Die boomende Nachfrage nach bargeldlosen Bezahlverfahren hat zur Folge, dass der Markt immer neue Angebote hervorbringt .
Wer an einem lauen Sommerabend in einem der zahlreichen Cafés in der Stockholmer Innenstadt die Rechnung gern in extra umgetauschten schwedischen Kronen bezahlen möchte, könnte eine Enttäuschung erleben. Schilder mit der Aufschrift „Vi hantar ej kontanter“ häufen sich dort zunehmend – und lassen Kunden wissen, dass Bargeld nicht akzeptiert wird. Die Schweden arbeiten nämlich mit Hochdruck daran, nie wieder versehentlich in der Hosentasche mitgewaschene Fünfer glattbügeln oder in die Mittelkonsole des Autos gefallenes Kleingeld suchen zu müssen: Sie möchten das erste Land werden, das komplett ohne Bargeld auskommt. Bei Besuchern aus Deutschland hingegen rufen diese Bestrebungen bislang noch Staunen hervor. Doch dreht sich auch hierzulande das Blatt?
„In den skandinavischen Ländern gibt es in vielen Bereichen eine ausgeprägte Affinität zu Technik und Innovationen, die sich auch bei Zahlungsvorlieben zeigt. Da sind wir in Deutschland oft zurückhaltender“, stellt Robert Hoffmann, CEO von Concardis und Nets Merchant Services, fest. Hier habe sich aber in den letzten Jahren viel getan und die Pandemie habe diesen Trend rapide beschleunigt. „Um es konkret zu machen: Während vor der Corona-Pandemie gut die Hälfte der bargeldlosen Zahlungen bei unseren Händlern und Dienstleistern kontaktlos abliefen, waren es Ende 2020 rund 75 Prozent“, konstatiert der Experte, dessen Unternehmen im bargeldlosen Zahlungsverkehr aktiv ist. Er bemerkt, dass in der Nachfrage nach smarten bargeldlosen Zahlungsmöglichkeiten immer häufiger auch kleine Händler und Dienstleister nachrüsten wollen, obwohl die Skepsis gegenüber Kartenzahlungen hierzulande bei Verbrauchern und auch auf der Unternehmensseite lange ausgeprägt gewesen sei. Während Corona hätten Politik und Handel bargeldloses und kontaktloses Bezahlen forciert, zudem hätten bestimmte Branchen gemerkt, dass sie flexible und kontaktlose Zahlungsmöglichkeiten brauchen. „Wer sich Pizza nach Hause liefern lässt, will nicht mehr erst Bargeld abheben, und kaum jemand möchte heute beim Bäcker erst noch im Kleingeld kramen“, sagt Hoffmann.
Deutlich spürt er auch den Anstieg im E-Commerce, wo zwischenzeitlich viele Einzelhändler alternative Vertriebswege brauchten, da ihre Geschäfte geschlossen bleiben mussten. „Schnelle, einfache, vollintegrierte Shop- und Payment-Lösungen stehen hoch im Kurs – bei etablierten großen Händlern und Dienstleistern ebenso wie bei kleinen Unternehmern“, fasst er zusammen.
Auch Alexa von Bismarck, Deutschlandchefin des Payment-Anbieters Adyen, stellt fest, dass 2020 für viele Händler eine besondere Herausforderung war, da sich viele – angestoßen durch die Pandemie – das erste Mal mit digitalen Lösungen im Payment-Bereich auseinandergesetzt haben, um ihre Kunden weiterhin zu erreichen und ihnen ein sicheres und komfortables Einkaufserlebnis bieten zu können. „Zudem haben sich Händler, die bereits digital aufgestellt waren, zunehmend damit beschäftigt, ihre Verkaufskanäle zu verzahnen. So konnten viele die Verkäufe während der Pandemie stabilisieren, weil sich verlorengegangene Transaktionen in den Läden durch eine Zunahme des Online-Handels ausgeglichen haben“, ergänzt sie. Auch sie betont, dass die Pandemie hierzulande eine Art Kulturwandel angestoßen habe: „Laut unserem aktuellen Retail Report geben 39 Prozent der deutschen Verbraucher an, dass sie früher Bargeld bevorzugten, seit der Pandemie jedoch auf Karte, kontaktlose Zahlungen oder digitale Wallets umgestiegen sind“, so die Adyen-Chefin.
Die deutsche Liebe zum Bargeld beobachtet auch Sascha Nagel, Sales Director DACH bei Gocardless, und liefert gleich Zahlen mit: Im internationalen Vergleich zeige der aktuelle „Gocardless Payment Preferences Report 2021“, dass sich in Deutschland 23 Prozent der Verbraucher die Rückkehr zur Bargeldnutzung wünschen. Im internationalen Vergleich liege Deutschland damit vorn. Bei der Begleichung ihrer regelmäßigen Haushaltsrechnungen blieben Verbraucher bei bewährten Methoden: 52 Prozent der Verbraucher gaben Nagel zufolge an, ihre Haushaltsrechnungen per Lastschrift zu bezahlen. An zweiter Stelle stehe die Überweisung mit 26 Prozent. Paypal, Debitkarten und Bargeld sowie Kreditkarten würden dagegen wenig genutzt, so der Experte, dessen Unternehmen das Lastschriftverfahren ins digitale Zeitalter holen will. Einzig im Bereich „digitaler Abonnements“ sieht Nagel einen Wandel in den Zahlungspräferenzen: Zwar bleibe die Lastschrift auch hier mit 29 Prozent immer noch der Liebling der Verbraucher, allerdings gewinne Paypal an Beliebtheit und belege mit 27 Prozent Platz zwei.
Doch woher kommen die bisherigen Vorurteile und wie können Anbieter sie dauerhaft abbauen? „Aufseiten der Verbraucher halten sich nach wie vor einige Vorurteile gegenüber digitalen Bezahloptionen. Das wäre z.B. die Sorge vor dem ‚gläsernen Bürger‘, also dem unbefugten Einsehen der Transaktionen durch Dritte“, sagt dazu Alexa von Bismarck. Für Zahlungsanbieter sei daher der Schutz der Kunden und ihrer Daten das oberste Gebot. Dafür sorgten, so die Expertin, u.a. die strengen Sicherheitsstandards der deutschen Kreditwirtschaft und das Datenschutzgesetz, aber auch neuere Vorgaben wie die Zwei-Faktor-Authentifizierung. „Bei den Händlern“, so von Bismarck, „hält sich das Vorurteil von erhöhtem Aufwand und höheren Transaktionskosten.“ Payment Service Provider (PSP) unterstützten Händler bei der Reduktion der Komplexität der Zahlungsabwicklung – z.B. bei der Angebotserweiterung der Zahlungsmethoden. Viele PSPs böten Händlern Zahlungslösungen an, deren Integration und Abwicklung aus einer Hand kommen, was Zeit und Ressourcen spare. Um einen nachhaltigen Erfolg zu gewährleisten, rät Alexa von Bismark Händlern, neben bargeldlosen Bezahlmethoden vor allem weiterhin auf die Verschmelzung ihrer Verkaufskanäle zu setzen.
Sascha Nagel von Gocardless beobachtet, dass der Prozess der Zahlungsabwicklung für Unternehmen insbesondere in margenschwachen Geschäftsmodellen immer erfolgskritischer wird. Für Unternehmen sei es wichtiger denn je, ihren Cashflow auf jede erdenkliche Weise zu maximieren – dazu gehöre auch, Zahlungsprozesse zu optimieren und Zahlungsmethoden mit hohen Gebühren zu reduzieren. Auch Flexibilität sei in der schnellen digitalen Welt immer häufiger gefragt, da viele Unternehmen verstehen, wie wichtig die richtigen Zahlungsmethoden für einen schnellen und erfolgreichen Go-to-Market seien. „Auf Seiten der Verbraucher steigen die Erwartungen an den Kundenservice – wozu immer mehr Zahlungs- und Rechnungsprozesse gehören“, ergänzt Nagel. Den Einfluss der Zahlungsabwicklung auf die Kundenzufriedenheit und den Geschäftserfolg würden immer mehr Unternehmen erkennen. Die zunehmende Verfügbarkeit neuer Technologien könne den Zahlungs- und Rechnungsprozess weiter optimieren und die Kundenbeziehungen verbessern.
Die boomende Nachfrage nach bargeldlosen Bezahlverfahren hat zur Folge, dass der Markt immer neue Angebote hervorbringt – ein Umstand, der Nutzer abschrecken könnte. Hier stellt sich die Frage nach einer Bereinigung des Marktes. Die starke Segmentierung und das Wachstum gerade in den letzten Jahren und Monaten bekräftigt auch Alexa von Bismarck. Für den Erfolg ist ihrer Meinung nach entscheidend, ob ein Payment-Anbieter seine Kunden und ihre Bedürfnisse verstanden habe und passende, innovative Lösungen anbieten könne. „Customer Centricity ist das Credo der Stunde. So müssen die Produkte und Services auf Basis der lokalen Ansprüche der Nutzer entwickelt werden und die regionalen Besonderheiten an Zahlungsgewohnheiten und -vorlieben berücksichtigen“, empfiehlt sie. Zudem solle man die jeweiligen Märkte sehr gut kennen, um auf regionale Besonderheiten oder andere lokale Vorgaben reagieren zu können.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5-6/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
„Großes Wachstumspotenzial, ein agiles Wettbewerbsumfeld und hohe Dynamik setzen in der Payment-Branche Innovationskraft frei“, konstatiert Robert Hoffmann von Concardis. Insbesondere kleinen und mittleren Dienstleistern sei klar geworden, dass es nicht um ein Entweder-Oder gehe. „Verschiedene Vertriebskanäle sichern Umsätze auch in der Krise und erschließen neue Zielgruppen“, so Hoffmann. „In diesem breitflächigen Digitalisierungsprozess sind auch zahlreiche unterschiedliche Bezahllösungen gefragt, von denen sich dauerhaft aber mit Sicherheit nur die besten und komfortabelsten durchsetzen werden“, so der Payment-Experte abschließend.
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