Digitalwirtschaft

Ist Lean Start-up am Ende?

Die herrschende Denkschule der Digitalwirtschaft ist für Gründungen mit wenig Risikokapital entwickelt worden. Ist das noch zeitgemäß?

Gruppe von Leuten an Schreibtischen

In Start-ups ist die Arbeitsatmosphäre meist recht locker.

Das „Minimal Viable Product (MVP)“ und das Mantra „Fail fast, fail early“ sind zwei wichtige Eckpunkte in der Denkschule des Lean Start-up. Das Konzept hat sich inzwischen als Standardmodell für die Gründung von Unternehmen in der Digitalwirtschaft durchgesetzt. Es eignet sich besonders für Softwareanbieter und Serviceprovider. Kernidee ist es, ein Produkt schnellstmöglich auf den Markt zu bringen. Dabei wird weniger Wert auf Perfektion gelegt. Stattdessen startet das Unternehmen zunächst ein sogenanntes „Minimal Viable Product (MVP)“ mit gerade eben genug Funktionen, um ein Anwenderproblem zu lösen. Die Weiterentwicklung geschieht dann iterativ unter Auswertung des Benutzerechos.

Diese Methodik ist eine Folge der Überlegung, dass innovative Produkte im Markt so ähnlich funktionieren wie wissenschaftliche Hypothesen: sie werden einem Falsifizierungsversuch ausgesetzt, dem Markteintritt. Im Vorhinein kann niemand genau sagen, ob ein bestimmtes Produkt von einer Idee zu einem Erfolg wird. Deshalb ist es recht sinnvoll, einfach einen Feldversuch ohne großen Investitionsaufwand zu unternehmen und darauf aufbauend weiterzumachen. Lean Startup legt also sehr starken Wert auf Machen gegenüber Planen und versucht das Investitionsrisiko durch eine möglichst schlanke Gestaltung von Prozessen und Unternehmensstrukturen zu senken.

Lean Startup ist eine unproduktive Legende

Die ersten Überlegungen zu diesem Konzept stammen von Steve Blank. Bekannt gemacht wurde es von Eric Ries, der inzwischen an der Übertragung des Konzepts in traditionell organisierte Unternehmen arbeitet. In der Startup-Szene hat sich die Idee allerdings ein wenig von den Ursprüngen entkoppelt. Sie ist nach Ansicht von Kritikern wie dem MIT-Wissenschaftler Luis Perez-Breva inzwischen zu einer Startup-Ideologie geworden, bei der Innovationen beinahe zwangsläufig durch den Start eines MVP entstehen.

Perez-Breva bezeichnet „Lean Startup‘“ als unproduktive Legende. Sie werde genutzt, um ohne großen Aufwand schnell irgendein Produkt auf den Markt zu werfen. Doch er weist darauf hin, dass der Aufwand zur Entwicklung eines guten Produktes auch nicht viele höher ist als der bei einem nicht so guten MVP. Und er kritisiert, dass zu viel Geld verbrannt wird: „Eine Finanzierung sollte die Organisation skalieren und nicht eine Idee validieren.“ Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit ist jede Idee beim ersten Pitch einfach schlecht. „Bei Innovation geht es um die Verwandlung von undurchführbar wirkenden Ideen in solche, die sich verwirklichen lassen.“

Ausreden für unterfinanzierte Projekte

Es stimmt, das Lean-Modell wird zu oft als Ausrede für unterfinanzierte und deshalb zum Scheitern verurteilte Projekte genutzt. So zeigt sich, dass die meisten der wirklich erfolgreichen Silicon-Valley-Unternehmen zwei Gemeinsamkeiten haben: Erstens waren sie während einer langen Phase ihrer Unternehmensgeschichte ausgezeichnet finanziert. Zweitens haben sie sich rasch vom Startup mit viel Improvisation zum erwachsenen Unternehmen mit vielen Prozessen gewandelt.

Dieses zeigen vor allem Unternehmen, die in den letzten Jahren gegründet wurden. Das beste Beispiel dafür ist Tesla: Ohne langfristig denkende Investoren hätte es dieses Unternehmen nie gegeben. Produktentwicklung in der Autobranche ist enorm kapitalintensiv. Ein MVP wäre vermutlich im Markt durchgefallen, denn der durchschnittliche Autokäufer erwartet eine gewisse Mindestperfektion für sein Geld – immerhin kosten selbst Kleinwagen inzwischen mehr als 10.000 Euro, vom Tesla-Preisniveau ganz zu schweigen. Trotzdem nutzt der kalifornische Autobauer Elemente des Lean-Startup-Konzeptes, zum Beispiel in der agilen Weiterentwicklung der Software und die stetige Verbesserung einzelner Komponenten.

Lean Startup stammt aus der Post-Dotcom-Crash-Ära

Lean Startup in Reinform ist nicht für jede beliebige Art von Unternehmensgründung geeignet. Auch Steve Blank sieht die Begrenzungen seines eigenen Konzeptes. In einem langen Aufsatz, der auch in der Harvard Business Review erschienen ist, weist er auf die historische Gebundenheit des Konzeptes hin. Es ist in der Phase nach dem Dotcom-Crash entstanden, als Geld für die Finanzierung von jungen Unternehmen knapp war. Dies sei inzwischen kein Problem mehr, meint Blank. So sei es gut möglich, dass andere Ansätze inzwischen der Methodik von Lean Startup überlegen sind.

Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass Lean Startup vor allem in Situationen gut funktioniert, in denen die Neugründung schlank sein muss – etwa zu den Bedingungen des deutschen Risikokapitalmarktes. Ein besser finanziertes Startup als hierzulande üblich dagegen kann ausreichend Geld investieren, etwa in klassische Marktforschung und den Test von Prototypen mit Fokusgruppen. Auf lange Sicht ist das derselbe Aufwand wie die iterative Anpassung eines MVP an die Nutzerbedürfnisse. Doch ein Lean Startup hat die Chance, mangels ausreichender Risikofinanzierung durch den Verkauf der Produkte und Services Geld einzunehmen und die Weiterentwicklung damit zumindest teilweise zu finanzieren. Das setzt aber eines voraus: Ein MVP, das nicht stümperhaft wirkt.

Bildquelle: Thinkstock

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