Lagerdigitalisierung

Kleine, digitale Welt

Die Welt wird immer kleiner und – paradoxerweise eben dadurch – gleichzeitig immer unübersichtlicher. Am deutlichsten sichtbar wird die enge Vernetzung globaler Ereignisse am Beispiel weltweiter Supply Chains.

Weltkugel mit Paketen

Insbesondere die Themen Warehouse-in-Shop oder die Frage der kurzfristigen Lieferung zum Kunden haben die digitale Verknüpfung von Lager- und Lieferprozessen in den Fokus gerückt.

Dramatische Meldungen aus Großbritannien erreichten in den letzten Augusttagen das Festland: Das Königreich hat mit Lieferengpässen zu kämpfen, die insbesondere auch den Lebensmittelsektor betreffen. Brexit, Fachkräftemangel und die Nachwehen der Corona-Krise schlugen dort mit voller Härte zu. Bekannten Fastfood-Ketten wie Nando’s, Mc Donald’s und KFC gingen die Rohstoffe aus; sie mussten etliche Gerichte aus dem Menü streichen – zum Unmut ihrer Kunden. Daneben steht auch generell die Forderung, mit natürlichen Ressourcen so sparsam wie eben möglich umzugehen. Die smarte Digitalisierung von Lägern kann an dieser Stelle Abhilfe schaffen.

Nun ist natürlich die Lagerung von frischen Lebensmitteln per se ein heikles Thema. Und auch die Kombination aus globaler Pandemiesituation und EU-Austritt kommt nicht alle Tage vor. Umso deutlicher machen derlei externe Schocks allerdings die Volatilität der Supply Chains. Die Erkenntnisse der sogenannten „VUCA-Welt“ zeigen, dass gerade die Lagerlogistik gut beraten ist, rasch auf externe Schocks reagieren zu können.

Verknüpfung von Lager- und Lieferprozessen

Wie sich vor allem die vergangenen anderthalb Jahre, in denen die Corona-Pandemie prävalentes Thema war, auf die Prozesse im Lager ausgewirkt haben, berichtet etwa Andreas Simon, Director SAP Consultancy bei der Swan GmbH: „Der zunehmende Online-Handel der letzten anderthalb Jahre hat den Trend zu E2E-Prozessen und die Thematik der dezentralen Fulfilment Center weiter bekräftigt. Insbesondere die Themen Warehouse-in-Shop oder die Frage der extrem kurzfristigen Lieferung zum Kunden direkt nach Hause haben die digitale Verknüpfung von Lager- und Lieferprozessen in den Fokus gerückt“, so der Experte. Dies spiele auch vor dem Hintergrund von Prognosemodellen zur Steuerung solcher extrem kurzfristigen Fulfilment-Prozesse eine Rolle.

Sysmat-Experte Rainer Schulz konnte in der Praxis beobachten, dass etliche seiner Kunden die Corona-Zeit für Modernisierungen genutzt haben. Der Service seines Unternehmens: Unterstützung remote oder auch vor Ort. „Erhebliche Stillstände oder Ausfälle gab es bei unseren Kunden jedoch nicht oder wir haben sie nicht bewusst wahrgenommen“, resümiert er.

Die Digitalisierung der Lagerhaltung bietet dabei die Möglichkeit, verschiedenste Ressourcen nicht nur schonend, sondern auch effizient einzusetzen. „Durch die systemtechnische Verknüpfung bislang isoliert ablaufender logistischer Prozesse können viele bisher kaum wertschöpfende Prozesse eliminiert und beschleunigt werden – bei gleichzeitig steigender Transparenz“, erklärt Andreas Simon. Dazu zählen für ihn Abläufe z.B. aus der Absatzplanung, der Lagerhaltung und dem Transport.

Zauberwort „Automatisierung“

Auch für Rainer Schulz ist das ein Thema von hoher Bedeutung. Für den Fachmann gewinnt die Automatisierung von Lagerprozessen weiter an Wichtigkeit, weil durch sie externen Effekten wie etwa dem um sich greifenden Fachkräftemangel entgegengewirkt werden kann. „In Prozessen, in denen es klare Regeln gibt, können Experten diese in Software-Systeme oder Systeme mit KI implementieren und so die Mitarbeiter entlasten. So unterstützt z.B. unser Service-KI-Modul den Bediener bei der Handhabung von Störungen über mehrere Systemebenen. Dies sorgt wiederum dafür, dass neue Mitarbeiter schneller angelernt werden können“, erklärt er. So sorge u.a. die Automatisierung dafür, dass viele unterschiedliche Artikel auf kleinstem Raum gelagert werden können, Mitarbeiter jedoch trotzdem immer direkten Zugriff auf alle Waren hätten. „Dies reduziert erhebliche Stapler- und Energiekosten für vielfaches Umstapeln in Blocklagern“, berichtet er aus der Praxis.

Ein Punkt, den auch Swan-Experte Andreas Simon aufgreift. Durch analytische Komponenten und Tools können die komplexen Prozesse und Daten auf ein für den Anwender verständliches Level heruntergebrochen werden, ist er überzeugt. „Die Darstellung von Zuständen der Anlagen über Visualisierungen, Dashboards und KPIs liefert den Mitarbeitern sowohl aktuelle Transparenz als auch Entscheidungshilfen z.B. für die weitere Einlastung von Aufgaben“, betont er.

Nicht zu vernachlässigen ist bei all diesen Überlegungen auch die Nachhaltigkeit, spielt sie doch gerade bei den Marktentscheidungen vor allem jüngerer Marktteilnehmer zunehmend eine Rolle. Zwar denkt man bei den großen Umweltsünden oft nicht an die Intralogistik, doch bietet diese, so Sysmat-Experte Rainer Schulz, großes Einsparpotenzial. In Kühllägern bestehe etwa erheblicher Energiebedarf. Zudem, so Schulz weiter, müsse sich auch bei Regalbediengeräten für Paletten etwas ändern, da sich dort große Massen in Bewegung befänden. „Meist wiegt ein Gerät mehr als zehn Tonnen und wird ständig beschleunigt und abgebremst.“ Moderne Regelungstechnik, sagt Schulz, sorge für eine erhebliche Senkung der Energiekosten. „Der ROI einer Modernisierung liegt zudem teilweise unter zwei Jahren.“

Die Zukunft ist intelligent

Bei all diesen Überlegungen dürfen natürlich die Nutzer, die einerseits von der neuen Technologie profitieren, andererseits diese aber auch problemlos handhaben können müssen, nicht außer Acht gelassen werden. Eine Thematik, die zunehmend in den Fokus der Software-Anbieter rückt. „Hierbei handelt es sich um ein ganz wichtiges Thema, denn die Unterstützung der User sollte das oberste Ziel der Systeme darstellen“, stellt Rainer Schulz klar. Oftmals, so führt er aus, lasse sich dieses Ziel jedoch auch bei neuen Systemen nicht erreichen, weil hier global verwendbare Standards implementiert werden. „Dies optimiert zwar die Einsetzbarkeit der Software und spart Programmierkosten, verfehlt aber den eigentlichen Zweck als unterstützendes Werkzeug“, warnt er.

Dass z.B. die Nutzer mit ihren individuellen Ansprüchen manchmal auch bei Software-Lösungen mit zahlreichen Funktionen nicht auf Anhieb ihr Ideal erreichen, zeigt sich etwa an der Extended-Warehouse-Management-Lösung SAP-EWM. Zwar bietet diese schon im Standard eine Vielzahl an Funktionen – manche Kunden haben jedoch noch speziellere Anforderungen. Ein Problem, dem Andreas Simon mit Swan entgegentritt – in solchen Fällen bietet das Unternehmen eigens entwickelte Add-ons. „Der Fokus der ‚spezielleren Anforderungen‘ liegt im Wesentlichen auf der Handhabbarkeit von User Interfaces und damit auch der Herstellung von Prozesssicherheit und -stabilität“, erklärt er zunächst das Ziel. Add-on-Anforderungen im Sinne zusätzlicher, nicht vom EWM-Standard abgedeckter Funktionen entstünden demnach meistens in den Randbereichen von Prozessen, die mit anderen Systemen (z.B. Transportplanung und -steuerung) verknüpft seien oder durch individuelle, kundenspezifische Anforderungen.

Fest steht, dass in vielen Industriezweigen die Prozess-automatisierung und weitere -digitalisierung zum Teil in rasanter Geschwindigkeit voranschreiten. Natürlich kann es sich die Lager- und Logistikbranche hier nicht leisten, den Anschluss zu verpassen. Als Bindeglied zwischen der Produktion und den Abnehmern ist sie vielmehr gezwungen, mit den Entwicklungen dieser Parteien zumindest Schritt zu halten. Kein Wunder also, dass auch hier schon mit Hochdruck am Einsatz modernster Technologie gearbeitet wird. Ein wichtiges Thema ist dabei für Rainer Schulz die Künstliche Intelligenz. „Bei KI sehe ich aktuell großes Potenzial. Wir setzen dies in einem regelbasierten Modul zur Unterstützung bei der Störungsbeseitigung bereits sehr erfolgreich ein und unsere Kunden sind davon begeistert“, freut er sich und berichtet aus der Praxis. Dadurch gestalte sich nicht nur die eigentliche Störungsbehebung in den Systemen einfacher und schneller, sondern viele Folgefehler durch nicht korrektes Beheben würden zudem vermieden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Besonderes Augenmerk legt Intralogistikexperte Simon auf die Robotik – insbesondere in Gestalt von autonomen mobilen Robotern. Sie, so ist er überzeugt, werden die Automatisierung und dadurch die Digitalisierung im Lager weiter vorantreiben. „Durch diesen Trend wird Augmented Reality (AR) ihren Platz im Bereich der Lagerprozesse finden, eine maßgebende Rolle in Lagerprozessen erwarten wir für AR jedoch nicht“, prognostiziert er zudem. Digital Twins seien hingegen in gewissem Sinne bereits heute bei Lagerautomatisierungsprojekten im Zuge von Simulationen ein elementarer Bestandteil, können aber durch den Trend, Produktionsschritte mit Lagerprozessen zu verknüpfen, weiter verstärkt werden, ergänzt er. Desweiteren, so Simon, werden intelligente Analyse-Tools verstärkt zum Einsatz kommen: „Der Output, in KPIs und Dashboards verpackt, hilft, realistische und passgenaue, optimierte Entscheidungen zu treffen.“

Bildquelle: Getty Images

©2026Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok