Automatisierung 2.0

Jeder Job ändert sich - bis zum CEO

KI und Robotik machen vor nichts halt, nicht einmal vor dem Vorstand. Auch er ist ersetzbar, jedenfalls teilweise.

Die künstliche Intelligenz macht in den letzten Jahren erstaunlich rasche Fortschritte, vor allem beim maschinellen Lernen. Hierbei lernt die Software anhand von Beispielen und kann diese anschließend verallgemeinern. Sie ist dadurch in der Lage, auch bisher unbekannte Daten zu beurteilen.

Eingesetzt wird diese Technologie bei der Erkennung von Kreditkartenbetrug, Sprach- und Texterkennung sowie bei Aktienmarktanalysen. Die Bandbreite ist also relativ hoch und die Erwartungen an die entsprechenden Anwendungen ebenfalls. Viele der kommerziell eingesetzten Verfahren sind bereits zu bemerkenswerten Leistungen in der Lage.

In Kombination mit Robotik wird das Machine Learning nach Ansicht vieler Experten zu einer großen Bedrohung auf dem Arbeitsmarkt. Durch die neuartigen KI-Technologien ist es denkbar, das Software immer anspruchsvollere Aufgaben übernimmt, etwa das Schreiben eines Artikels wie diesen hier.

Die Experten sind sich uneinig

Der Harvard-Wissenschaftler Larry Summers vermutet, dass durch diese nächste Welle der Automatisierung deutlich mehr Jobs verloren gehen als neue entstehen. Eine hohe Arbeitslosigkeit wäre die Folge. Doch sicher ist das nicht, denn selbst die Profis aus den Bereichen KI, Robotik und Ökonomie sind sich nicht einig.

Vor zwei Jahren hat Pew Research für eine Studie etwa 2000 dieser Experten befragt. Das Ergebnis: Jeweils die Hälfte der Befragten sind Optimisten und Pessimisten. Das heißt auf gut Deutsch, dass sowohl die Apokalyptiker als auch die Evangelisten auf dem Wissenschaftsmarkt eine passende Studie finden werden.

Hilfreich ist vielleicht ein kleiner Perspektivenwechsel. Die meisten Studien über die Folgen von KI und Robotik betrachten Berufe und Berufsbilder als grundlegende Einheit für die gesellschaftlichen Veränderungen. Das McKinsey Global Institute und andere Forscher wie James Bessen stellen jedoch Arbeitsaufgaben in den Fokus.

Dabei handelt es sich um Prozeduren, die in vielen Berufen vorkommen und stark vergleichbar sind. Ein Beispiel wäre etwa das Auswerten von Daten, das Schreiben eines zusammenfassenden Berichts oder das Führen eines Personalgesprächs. Zumindest die Datenauswertung, aber auch das Verfassen von Berichten lassen sich mit der aktuellen Technologie bereits recht gut automatisieren.

Und solche Arbeitsaufgaben gibt es in den meisten Berufen, meinen die McKinsey-Forscher. Sie legen dabei die im Moment aktuelle kommerzielle Technologie zu Grunde sowie die bereits in Form von Prototypen, Demonstratoren oder Forschungsprojekten vorhandenen Produkte. Kurz: Es geht um die Arbeitsaufgaben, die sich in den nächsten drei bis fünf Jahren automatisieren lassen.

Viele Berufe lassen sich teilweise automatisieren

Dafür haben die McKinsey-Forscher knapp 2.000 unterschiedliche Aktivitäten in rund 800 Berufsbildern untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass etwa 45 Prozent dieser Aktivitäten automatisierbar sind. Dabei handelt es sich aber zuallererst um Routinearbeiten. So werden sich viele Berufsbilder zwangsläufig ändern, aber nicht verschwinden. Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur das untere Ende der Jobskala, sondern auch hoch bezahlte und anspruchsvolle Berufe.

So geht Michael Chui, einer der Autoren des Berichts, davon aus, dass sogar auf dem C-Level (CEO, CIO, CFO, …) ein Fünftel aller Aufgaben recht gut automatisierbar ist. Ein typisches Beispiel dafür ist die Analyse von Berichten aus Projekten und Abteilungen, die dank Machine Learning an Software übertragbar ist.

Aus Perspektive der Arbeitsaufgaben dürften die meisten Berufe von der Automatisierung sogar profitieren. Wenn lästige Routinearbeiten wegfallen, bleibt mehr Zeit für interessante, sinnstiftende und anspruchsvolle Dinge. Das sind aber genau die Arbeiten, die meistens deutlich zeit- und kostenaufwändiger sind.

Denn nach Ansicht von Digitalexperten wie Gunter Dueck ist so etwas der „schwierige Mist“. Damit meint der ehemalige IBM-CTO das Gegenteil von Routine: Komplizierte Aufgaben mit hohen Anforderungen an die kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Angestellten. „Dafür ist heutzutage fast niemand ausgebildet“, betont Dueck in beinahe jedem seiner Vorträge.

Im Gegenteil: Das gesamte Bildungssystem bis hin zur Rekrutierung von Auszubildenden und Trainees ist heute immer noch auf den klaglos und routiniert arbeitenden Angestellten ausgerichtet. Er sollte möglichst wenig Eigeninitiative zeigen und sich an die interne Hackordnung halten. Anders ausgedrückt, sollte er also bereits eine Art Roboter sein, der sich dann kostengünstig von einer KI ablösen lässt.

Das scheint dann eher in die pessimistische Richtung zu deuten: Der selbst verschuldete Untergang des deutschen Arbeitsmarkts. Hier wäre Umsteuern angesagt, weg von Bulimielernen, Hierarchiedenken und dem bekannten Innovationsmikado „Wer sich zuerst bewegt, hat verloren“, sonst bewegt sich bald nur noch der Roboter.

Bildquelle: Thinkstock

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