Neue Umsatzsteuerregel

„Jede Vereinfachung ist eine gute Nachricht“

Seit dem 1. Juli 2021 gilt eine neue EU-Umsatzsteuerregel, die jeden Online-Händler betrifft, der über EU-Ländergrenzen hinweg verkauft und Waren an Käufer in der EU exportiert. Im Interview erläutert, Marcos Raiser do Ó, Head of DACH and CEE bei Stripe, was Händler nun beachten sollten.

Marcos Raiser do Ó

„Ganz wichtig ist, dass die Länder, in denen ein Unternehmen Geschäfte macht oder in die es expandieren möchte, abgedeckt sind“, Marcos Raiser do Ó.

MOB: Herr Raiser do Ó, inwieweit waren bzw. sind die deutschen Online-Händler auf die neue Regel vorbereitet?
Marcos Raiser do Ó:
Viele Händler sind erstaunlich wenig informiert. 65 Prozent wussten im Frühjahr laut Zahlen des Händlerbunds nichts von der Umsatzsteuerreform, die am 1. Juli in Kraft getreten ist. Dementsprechend fühlen sich auch nur 16 Prozent der Händler gut oder gar sehr gut vorbereitet. Zwei Drittel der Händler (64 Prozent) verlassen sich auf ihren Steuerberater und nur ein Drittel (32 Prozent) nutzt selbst ein Tool für die korrekte Mehrwertsteuerabrechnung. Dabei liefern bereits 73 Prozent der Händler Waren ins Ausland. Diese Zahl finde ich übrigens sehr erfreulich. Der europäische Binnenmarkt bietet ein riesiges Umsatzpotenzial und es ist sehr inspirierend, dass E-Commerce immer grenzüberschreitender und damit gesamteuropäischer wird.

MOB: Welchen Einfluss könnte die neue Regelung auf die Expansionsbereitschaft der hiesigen – vor allem kleinen – Unternehmen haben?
Raiser do Ó:
Für sehr kleine Händler verändert sich nichts, denn wer die Lieferschwelle von 10.000 Euro nicht überschreitet, ist von den neuen Regelungen nicht betroffen. Die Möglichkeiten insgesamt sind aber enorm. Mit der richtigen Software-Lösung wird die Erklärung im sogenannten One-Stop-Shop, über den die Umsatzsteuererklärung für alle Märkte aus einer Hand erledigt wird, deutlich einfacher. Wir haben letztes Jahr in einer Studie herausgefunden, dass europäische Unternehmen durch einfachere Regulierung und Steuerregeln viele Milliarden Euro mehr Umsatz erwirtschaften könnten. Die befragten international tätigen Unternehmen gingen davon aus, dass sie ihren Umsatz im Schnitt um 30 Prozent steigern könnten, wenn sie sich nicht mit den komplexen nationalen Regeln auseinandersetzen müssten. Rechnet man diese Zahl auf alle E-Commerce-Unternehmen in der EU hoch, könnte die europäische Online-Wirtschaft allein im Handelssegment um mehr als 100 Mrd. Euro wachsen. Jede Vereinfachung ist also eine gute Nachricht für die europäischen Online-Händler.

MOB: Mit welchen digitalen Tools und mobilen Lösungen können Händler die internationalen Steuervorschriften im Blick behalten?
Raiser do Ó:
Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Tools. Auch wir haben in unserem europäischen Headquarter in Dublin mit Stripe Tax eine Lösung entwickelt, die vielen Händlern helfen kann. Sie ermöglicht Unternehmen die automatische Berechnung und Erhebung der Mehrwertsteuer in über 30 Ländern. Unternehmen können genau einsehen, bei welchen Gütern und Dienstleistungen Steuern in welcher Höhe erhoben werden müssen, und bekommen umfassende Berichte für ihre Steuererklärung erstellt.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Worauf sollten sie bei der Auswahl entsprechender Lösungen achten?
Raiser do Ó:
Ganz wichtig ist, dass die Länder, in denen ein Unternehmen Geschäft macht oder in die es expandieren möchte, abgedeckt sind. Wichtig ist auch, dass die Ambitionen des Anbieters, der das Tool entwickelt, ausreichend groß sind. Das lässt Rückschlüsse darauf zu, dass ein Tool auch weiterentwickelt wird. Wichtige Funktionen sind außerdem die Steuerberechnung in Echtzeit, Abdeckung möglichst vieler Sonderregelungen und Ausnahmen sowie eine einfache und sichere Verwaltung der Steuer-IDs von Unternehmenskunden. Darauf würde ich bei der Auswahl achten – aber es kommt natürlich immer auf den Einzelfall an. Wichtig ist natürlich auch, dass das Tool technologisch auf dem neuesten Stand ist und sich leicht implementieren und warten lässt.

MOB: Was sind häufige Stolpersteine bei der Einführung entsprechender Payment-Plattformen?
Raiser do Ó:
Ich würde es mal andersherum formulieren und eine Positivliste zum Abhaken mitgeben: Ist eine leichte, schnelle und kostensparende Integration möglich? Ist die Payment-Plattform benutzerfreundlich und bietet einen guten und zuverlässigen Service? Deckt sie alle Länder ab, in denen ich tätig bin oder in die ich irgendwann expandieren möchte? Werden die Zahlungsmethoden angeboten, die für meine relevanten Märkte wichtig sind? Ich würde da auch an zukünftige Märkte denken. Denn wenn die Plattform nicht mit meinen Bedürfnissen mitwachsen kann, muss ich im schlimmsten Fall in zwei Jahren wieder eine neue Lösung suchen. Schön ist es auch, wenn die Plattform zusätzliche Funktionen bietet wie z.B. Betrugserkennung, automatisierte Rechnungserstellung oder Datenanalyse.

MOB: Was raten Sie Online-Händlern, die bislang noch nichts von der neuen Regelung mitbekommen haben?
Raiser do Ó:
Ich glaube, dass es sinnvoll ist, sich zumindest einigermaßen mit den neuen Regeln vertraut zu machen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln. Danach würde ich meine Zeit vor allem in die Suche nach einem passenden Tool investieren. Denn damit können Händler den größten Teil der Arbeit automatisieren.


Bildquelle: Stripe

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok