für bestimmte Missionen durchaus angewendet. Wir haben zum Beispiel bei der Ford Motor Company in England unsere Drohne H520 im Einsatz, die im laufenden Betrieb die Regelinspektion von Portalindustrierobotern vornimmt. Früher müsste die Fabrik abgestellt und mit einem Gerüst ausgebaut werden, um die Inspektion manuell vorzunehmen. Heute werden durch den Einsatz von Drohnen siebenstellige Beträge eingespart. Geflogen wird manuell, weil der Aufbau eines Referenzsystems in der Umgebung der Produktion sehr komplex geworden wäre. Ein eigenes Referenzsystem, welches faktisch ein künstliches X-Y-Koordinatensystem in einem Gebäude auslegt, an dem sich die Drohne orientieren kann, ist bei regelmäßigen Einsatz eine Alternative. Ein optisches Verfahren ist zudem ein IPS-System, für das eine Kombination aus Infrarot-Höhenmesser und vertikalen Kameras verwendet wird. Diese erfassen ein Muster am Boden, welche dann durch Bilderkennung die Navigation übernehmen. Dies kann man mit weiteren Kameras zu Kollisionsverhinderung kombinieren.

Gibt es aus rechtlicher Sicht noch Hemmnisse? Ist die Rechtslage hinsichtlich des Einsatzes geklärt?
Steenblock:
Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind abgesteckt und definieren das Einsatzspektrum recht klar. Dennoch ist der Betrieb von solchen Systemen nicht einfach, weil sehr unterschiedliche Parameter und Bedenkenträger zu beachten sind. Das sind die Erfordernisse der Betriebssicherheit, der Personenschutz, Risikoanalysen etc. Beispielsweise war es bisher nicht möglich, das in England bei Ford implementierte System auch in Deutschland einzuführen. Der dortige Betriebsrat sieht beim Indoor-Drohneneinsatz ein Risiko für Arbeitsplätze und die Sicherheit der Mitarbeiter.


Wie aufwändig ist es, die Drohnen in das Warehouse-Management-System (WMS) eines Unternehmens einzubinden?
Steenblock:
Die Drohne ist ja ein Sensor in einem komplexen System. Dieser Sensor muss eingebunden werden, es müssen Datenströme definiert und Verarbeitungsroutinen geschrieben werden Die Einbindung ist sicher ähnlich komplex, wie die Einbindung eines Kommissionierroboters, aber technisch heute möglich. Solange klar ist, welche Aufgabe der Drohne zukommt, kann eine Integration schon heute effizient und wertschöpfend sein. 

Wie bewerten sie das Zukunftspotenzial von Indoor-Flügen im kommerziellen Bereich? Welche Einsatzszenarien können Sie sich für die Zukunft noch vorstellen?
Steenblock:
Das Potential von Indoor-Missionen ist in jedem Fall vorhanden und zwar immer dort, wo sich zum einen die Produktivität durch den Einsatz von Drohnen steigern lässt oder sich zum anderen ein Sicherheitsvorteil für Infrastruktur oder Personal ergibt. Wir sehen insbesondere bei unseren kleinen Faltdrohnen ein reges Interesse bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Jede Form von Inspektion bietet sich an.

Bildquelle: Yuneec

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