App-Entwicklung

Jackpot App-Stores?

Das Interesse der Unternehmen an mobilen Anwendungen nimmt kontinuierlich zu. Dabei stehen neben nativen Implementierungen insbesondere auch alle Spielarten mobiler Frontend-Technologien im Fokus.

HTML5 spielt hier eine wesentliche Rolle, schließlich ist die Vision, mit einer Technologie mehrere Plattformen bedienen zu können, sehr reizvoll. Doch hat HTML5 auch das Zeug dazu, die bis dato noch dominierenden nativen Apps vom Thron zu stoßen? Und wie reagieren Apple und Google auf die derzeitigen Entwicklungen?

Schon seit geraumer Zeit diskutiert die Mobile-Generation über die Zukunft der App-Entwicklung. Grund ist der in den Startlöchern stehende Webstandard HTML5, der im Vergleich zu den bisherigen Versionen noch mehr gestalterische Freiheiten bieten soll und somit auch für mobile Anwendungen interessant ist. Viele App-Anbieter sattelten deshalb in den letzten Monaten um. „Wir haben uns bereits Ende 2010 auf die Entwicklung von HTML5-Applikationen fokussiert, seinerzeit beginnend mit einem Produktkonfigurator für einen Onlineshop“, berichtet Thomas Bandt, Geschäftsführer von 69°. „Es folgten Corporate Websites, mobile Apps für Smartphones sowie Tablets und inzwischen bieten wir auch die Entwicklung von Facebook-Apps auf Basis von HTML5 an.“

Auch Panacoda setzt auf jenen Webstandard und wurde sogar auf Basis dieser Technologie gegründet, wenngleich das Know-how der Entwickler ebenso native Applikationen einschließt. „Mit unserem Open-Source-Framework haben wir die HTML5-Entwicklung schon früh aufgegriffen“, sagt Geschäftsführer Sebastian Werler. „Unsere Entwickler haben sich im Zuge der App- und Framework-Entwicklung tiefergehend mit dem Thema beschäftigt und sich dabei implizit weitergeschult.“ Größere Umstellungen waren in der Entwicklungsabteilung des Unternehmens wohl nicht vonnöten. Gleiches bestätigt Tim Neugebauer, Geschäftsführer von Das Medienkombinat. Der Umschwung auf HTML5/CSS3 sei ein selbstständiger und teamgetriebener Prozess gewesen. „Wir arbeiten seit ca. einem Jahr mit HTML5 und CSS3. Das entspricht unserem Selbstverständnis als technologieorientierte Online-Agentur, liegt aber auch an den Vorteilen von HTML5 und CSS3.“

Eine potentielle Waffe

„Die Stärken liegen ganz klar in der Hersteller-, Plattform- und Geräteunabhängigkeit“, konkretisiert Sebastian Werler. „Durch diese Form von ‚write once, run anywhere’ ergibt sich natürlich ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis.“ Das bekräftigt auch Thomas Gronbach, Director Marketing Europe bei Keynote: „HTML5-Apps können plattformunabhängig entwickelt werden, da sie auf jedem HTML5-fähigen Browser laufen. Dadurch sinken die Entwicklungszeiten und -kosten.“ Neue Funktionen und das Erscheinungsbild einer Applikation seien losgelöst von den Release-Zyklen der OS-Hersteller wie Apple oder Google.

Die globale Lauffähigkeit und vor allem die weitestgehend einheitliche Code-Basis machten HTML5 letztendlich „zu einer potentiellen Waffe“, ist sich Thomas Bandt von 69° sicher. Gerade Unternehmen, die schnell auf Veränderungen reagieren müssen, könnten sich hier Wettbewerbsvorteile verschaffen, wenn etwa ein neues Feature in einer App nicht dreifach implementiert werden muss. Zudem führt der Einsatz von HTML5 zusammen mit CSS3 zu neuen Gestaltungsmöglichkeiten für die Entwicklung mobiler Webapplikationen und der Entwicklungsmethode Responsive Web Design. Hinzu kommt laut Frank Hasemann, Geschäftsführer der Honico Consulting und Managementberatung GmbH, dass durch die Verwendung von HTML5-basierten Anwendungen keinerlei Installation auf dem Endgerät erfolgen müsse. Schließlich werde die Anwendung per Link aufgerufen.

Grenzen bei der App-Entwicklung

Doch so zahlreich die Vorteile von HTML5 auch sein mögen – ebenso setzt der Webstandard einige Grenzen bei der App-Entwicklung. Der Großteil der Kritiker kommt hier aus dem Performance-Management-Bereich, weiß Dr. Kay Müller-Jones, Head of Global Consulting Practice bei Tata Consultancy Services. Denn „HTML5 läuft serverbasiert und ist damit in der Performance vom Empfang der mobilen Endgeräte abhängig.“ Darüber hinaus lässt die Vielzahl der Möglichkeiten des Webstandards die Menge des Codes anwachsen, was ebenfalls einen großen Einfluss auf die Performance ausübt – sowohl im Netzwerk als auch beim Abspielen auf den verschiedenen Endgeräten.

Nicht zuletzt verweist Tim Neugebauer von Das Medienkombinat darauf, dass der Zugriff auf bestimmte Hardwarefunktionen des mobilen Endgerätes, etwa Kamera oder Gyroskop, via Webapp in der Regel noch nicht möglich ist. Es seien jedoch Entwicklungen im Gange, die den Abstand zwischen nativen und webbasierten Apps immer weiter schrumpfen ließen. Webbasierte Apps seien grundsätzlich leichtgewichtiger und normalerweise schneller realisiert, während native Apps einen erhöhten Entwicklungsaufwand forderten. Dafür bieten sie Vorteile bei den angesprochenen Gerätefunktionen und der Offlinenutzung.

Interessant zu erwähnen ist, dass viele native Apps zur Darstellung von Inhalten sogar einfaches HTML5 benutzen, die Funktionslogik jedoch als nativen Code umsetzen. Darüber hinaus existieren verschiedene Frameworks, etwa Phonegab, die in der Entwicklung auf HTML, CSS und Javascript setzen, auf dieser Basis Apps erzeugen, die wiederum in die App-Stores eingestellt werden können. Die Internetagentur Schwarzdesign hat bereits gute Erfahrungen mit Phonegab/Cordova gemacht. „Hier werden HTML5-Kernanwendungen in nativen App-Containern platziert und können ganz normal über die App-Stores distribuiert werden“, erklärt Geschäftsführer Oliver Schwarz, während Thomas Bandt von 69° weiter ins Detail geht: „Mittels Phonegab lassen sich HTML5-Apps sozusagen in native Apps verwandeln. Technisch bleibt es bei HTML5, was in einem Browser-Control des jeweiligen Gastsystems ausgeführt wird.“ Jedoch erweitere das Framework die Möglichkeiten der Anwendung, indem es Schnittstellen zu hardware- bzw. systemspezifischen Funktionen wie Kamera oder Dateisystem bereitstelle.

Hybrid-App als produktivste Wahl

Mittlerweile haben Webtechnologien eine Relevanz und Leistungsfähigkeit erreicht, die sie zum primären Client-Standard machen. Firefox OS ist hierfür ein gutes Beispiel. Thomas Gronbach von Keynote hält es für wahrscheinlich, dass HTML5 andere Plattformen in den Hintergrund drängen wird, was allerdings noch einige Zeit dauern werde. Frank Hasemann von Honico ist gleicher Meinung: „Aufgrund unserer Erfahrung halten wir es für wahrscheinlich, dass native Apps bis 2016 nur noch bei Verwendung sehr spezieller Features und im Gaming-Bereich aufzufinden sein werden.“ Die weitaus größere Zahl der Businessanwendungen werde HTML5-basiert sein. Eine Verdrängung anderer Programmiersprachen sieht Hasemann dabei vor allem im Bereich der Oberflächenprogrammierung.

Doch komplett vom Thron stoßen wird der Webstandard die native Entwicklung nicht, wie Sebastian Werler von Panacoda betont. Er ist eher der Meinung, dass sich HTML5 als gleichwertige Technologie platzieren wird. Die Kombination beider Technologien, die Hybrid-App, werde mittelfristig die produktivste Wahl sein.

Folgen für die App-Stores

Stellst sich nun noch die Frage, inwieweit die aktuellen Entwicklungen im Bereich HTML5 die App-Stores von Apple und Google beeinflussen werden. Sollten sich mehr Nutzer für webbasierte App-Varianten entscheiden, würde dies natürlich weniger Zugriffe und ggf. geringere Umsätze für die relevanten Stores bedeuten. Denn reine HTML5-Apps benötigen zur Distribution die Hersteller-Stores nicht länger. Sie lassen sich direkt auf Internetseiten starten oder von ihnen herunterladen und aktualisieren sich darüber hinaus selbsttätig. „Dieser Weg vorbei an den Stores verhindert das Profit Sharing“, sagt Thomas Gronbach. „Der große Bekanntheitsgrad der Stores darf aber nicht unterschätzt werden.“ Die Stores könnten sich z.B. verändern und zu einem Verzeichnis mutieren, in dem HTML5-Apps gesucht und gefunden werden.

Oliver Schwarz bemerkt zudem, dass das App-Store-Konzept aus Sicht des Marketings viele Vorteile für die Distribution von Inhalten und auch Anwendungen bietet. Außerdem seien die Nutzer am ehesten dazu bereit, im App-Store für Apps zu bezahlen. „Deswegen glaube ich, werden App-Stores auch in Zukunft eine große Rolle spielen. Die Apps dort werden dann je nach Anforderung nativ oder als HTML5-Kernanwendung entwickelt.“ Die anfänglichen Vorbehalte seitens Apple gegenüber nativen HTML5-Apps seien jedenfalls passé.

„Apple selbst propagierte ja bei der Einführung des iPhones im Jahr 2007 HTML5 als das Werkzeug für die App-Erstellung“, wirft Thomas Bandt ein. Verhalten habe sich der Anbieter jedoch völlig anders. So war es bis vor Kurzem nicht möglich, über eine Website bzw. HTML5-App, die in Mobile Safari läuft, eine Datei auf einen Server hochzuladen. Das entsprechende HTML-Control wurde wohl einfach deaktiviert. Bandt ist sich sicher, dass hier politische Gründe eine Rolle spielten. Insofern lasse sich schwer einschätzen, ob und wie Apple und Google reagieren werden – wahrscheinlich seien sie derzeit ob der Limitierungen gegenüber nativen Apps noch ganz gelassen.

Qualitätssicherung adé

Zu bedenken ist jedoch: Da Apps an Apple, Google & Co. grundsätzlich vorbeivertrieben werden können, greift natürlich auch deren Qualitätssicherung nicht mehr. Daher sind die Webapp-Entwickler umso stärker in der Pflicht, sichere und robuste Applikationen zu produzieren. Ein intensives Testen auf allen Plattformen- und Browserkombinationen ist laut Thomas Gronbach deshalb unumgänglich. „Wir gehen davon aus, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren der Großteil der Apps auf HTML5 basieren wird. Die Technologie entwickelt sich rasant und es gibt eine große Bewegung in Richtung Multiplattform-Welt, in der zumindest von iOS, Android, Windows Phone und Blackberry wichtige Marktanteile besetzt werden.“ Diese Trends sollen dazu führen, dass viele Firmen nicht in der Lage sein werden, viele parallele Entwicklungen gleichzeitig durchzuführen. Native Applikationen wird es deshalb weiterhin im mobilen Bereich sowie auf dem Desktop geben, aber HTML5 soll in Zukunft die Webentwicklung dominieren.

Bildquelle: iStockphoto.com/Sonulkaster

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