Der KI-Psychiater kommt

Kognitive Verhaltenstherapie mit künstlicher Intelligenz

Neuronetz-basierte Chatbots sollen in Zukunft nicht nur Kundenanfragen beantworten, sondern auch psychische Probleme diagnostizieren und therapieren.

Roboterarzt mit weißem Kittel

Der Robodoc kommt, auch zur Psychotherapie

In den Kurzgeschichten von Philip K. Dick findet sich an einigen Stellen die Figur des Kofferpsychiaters. Das ist eine künstliche Intelligenz, tragbar wie ein Aktenkoffer. Bei Gesprächsbedarf wird er einfach aufgeklappt und die Therapie geht weiter. Dick hatte offensichtlich etwas gegen Psychiater, denn die Gespräche mit dem tragbaren Therapeuten sind zumeist Kommunikationsdesaster - so wie auch mit den redseligen Türen und Taxis in seinem SciFi-Universum.

Ein Chatbot als therapeutischer Gesprächspartner

Die ganze Realität konnte Philipp K. Dick nicht vorhersehen: Der Psychiater findet sich heute nicht im Koffer, sondern auf Facebook. Er ist ein Chatbot, der niedergeschlagenen Menschen bei Depressionen und Angstzuständen helfen soll. Dazu nutzt er bestimmte Techniken aus der kognitiven Verhaltenstherapie: Er will den Menschen bestimmte (negative) Gedanken bewusst machen, sie zur Prüfung ihrer Angemessenheit anregen und sie dadurch zur Korrektur dieser Einstellungen bringen.

Der Chatbot fragt nach der aktuellen Stimmung und der derzeitigen Aktivität. Wenn der Chatbot eine eher negative Stimmung bei seinem Gesprächspartner feststellt, regt er zum positiven Denken an oder fordert dazu auf, sich Gedanken über Änderungen am eigenen Leben zu machen. Etwa einmal am Tag nimmt der Chatbot via Facebook Kontakt auf und fragt erneut nach. Dadurch entsteht ein Gefühlsbarometer, an dem der Chatbot erkennt, ob aufmunternde Worte ausreichen oder ob er den menschlichen Gesprächspartner dazu auffordern soll, sich Hilfe zu suchen - bei einem richtigen Psychiater.

Immerhin, der Chatbot erkennt seine eigenen Grenzen, ganz im Gegensatz zum Kofferpsychiater aus den Dick-Kurzgeschichten. Denn begrenzt sind die Möglichkeiten von KI-Verfahren im Rahmen einer Therapie. Zwar ist es inzwischen gut möglich, mit Sprachanalyseprogrammen die Stimmung einer Person anhand ihrer Äußerungen zu erkennen, doch ein echtes Verständnis und damit eine echte Hilfe können KI-Apps nicht geben. Trotzdem gilt „Thera-KI“ als wichtiges Element im digitalen Gesundheitsmarkt der Zukunft.

Apps für kognitive Verhaltenstherapie

So haben sich viele Startups gegründet, die sogenannte „Mental-Health-Apps“ anbieten. Die meisten davon verwirklichen eher einen Coaching-Ansatz, hinter dem keine KI-Verfahren stecken. So bietet Lantern personalisierte Coaching-Programme, die auf Ängste, Essstörungen und depressive Verstimmungen eingehen. Sleepio erzeugt aus einer Analyse von Schlafproblemen ein individuelles Coaching-Programm, um die Schlafqualität zu verbessern.

Auf Künstliche Intelligenz setzt zum Beispiel das Startup X2AI mit seinem „Mental Health Chatbot“ Tess. Der Chatbot ist via Telefon, SMS, Facebook Messenger und über das Web erreichbar. Ähnlich wie Woebot bietet Tess Aufmunterung und Unterstützung bei schlechten Gefühlen. NeuroLex Ist ein diagnostisches Tool, dass die Arbeit eines Psychotherapeuten unterstützen kann: Mit Hilfe von KI-gestützter Sprachanalyse können psychische Probleme diagnostiziert und durch wiederholte Auswertungen in ihrer Entwicklung verfolgt werden.

Einige interessante Diagnose-Verfahren sind von Wissenschaftlern entwickelt worden. Forscher der Universität von Michigan haben eine App für die Stimmanalyse entwickelt. Sie soll Personen mit einer bipolaren Störung helfen, da sie frühzeitig Stimmungsschwankungen erkennen kann. Ein Forschungsprojekt der Harvard University und der University of Vermont hat knapp 44.000 Instagram-Bilder mit Machine Learning auf Anzeichen von Depressionen analysiert. Ein fertig trainiertes Modell konnte anschließend Depressionen anhand anderer Instagram-Fotos mit höherer Genauigkeit erkennen als Psychologen.

KI als (ver)stärkender Sparringspartner

Der größte Vorteil von therapeutisch orientierten KI-Anwendungen ist die zeit- und ortsunabhängige Beratung zu geringen Kosten, die zudem durch eine gewisse Anonymität Stigmatisierung verhindert - viele Leute finden es leichter, einem Bot „komische Gedanken“ zu erzählen. Ein weiterer Vorteil sind die kurzen Wartezeiten, ganz im Gegensatz zu Psychotherapeuten. So gibt es in allen westlichen Ländern nicht genug niedergelassene Therapeuten.

Im Moment sind allerdings die KI-Verfahren für Therapie-Bots noch nicht weit genug entwickelt. Zwar gibt es bereits erste Erkenntnisse, die den KI-Psychiatern eine Wirkung bescheinigen, doch die Dialoge wirken zum Teil recht stark schematisiert. So scheitert die Analyse natürlicher Sprache häufig an elliptischen Äußerungen, Soziolekten und Ironie. Je individueller der Ausdruck, desto schwerer haben es die Neuronetze. Um sie nicht zu verwirren, ist eine klare, vereinfachte Kommunikation von Seiten der Menschen aus notwendig.

Wer sich jedoch darauf einlässt, kann die Apps und Bots als Sparringspartner einsetzen, um Verhaltensveränderungen durch regelmäßige Aufmunterung zu verstärken - die Minimalversion der kognitiven Verhaltenstherapie. Verbesserungen vorausgesetzt, könnten sich Chatbots auf mittlere Sicht in anderen Bereichen etablieren, etwa als Erstkontakt bei der Diagnose. Sie haben das Potenzial, als Online-Anlaufstelle zwischen eher harmlosen und schwerwiegenden Fällen zu unterscheiden und die Hilfesuchenden jeweils an einen Online-Coach oder einen niedergelassenen Therapeuten zu verweisen.

Bildquelle: Thinkstock

 

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