Kassengesetz 2020

Knockout beim Steuerbetrug

Seit Jahresbeginn müssen elektronische Aufzeichnungssysteme über eine zertifizierte technische Sicherheitseinrichtung verfügen, um Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen vorzubeugen. Darüber hinaus wurde die Belegausgabepflicht eingeführt, die viele Händler – auch mit Blick auf den Klimaschutz – für irrsinnig halten. Wird das „Kassengesetz 2020“ dem Steuerbetrug wirklich einen Riegel vorschieben?

Mann im Anzug trägt Boxhandschuhe

Steuerbetrügern den Kampf ansagen – das ist die Haupintention des neuen Kassengesetzes. Doch ist es auch das probate Mittel?

Beim Verkauf von Waren und Dienstleistungen kommen im Zuge der Digitalisierung in der Regel elektronische Kassen- oder Aufzeichnungssysteme (Registrierkassen) zum Einsatz. Ohne entsprechende Schutzmaßnahmen sind nachträgliche Manipulationen an den Aufzeichnungen der Kassen nur mit sehr hohem Aufwand feststellbar. Die neue, seit dem 1. Januar 2020 geltende Kassensicherungsverordnung, kurz KassenSichV, hat laut dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) daher zum Ziel, Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen weiter zu erschweren. Der zentrale technische Baustein zur Umsetzung des Gesetzesentwurfs sei hierbei die Einführung einer zertifizierten technischen Sicherheitseinrichtung (TSE). „Die Vorgaben des BSI ermöglichen eine flexible Umsetzung durch die Hersteller und treiben hier die Technologieentwicklung entscheidend voran“, betont BSI-Präsident Arne Schönbohm. Dies sorge für einen echten Sicherheitsgewinn.

Sieht der deutsche Handel das genauso? Wie hat er das „Kassengesetz 2020“ aufgenommen? Markus Bernhart von Ready2order geht davon aus, dass es die allermeisten Unternehmen begrüßen, wenn gegen Steuerbetrug und Missbrauch stärker vorgegangen wird. „Dennoch war das Echo in den Medien eher negativ. Vielleicht sehen sich viele Händler unter Generalverdacht gestellt“, vermutet der Geschäftsführer des Kassensystemanbieters.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 

Stefan Kutz, Partner-Manager von Orderbird, weist an dieser Stelle darauf hin, dass bereits seit 2010 immer wieder neue Regeln in Etappen eingeführt wurden. Diese schrittweise Umsetzung sollte die Händler unterstützen. Sie konnten sich so den neuen Auflagen stellen, ihre Prozesse verbessern und sich kostensensitiv auf die Anforderungen vorbereiten, so der Experte. Seiner Ansicht nach arbeiten die meisten Händler heute sowieso schon finanzamtkonform nach der GoBD, „sodass die Umstellung auf die TSE als ein Upgrade zu bezeichnen ist“. Die Mehrheit der Händler dürfte bereits ein Basiswissen zum neuen Kassengesetz haben.

Viele offene Fragen

Bei der Umsetzung der neuen Verordnungen hat der Handel aber noch viele offene Fragen – das betrifft sowohl den Punkt einer möglichen Umrüstbarkeit der bestehenden Kassenlösungen als auch den dazu nötigen Zeit- und Kostenaufwand. „Die Verantwortung, diese neuen Regularien umzusetzen, liegt vorrangig bei den Herstellern von Kassensystemen“, bemerkt Steven Lüttig, Senior Product Manager POS bei der Sumup Services GmbH. Händler sind damit quasi auf die Auskünfte ihrer Anbieter angewiesen und müssen entsprechend tätig werden, sofern ihre bestehenden Systeme nicht anpassbar sind. Vor allem Händler, die bis heute auf den Einsatz eines modernen Kassensystems verzichtet haben, stehen nun unter Druck zu handeln und Abhilfe zu schaffen. „Wer sich bereits im Zuge der Einführung der GoBD mit einem cloud-basierten Kassensystem ausgestattet hat, wird heute die geringsten Berührungspunkte mit den neuen Verordnungen haben“, so Lüttig, der damit der vorherigen Einschätzung von Stefan Kutz zustimmt. Jene Händler könnten ohne größere Probleme und Kosten eine Umrüstung bzw. ein Update bei ihren Kassenherstellern in Auftrag geben.

Gleiches bestätigt Steffen Schwenk von Concept International: „Händler, die netzwerkfähige Kassensysteme nutzen, können ihre Kassen relativ einfach fit für das neue Kassengesetz machen, indem sie ein TSE-Modul mittels USB oder SD-Kartensteckplatz an einem ihrer Netzwerkgeräte nachrüsten, etwa am Server oder Drucker.“ Bei Kassen mit Anbindung an einen cloud-basierten Server sollte die TSE beim Cloud-Anbieter mithilfe eines zertifizierten Drittanbieters, beispielsweise „Deutsche Fiskal“ oder „Fiskaly“, realisiert werden. Eine dritte Möglichkeit bestehe darin, ein TSE-Modul direkt in die Kasse zu integrieren. Aus Gründen der Sicherheit seien aber die Netzwerk- und Cloud-Variante die besseren Optionen – so könne auch ein Diebstahl der TSE praktisch ausgeschlossen werden, meint der Business Development Manager.

Es gibt allerdings auch zahlreiche Händler, die sich in der Vergangenheit für ein Kassensystem quasi „auf die Schnelle“ entschieden haben und durch die Einführung des Kassengesetzes 2020 nun eine komplett neue Lösung anschaffen müssen. Denn „nicht alle Kassensysteme können nach den neuen Regelungen technisch nachgerüstet werden“, betont Stefan Kutz. Dabei handle es sich zumeist um Kassen, die eher ältere technische Lösungen nutzen, die schon 2017 für die Regeln der GoBD nachträglich aufgerüstet werden mussten. Der Gesetzgeber habe aber nun eine weitere Frist eingeräumt: Kassensysteme, die vor dem 1. Januar 2017 angeschafft wurden, den Regelungen der GoBD entsprechen und technisch nicht umrüstbar sind, dürfen wohl noch bis Ende 2022 eingesetzt werden.

Wer auf der Suche nach einer neuen Kassenlösung ist, sollte bedenken, dass der deutsche Markt hier ex-trem fragmentiert ist, warnt Markus Bernhart. „Es ist im Prinzip niemandem bekannt, wie viele unterschiedliche Anbieter und Systeme es eigentlich gibt.“ Händler hätten keine Möglichkeit, sich einen objektiven Überblick über alle Kassenlösungen zu verschaffen, was den Informationsprozess erschwere. Worauf sollte demnach bei der Auswahl eines entsprechenden Anbieters und Kassensystems geachtet werden? In jedem Fall muss das Kassensystem hardware-seitig zum Anwender passen. Eine Metzgerei kann beispielsweise wenig mit Tablet-Kassen anfangen und benötigt hingegen eine in die Kasse integrierte Waage. Für Gastronomen wiederum ist ein ultraportabler Formfaktor mit gleichzeitig hoher Robustheit hinsichtlich möglicher Stürze oder Berührungen mit Wasser wichtig. Schlanke Tablet- und Smartphone-Lösungen bedeuten hier eine deutliche Platzersparnis im Vergleich zu wuchtigen Kassenterminals. „Hinzu kommen Hardware-Specs wie ein hochauflösender, kapazitiver und gleichzeitig robuster Bildschirm“, so Steffen Schwenk. Performant sollten die Systeme natürlich auch sein. Nichts sei ärgerlicher als ein System, das nur träge bedient werden könne oder gar hängen bleibe.

Hier ist es nicht verkehrt, einen Blick auf die Referenzen des Anbieters zu werfen. So lassen sich laut Markus Bernhart schnell unseriöse Anbieter ausschließen. Und auch wenn es verlockend sein könne, Kosten einzusparen, sollte man sich gut überlegen, ob man einem kostenlosen System seine Kassendaten anvertrauen möchte. Stefan Kutz empfiehlt Unternehmen daher, entsprechende Systeme nur von größeren Anbietern zu erwerben. „Unserer Erfahrung nach werden neue gesetzliche Vorgaben schneller und effizienter von solchen Herstellern umgesetzt.“

Android, Windows oder iOS?

Mit Blick auf die Software haben laut Steffen Schwenk von Concept inzwischen android-basierte Kassensoftware-Systeme „klar die Nase vorn“. Traditionelle Windows-Systeme seien überteuert und würden nicht so flüssig arbeiten, wie man es vom Smartphone her kenne. Android sei sehr erwachsen geworden und habe sich als business-taugliche Alternative zu Windows bewährt. Einen weiteren Vorteil sieht der Experte bei den Kosten: Für mobile und stationäre Kassensysteme mit Android-Betriebssystem würden sich diese auf etwa die Hälfte des Preises von windows-basierten Kassen – oder auch iPad-Kassen – belaufen. Letztere würden zwar vielerorts als mobile Kassen eingesetzt, doch seien iPads eigentlich gar nicht für den Einsatz als Kasse konzipiert – sie seien nicht nur teuer, sondern auch nicht sturzfest und würden die Hintergrundbeleuchtung reduzieren, wenn sie zu lange direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt sind. Darüber hinaus sei bei iPad-Kassen nur die Form eines Tablets möglich – ganz im Gegensatz zu mobilen Android-Kassen, welche es in vielen verschiedenen Formfaktoren und Größen gebe.


Stefan Kutz ist hingegen von iPad-Kassen sichtlich überzeugt, seien diese doch in den letzten zehn Jahren „die technologische Revolution im Kassenmarkt“. „Das sehen wir nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und dem Rest der Welt“, so der Orderbird-Experte. „Bei unserem tablet-basierten Kassensystem setzen wir auf iOS und somit auf die Technologie von Apple, die mit ihrem System zwar restriktiv, aber eben auch intuitiver in der Anwendung sind. Es ist ein sehr sicheres System, wodurch es sich für ein Kassensystem gut nutzen lässt“, kommentiert er.

Neben der technischen Sicherheitseinrichtung umfasst die neue KassenSichV übrigens auch eine Kassenmeldepflicht sowie Belegausgabepflicht. Letztere verpflichtet Händler dazu, ihren Kunden in jedem Fall einen Beleg zur Verfügung zu stellen – unabhängig davon, ob diese überhaupt einen Bon möchten.

Die Belegausgabepflicht ist dabei technologie-neutral ausgestaltet, d.h. die Quittung gibt es klassisch auf Papier, per E-Mail oder direkt aufs Smartphone. Gerade in den vergangenen Wochen kochte das Thema „Bonpflicht“ besonders hoch. „Natürlich ist es für alle Beteiligten schwer nachzuvollziehen, dass in der heutigen Zeit ein Gesetz erlassen wird, das die Umwelt eher be- als entlastet“, erklärt Markus Bernhart den Grund für den Unmut. Hier habe der Gesetzgeber seiner Meinung nach im Vorfeld des Inkrafttretens der KassenSichV versäumt, ausreichend aufzuklären, die Belastungsgrenze für die Händler zu untersuchen und geeignete Verfahren für den Umgang mit Kleinstbeträgen zu erarbeiten. Sein Unternehmen plädiert für eine Ausnahme in der Belegausgabepflicht für Beträge unter fünf Euro.

Mit digitalem Kassenbon gegen das Papierchaos

Steffen Schwenk gibt an dieser Stelle etwas Entwarnung: Es gebe bereits viele verschiedene Ansätze, das Papierchaos zu begrenzen oder gar zu beseitigen. Da Umweltfaktoren in der heutigen Zeit nicht nur für Händler, sondern auch für deren Kunden immer wichtiger werden, gehe die Tendenz auf jeden Fall zu digitalen Lösungen. „Wir haben vor kurzem erst eine schöne Lösung in einer Bäckerei realisiert. Dort wird dem Kunden angeboten, alternativ den Kassenzettel einfach über einen QR-Code auf dem Handy abzurufen und per E-Mail zu senden“, so der Business Development Manager von Concept. Wenn der Bon nicht abgerufen werde, drucke das System diesen aus, um der Belegausgabepflicht zu entsprechen.


Neben der Papiereinsparung sieht Markus Bernhart ebenso einen Pluspunkt darin, dass in aller Regel digitale Bons beim Käufer an einem zentralen Ort gespeichert und somit jederzeit wieder abrufbar sind. Die Lebenszeit von Thermopapier, das übrigens nicht im Altpapier entsorgt werden darf, ist bekanntlich deutlich begrenzt, weil es gerne ausbleicht. Nicht zuletzt koste die Bereitstellung von Thermopapier viel Geld und damit spreche auch der Kostenfaktor für den digitalen Kassenbon, ergänzt Steven Lüttig.

Ein sicherer Missbrauchskiller?

Mit der Gesetzesverschärfung sagen die Finanzämter der Steuerhinterziehung zwar den Kampf an, doch kann die KassenSichV – und damit auch die Bonpflicht – Umsatz- und Steuermanipulationen wirklich eindämmen? „Das neue Kassengesetz wird dem Steuerbetrug keinen vollständigen Riegel vorschieben können“, meint Lüttig. Denn der Einsatz der TSE in Deutschland sei (noch) recht inkonsequent, da eine Nichtverfügbarkeit lediglich dokumentiert werden müsse. Außerdem seien der Einsatz von offenen Ladenkassen sowie die Befreiung von der Belegpflicht möglich. Auch Kutz ist der Ansicht, dass es wohl gewisse Lücken geben werde. Er hofft für die Zukunft auf weniger Ausnahmen von klar definierten Regelungen, die letztlich den Wettbewerb verzerren und dadurch zu Benachteiligungen führen würden. Steffen Schwenk wiederum sieht im TSE-Modul einen „sicheren Missbrauchskiller“, ist dafür bei der Bonpflicht skeptisch. Die hätte man sich seiner Ansicht nach sparen können bzw. hätte zuerst die Wirkung der TSE-Einführung abwarten können. Schlussendlich sollten sich Unternehmen durch das Kassengesetz 2020 aber nicht angegriffen fühlen, sondern es als Chance sehen, um den Sprung in die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse zu wagen, meint Ready2order-Chef Bernhart abschließend. Denn wer den Digitalisierungszug versäume, werde über kurz oder lang auf der Strecke bleiben.

Bildquelle: Getty Images/iStock

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