DVG

„Keine in Stein gemeißelte Lösung“

Mit dem Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) eröffnet der Gesetzgeber Freiräume, die notwendig sind, um wichtige Entwicklungen im System voranzutreiben. Die geschaffenen Freiräume müssen aber konstant nachjustiert werden, betont mit Julius Knoche, CEO von Noventi Care, im Interview.

Julius Knoche von Noventi Care

„Der Patient hat einen berechtigten Anspruch auf vollständige Kontrolle seiner Daten“, betont Julius Knoche von Noventi Care.

MOB: Herr Knoche, mit dem Ende letzten Jahres in Kraft getretenen Digitale-Versorgung-Gesetz soll die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen vorangetrieben werden. Wie schätzen Sie den Einfluss auf den stark regulierten Markt ein?
Julius Knoche:
Das weltweit bisher einzigartige Digitale-Versorgung-Gesetz ist eine wichtige Grundlage, um die Digitalisierung im deutschen Gesundheitsmarkt voranzutreiben. Das DVG schafft dabei den wichtigen Spagat zwischen Incentivierung neuer Geschäftsmodelle und pragmatischer Regulierung. Das Gesetz öffnet in einem naturgemäß stark regulierten Markt strukturierte Innovationsräume, die sich sehr nah an der operativen Realität heutiger Innovationstreiber orientieren.

Durch das DVG wird auch die Entwicklung und Integration der elektronischen Patientenakte (ePA) weiter vorangetrieben. Ich halte diese seit 15 Jahren immer wieder diskutierte zentrale Schnittstelle für einen der wichtigsten Bausteine bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems. Klar definierte und zukunftssichere Schnittstellen sind notwendig, um Innovationen an den Punkten zu fördern, an denen sich zukünftig das größte Potential für eine Verbesserung der Versorgungsqualität heben lässt – den Schnittstellen zwischen den Segmenten im Gesundheitssystem.

MOB: Welche Möglichkeiten bietet das DVG mit Blick auf die Innovationsfähigkeit von E-Health-Anbietern?
Knoche:
Digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitsmarkt bewegen sich aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten aktuell oft in den Grenzbereichen zwischen Health- und Lifestyle-Anwendungen oder sind gekoppelt an systemeigene Akteure, die strategische Ziele verfolgen. Mit der Möglichkeit, im Rahmen einer vereinfachten Zertifizierung, geprüfte Anwendungen per Rezept zu verschreiben und im Anschluss zu vergüten, schafft man erstmals systemeigene Anreize für Dritte, um gezielt patientenzentrierte Innovationen zu fördern. Dass der nach einem Jahr zu erbringende Nachweis eines positiven Versorgungseffektes im laufenden Betrieb erfolgen kann, kommt der operativen Realität in der Digitalbranche sehr nahe. Wachsende Komplexität und immer kürzere Innovationszyklen machen lange Testphasen, soweit marktorientierte Geschäftsmodelle zugrunde liegen, oft unmöglich.

MOB: Inwieweit wird eine patientenzentrierte Digitalisierung die Versorgungsqualität tatsächlich steigern?
Knoche:
Für den Patient bedeutet das DVG zunächst einen wichtigen Schritt in Richtung eines höheren Nutzerfokus durch Wettbewerb und Innovation im E-Health-Bereich. Auch in der ambulanten Pflege werden Applikationen den Patienten künftig zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. Pflegedienste und Angehörige werden gleichzeitig in die Lage versetzt, allgemeines Patientenwohl oder gar kritische Zustände schneller und besser zu erfassen. Anwendungsbeispiele reichen hier von Erinnerung und Überwachung der Medikamenteneinnahme bis hin zur Live-Erfassung von Gesundheitszuständen.

Aktuell nutzen mehr als 41 Prozent der in Deutschland lebenden über 65-Jährigen ein Smartphone. Dieser Anteil wird durch die demographische Entwicklung und die Verbesserung der Assistenzsysteme weiter steigen. Digitale Lösungen sind ein wichtiger Faktor, um zukünftig dem Wunsch nach einem möglichst langen und selbstbestimmten Leben im Alter besser gerecht zu werden, ohne dabei die Qualität der Pflegeleistung oder gar das Patientenwohl zu gefährden.

Patienten sind durch ihre Mobiltelefone und Wearables bereits heute dafür sensibilisiert, um erste Funktionen wie Puls messen, Schritte zählen oder Herzfrequenz erfassen selbst mit ihrem mobilen Endgerät zu steuern. Künftig werden die Möglichkeiten noch größer sein, um beispielsweise Therapieanwendungen – die es bereits auch jetzt schon gibt – zu nutzen und selbst maßgeblichen Anteil an der Behandlung vorzunehmen. Ärzte und Apotheken werden schneller auf qualitativ bessere Informationen zugreifen können, um z.B. auch bei kommunikativ eingeschränkten Patienten auf aktuellen Daten basierende Entscheidungen treffen zu können.

MOB: Wo sehen Sie Stolpersteine?
Knoche:
Der Patient hat einen berechtigten Anspruch auf vollständige Kontrolle seiner Daten, gleichzeitig wird die individuelle Versorgungsqualität und die allgemeine Systemeffizienz von der zukünftigen Verfügbarkeit genau dieser Daten abhängen. Wirkliche Datenhoheit kann der Patient auch nur dann erlangen, wenn die verschiedenen Akteure einheitliche Prozesse und Datenmanagement zulassen.

Es muss zudem jedem klar sein, dass ein pragmatisches und innovationsgetriebenes Gesetz wie das DVG keine in Stein gemeißelte Lösung ist. Der Gesetzgeber eröffnet Freiräume, die notwendig sind, um wichtige Entwicklungen im System voranzutreiben. Die technische Entwicklung überholt ohnehin unsere soziale Adaptionsfähigkeit. Die geschaffenen Freiräume müssen daher konstant nachjustiert werden. Da „Trial and Error“ im Gesundheitssystem nur bedingt möglich ist, hat der Gesetzgeber hier fachlich und politisch keine leichte Aufgabe vor sich.

MOB: Stichwort „Corona“: Inwieweit bekommen Sie als Anbieter im Healthcare-Bereich die derzeitige „Viruspanik“ zu spüren?
Knoche:
Das Wort „Panik“ setzt immer ein Stückweit die Bewertung der tatsächlichen Gefahrenlage voraus. Genau dies vermeiden wir bewusst, da wir hierzu fachlich als Software-Anbieter nicht geeignet sind. Wir versuchen die möglichen Auswirkungen zu evaluieren und unsere Kunden und deren Klienten vor diesen bestmöglich zu schützen. So haben wir in diesem Jahr unsere Teilnahme an der größten Leitmesse der Pflegebranche abgesagt. Unsere Kunden sind jeden Tag mit Risikopatienten in Kontakt und substantieller Bestandteil der Grundversorgung im Gesundheitssystem. Eine umfassende Quarantäne im Anschluss an eine derartige Großveranstaltung könnte die Versorgung gefährden.

Um die Pflegefachkräfte und die zu Pflegenden zu schützen, beschleunigen wir aktuell unsere Strategie, den Vertrieb und die Schulungsangebote für Kunden weiter zu digitalisieren. Durch das Einschränken von persönlichen Meetings und umfassenden Home-Office-Lösungen versuchen wir das Ansteckungsrisiko auch intern zu minimieren.

Ich denke, es zeigt sich, dass gerade die Digitalisierung im Pandemiefall ein wichtiger Bestandteil zur Risikominimierung sein kann. Gut ausgebaute digitale Versorgungsangebote können die akuten Beschränkungen und Gefahren einer lokal zentralisierten und persönlichen Betreuung teilweise kompensieren. Telemedizin kann beispielsweise das Ansteckungspotential im System verringern und dazu beitragen, lokale Lastspitzen im Gesundheitssystem zu kompensieren.

Bildquelle: Noventi Care

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