Aufruhr in der Berliner Startup-Szene

Klitschen, Pennäler und Erfolg für immer

Tüftler wie Andreas Glas mit seinem Goggomobil bestimmten das Wirtschaftswunder. Viele heutige Gründer haben denselben Mut zum Ungewöhnlichen – auch wenn sie scheitern können.

Relikt des Wirtschaftswunders: Ein Goggomobil Coupé

Ob die WiWo-Wars auf Twitter wohl in die Geschichte der deutschen Gründerszene eingehen werden? Alles begann mit einer Story der Wirtschaftswoche, die von einigen Investoren und Gründern als Kriegerklärung verstanden wurde. Zum Gegenangriff gingen erst ein paar 140-Zeichen-Granaten hoch, dann kam die Materialschlacht in den Blogs.

Der Auslöser der ganzen Unruhe: Ein Artikel von Michael Kroker über das Ende der Party in Berlins Startup-Szene. Es geht darin um die richtige Beobachtung, dass nicht jede Idee funktioniert, nicht jedes Startup ein belastbares Geschäftsmodell hat und die Menge des Risikokapitals in Berlin nicht für alle reicht.

Lustig ist die ordentliche Prise klassischen Magazinjournalismus der 1980er Jahre, mit der Kroker seinen Text gewürzt hat - ein verkleinertes Unternehmen wird da zur "Klitsche" und ein Jungunternehmer erscheint dank Gymnastikball wie ein "braver Pennäler ". Das bringt natürlich mehr Pep in die Sache, ungefähr so wie die Beschreibung im ersten Absatz.

Leider wird so etwas von Nicht-Journalisten häufig falsch verstanden. Was in Berlin für Wirbel gesorgt hat, ist der Eindruck, die Wirtschaftswoche befördere ein schlechtes Image für Startups und schädige die ohnehin nicht besonders stark ausgeprägte Gründerkultur in Deutschland.

Ist das so? Kroker und sein Kollege Jens Tönnesmann kontern wortreich und mit Statistik: Nein, die WiWo berichtet über Tech-Startups ebenso intensiv wie über Traditionsbranchen. Stimmt, mediale Vernachlässigung ist sicher nicht das Problem der Startups von Berlin.

Randexistenz Unternehmer

Trotzdem war die Reaktion einiger Gründer und Investoren auf den kritischen Artikel empfindlich, herkömmliche Wirtschaftsmedien verstünden eben die Startupszene nicht. Das wirkt nicht unbedingt souverän, ist aber verständlich angesichts eines alten Problems der deutschen Gesellschaft: Wir lieben schon die Erfolgreichen nicht, aber die Gescheiterten verfolgen wir mit nachtragender Feindschaft.

Eine Haltung zum Scheitern, die man mit dem plakativen Kürzel "Aufstehen, Staub abklopfen, weitermachen" umschreiben könnte, ist hierzulande selten. Stattdessen werden Gründer von Anfang an kritisch beäugt. Öffentliche Verwaltungen und Traditionsbanken legen ihnen eher Steine in den Weg, als ihnen zu helfen. Gefördert und unterstützt werden oft nur Me-Too-Konzepte – da ist ja bekannt, dass sie schon mal funktioniert haben.

Das wirkt sich auch auf den Nachwuchs aus. Bei zahlreichen Universitätsabsolventen führt allein der Gedanke, dass eine Geschäftsidee nicht notwendigerweise Erfolg hat, zu Panik und unterdrückt jeden Gründergeist. Die meisten fangen dann an, intensiv die Stellenanzeigen für das mittlere Management der großen Konzerne zu studieren – sicher ist sicher.

Kurz: Der Unternehmer ist eine Randexistenz, dessen sozialer Status irgendwo zwischen Mafiosi und Hallodri angesiedelt ist. (Und klar, Unternehmer sind immer Ausbeuter, die sich richtig doll bereichern wollen. Wer was anderes sagt, ist neoliberal.)

So gesehen ist das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre gleich ein doppeltes Wunder. Doch damals waren die Gesellschaft, das Rechtssystem und nicht zuletzt das Denken der Menschen einfach noch nicht so fest einbetoniert wie heute.

Es gab ausreichend Freiräume für "Spinner" und Überzeugungstäter wie Andreas Glas. Der hat 1955 einfach mal ein kleines Zweitakter-Auto mit dem schrillen Namen Goggomobil gebaut. Es war tatsächlich ein Erfolg, wenn auch nicht für immer.

Bildquelle: Rudolpho Duba / pixelio.de

Relikt des Wirtschaftswunders: Ein Goggomobil Coupé

Links:

  • Den Anstoß gab dieser Artikel von Michael Kroker.
  • Erst ging es auf Twitter hoch her,
  • dann reagierten ein Investor und ein Gründer.
  • Ein Redakteur fackelte nicht lang und schrieb den Artikel um.
  • Schließlich antwortete Michael Kroker den Kritikern seiner Kritik,
  • sekundiert von Gründer-Reporter Jens Tönnesmann.

 

 

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