Deutscher Digitaler Rückstand (DDR)

KI-Strategie und Industriepolitik von gestern

Weder Startups noch Deep Learning - die jüngsten Initiativen des Bundes haben gefährliche Leerstellen. Den wahren Rückstand zeigt der neue Digital-Index 2019.

Deutschland digital

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Weiß das eigentlich die Bundesregierung? Deep Learning funktioniert. So kann jeder Interessierte auf der Website des Berliner Unternehmens EyeEm nachvollziehen, zu welchen Leistungen das Verfahren bei der Verschlagwortung von Fotografien in der Lage sind. Ein anderes Beispiel ist der Online-Übersetzer des Kölner Unternehmens DeepL, der ebenfalls mit neuronalen Netzen arbeitet. Er gilt sogar als dem Google Translator überlegen.

Diese beiden Unternehmen stehen für die Erfolge von Deep Learning und Künstlichen Neuronalen Netzen (KNN) in der aktuellen KI-Forschung und -Anwendung – in Deutschland. Sie mischen recht erfolgreich mit, auch wenn sie nicht die Finanzkraft der Google-Mutter Alphabet im Rücken haben. Da könnte man glauben, dass die Politik mit Begeisterung reagiert und solche Unternehmen als Pfund erkennt, mit dem es zu wuchern gilt.

KI-Strategie ohne Deep Learning, Industriepolitik ohne Startups

Eher nicht, wie der KI-Forscher Florian Gallwitz von der TH Nürnberg beim Lesen der KI-Strategie der Bundesregierung leicht entsetzt feststellt – Deep Learning? Fehlanzeige. „[Dort] taucht dieser Begriff aber auf 47 Seiten nicht ein einziges Mal auf. Künstliche neuronale Netze werden nur dreimal eher am Rande erwähnt. Wenn das der Kenntnisstand der Bundesregierung ist, haben wir wirklich ein Problem“, sagt er in einem Interview mit t-online.de.

Die KI-Definition der Bundesregierung in dem Strategiepapier ist eine Reminiszenz an die frühen Achtziger Jahre, als regel- und wissensbasierte Systeme der letzte Schrei waren. Die neue KI des 21. Jahrhunderts dagegen dreht sich um Deep Learning und KNN. Experte Jürgen Schmidhuber fordert deshalb in einem Gastbeitrag in der Zeit: „Will Deutschland Erfolg haben, darf es keine aus der Zeit gefallenen verkrusteten Strukturen bestärken. Gefördert werden sollten neue Organisationen und Institute, Startups und visionäre Moonshot-Projekte.“

Ein ähnliches Problem hat auch die „Nationale Industriestrategie 2030“. Sie ist trotz aller Lippenbekenntnisse zu Digitalisierung und KI traditionell ausgerichtet. So finden sich die Stichworte Startup, Digitalwirtschaft und Netzökonomie genau keinmal in dem Text. Auch Breitband, Glasfaser und FTTH gehören offensichtlich nicht zur aktuellen Industriepolitik. Sie stammt aus der „Gesternzeit“, urteilt der Wirtschaftspublizist Gunnar Sohn. Zusammen mit den Digitalexperten Silke Lehnhardt und Andreas Rebetzky zerlegt er in einer interessanten Diskussion das Papier aus dem Haus von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.

Zu wenige Fortschritte bei der Breitbandinfrastruktur

Dass es mit den digitalen Kompetenzen der Bundesregierung nicht weit her ist, glauben auch 63 Prozent der Deutschen. Und 56 Prozent vermuten, dass die Bundesregierung die Digitalisierung nicht ernsthaft vorantreibt. Diese im Vergleich mit anderen Regionen sehr ungewöhnlichen Daten hat das Vodafone Institute in einer weltweiten Studie ermittelt. Interessant dabei, dass die Skepsis gegenüber den Regierungen in Europa insgesamt eher hoch ist, während in den USA (59%) und Asien (75%) jeweils Mehrheiten an die Kompetenz ihrer Regierungen glauben.

Passend dazu hat heute das Kompetenzzentrum Öffentliche IT des Fraunhofer Instituts für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) in Berlin den „Deutschland-Index der Digitalisierung 2019“ vorgestellt und sind zu bedenklichen Ergebnissen gekommen – vor allem im Vergleich mit dem ersten Index von 2017. Ursprünglich war für Ende 2018 das Ziel „50 Megabit/s für jeden Haushalt“ ausgerufen worden. Deutschland könnte nicht weiter davon entfernt sein:  Beim derzeitigen Tempo dauert es bis mindestens 2025, das Ziel eines flächendeckenden Ausbaus zu erreichen.

Dabei ist die hier geforderte Bandbreite bereits von gestern, Gigabit-Glasfaser ist gefragt. Auch hier kommt Deutschland nicht voran, erst etwa fünf Prozent aller Haushalte sind damit versorgt. Ähnliches gilt für E-Government, das Angebot digitaler Dienste wächst nur langsam. Zwar strengen sich vor allem die Kommunen an, ihre Websites zu verbessern, doch am eigentlichen Problem der medienbruchfreien Online-Services geht das vorbei.

Deutschland ist und bleibt das Land des Papierformulars und der Unterschrift. Das passt zu den Erkenntnissen in Sachen KI-Strategie und Industriepolitik. Das Beharrungsvermögen in den politischen und gesellschaftlichen Institutionen ist enorm. Die Akteure setzen lieber auf bewährte Rezepte statt auf innovative Konzepte. Ob das starre Festhalten am Gestrigen wirklich hilfreich ist? Eine solche Einstellung wird wohl eher zum Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung und damit den gesellschaftlichen Wohlstand.

Bildquelle: Thinkstock

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