Gesundheitsgefährdende Stoffe

Konfliktmaterialien in der IKT-Produktion

Im Interview berichtet Annelie Evermann, Referentin für nachhaltige Produktion und öffentliche Beschaffung bei WEED – World Economy, Ecology & Development e.V., über die Arbeitsbedingungen der IKT-Industrie in Asien, den Umgang mit sogenannten Konfliktmaterialien in der Produktion sowie den hierzu in den USA verabschiedeten „Dodd-Frank Act“.

Annelie Evermann, WEED

Annelie Evermann, Referentin für nachhaltige Produktion und öffentliche Beschaffung bei WEED – World Economy, Ecology & Development e.V.

Frau Evermann, wie gestalten sich die Arbeitsbedingungen – beispielsweise hinsichtlich Arbeitszeit, Entlohnung sowie Arbeitsschutz – in den Produktionsstätten der PC-, Smartphone- und Tablet-Herstellern bzw. bei deren Auftragsfertigern und Zulieferern?
Annelie Evermann:
Die Arbeitsbedingungen in der IKT-Industrie (Informations- und Kommunikationstechnologie) sind geprägt von hoher Jobunsicherheit, niedrigen Löhnen unterhalb des Existenzminimums, extensiven Arbeitszeiten sowie dem Zwang zu Überstunden, von Diskriminierung von Wanderarbeitern und einem höchst gewerkschaftsfeindlichen Verhalten vieler Unternehmen. Zudem sind die Arbeitsschutzmaßnahmen oft unzureichend, obwohl die Arbeiter in der Produktion mit hochgiftigen Stoffen in Kontakt kommen.

Inwiefern haben sich nach dem Selbstmord-Skandal bei Foxconn vor fünf Jahren die Produktionsbedingungen verbessert?
Evermann:
Die Arbeitsbedingungen haben sich weder bei Foxconn noch bei anderen Kontraktfertigern strukturell verbessert. Trotz der Zusammenarbeit mit der Fair Labor Association (FLA) in drei Foxconn-Fabriken in China sind nur Einzelmaßnahmen erfolgt.

Welche krassen Missstände findet man immer noch vor?
Evermann:
In den Foxconn-Fabriken sind – ebenso wie bei den anderen IKT-Kontraktfertigern – strukturelle Punkte wie die exzessiven Überstunden und der massive Arbeitsdruck unverändert. Chinesische NGOs weisen entsprechend auch eine traurige Kontinuität von Selbstmorden in Foxconn-Fabriken auch nach 2010 nach.

Inwieweit fallen hier Unterschiede hinsichtlich der Produktionsstandorte ins Gewicht?
Evermann:
Auch wenn es vereinzelt regionale Unterschiede gibt, ähneln sich die oben genannten Missstände in den meisten Produktionsstandorten. Die strukturelle Ursache ist einfach erklärt: Die IKT-Unternehmen haben sich für eine größtmögliche Auslagerung der Produktion in Niedriglohnländer entschieden, in denen die Rechte der Arbeiter und die Umwelt keinen hohen Stellenwert haben. Dass die Markenunternehmen den Preis drücken und absolute Flexibilität von ihren Zulieferern und Sublieferanten fordern, ist strukturell mitursächlich für Leiharbeiterschaft, hohen Arbeitsdruck und Löhne unter dem Existenzminimum.

Stichwort „verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen“: Inwieweit ist die Transparenz über die Herkunft von in Smartphones und Tablets genutzten Rohstoffen gegeben?
Evermann:
Bezogen auf die in Smartphones, Tablets und weiteren IKT-Produkten verwendeten Konfliktmineralien Zinn, Tantal (aus dem Erz Coltan), Wolfram und Gold wurde in den USA der „Dodd-Frank Act“ verabschiedet, nach der alle an einer US-Börse gelisteten Unternehmen die Herkunft bestimmter Konfliktrohstoffe nachweisen und darüber öffentlich Rechenschaft ablegen müssen. Dies hat mehrere Initiativen wie z.B. das Conflict-Free Smelter Program und Solutions for Hope hervorgebracht, die mit Pilotprojekten mehr Transparenz schaffen. Die EU-Kommission hat in Europa einen entsprechenden Verordnungsentwurf eingebracht, bei dem jedoch verbindliche Vorgaben fehlen und der nur die direkten Importeure adressiert.

Inwieweit finden gesundheitsgefährdende Stoffe Eingang in die Produktion von Smartphones und Tablets?
Evermann:
Gesundheitsgefährdende Stoffe wie beispielsweise Benzen oder N-Hexan werden in der Produktion von Smartphones und Tablets verwendet, ohne die Arbeiter hinreichend zu informieren und zu schützen. NGOs berichten von Hunderten von Fällen, in denen Arbeiter in China, Südkorea, Indonesien, den Philippinen, Thailand und weiteren Produktionsstandorten an Krebs und anderen Krankheiten erkrankt sind.

So hat Supporters for Health and Rights of People in the Semiconductor Industry (Sharps) 193 Fälle von Erkrankungen und davon 73 Todesfälle von Arbeiter in Fabriken in Südkorea dokumentiert. Aktuell hat WEED zusammen mit anderen Organisationen und Expert des Good-Electronics-Netzwerks die IT-Unternehmen aufgefordert, sich dieser Gefahren anzunehmen, erkrankte Arbeiter angemessen zu entschädigen und vorbeugende Maßnahmen zu treffen. Der auf Youtube gezeigte Film “Who Pays the Price? The Human Cost of Electronics” zeigt die Probleme auf.

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