Sven-Anwar Bibi: „Deutschland zählt lediglich zu der Gruppe der mäßig fortgeschrittenen Länder und rangiert damit auf den hinteren Plätzen.“
MOB: Herr Bibi, die Corona-Pandemie hat in vielen Bereichen großen Nachholbedarf in Sachen „Digitalisierung“ zutage gefördert – auch und vor allem im Gesundheitswesen. Inwiefern ist die Gesundheitsbranche in Rückstand geraten? An welchen Stellen besteht erhöhter Handlungsbedarf?
Sven-Anwar Bibi: Laut einer Studie der Expertenkommission Forschung und Innovation des Fraunhofer Instituts aus dem Februar 2022 verschlechtert sich die Position Deutschlands in internationalen Rankings in Bezug auf Digitalisierung im Gesundheitswesen und E-Health zunehmend. Deutschland zählt lediglich zu der Gruppe der mäßig fortgeschrittenen Länder und rangiert damit auf den hinteren Plätzen.
Eine Ursache für diese Entwicklung ist, dass die wesentlichen Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung, wie z.B. der Aufbau einer zuverlässigen digitalen Infrastruktur, nicht ausreichend verfolgt wurden. Auf diese unvorbereitete Umgebung traf dann die Corona-Pandemie. Diese legte noch einmal mit aller Deutlichkeit die Schwachstellen in der digitalen Kommunikation des Gesundheitswesens offen. Krankenhäuser, Gesundheitsämter, Krankenkassen und Praxen mussten immense Ressourcen investieren, damit die Versorgung der Corona-Patienten und der Regelbetrieb einigermaßen gewährleistet werden konnten.
Um künftigen Herausforderungen gerecht zu werden, muss ein Ökosystem aus Unternehmen und Organisationen in der Gesundheitsbranche geschaffen werden, das eine vernetzte Auswahl an Lösungen und Dienstleistungen anbietet. Voraussetzung dafür ist die Entwicklung und der Ausbau einer stabilen und zuverlässigen digitalen Infrastruktur sowie die digitale Befähigung aller Beteiligungsgruppen – Stichwort „Digital Literacy“. Zudem muss allen Akteuren klar werden, dass durch übergreifende, cross-fakultative Kooperationen innerhalb des Gesundheitssystems eigene Ziele und Interessen nicht in Gefahr sind, sondern primär Vorteile für alle – Patienten, Unternehmen und Organisationen – entstehen. Baut man dazu noch bürokratische Hürden ab und schafft klare Verantwortlichkeiten bei Themen wie Datenschutz und Datensicherheit, sind wir auf einem guten Weg.
MOB: Welche Schritte sind nun auf dem Weg hin zu einem breiter gefächerten Ökosystem und einer wirksamen Digitalstrategie zu gehen und welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden?
Bibi: In den vergangenen Jahren war für jeden spürbar, dass unsere Welt durch technologische Innovationen immer komplexer und herausfordernder wird. Ein Unternehmen allein kann den momentanen Anforderungen nur bedingt gerecht werden. Daher müssen wir den Übergang von isolierten Produkten und Dienstleistungen hin zu strategisch vernetzten Lösungen schaffen, um eine ausgereifte und kooperative Gesundheitslandschaft zu gewährleisten. Um dies zu erreichen, müssen sich Unternehmen und Organisationen öffnen. Daten müssen in einem gemeinsamen sicheren Netzwerk für alle Teilhaber verfügbar gemacht werden und Partnerschaften ausgebaut bzw. eingegangen werden. Außerdem gilt es, digitale Kompetenzen in den Gesundheitsberufen und -einrichtungen aufzubauen und zu erweitern.
Aber auch die Regierung muss ihren Teil dazu leisten, die richtigen Voraussetzungen für Ökosysteme zu schaffen. Wir brauchen in Deutschland eine gesamtheitliche E-Health-Strategie, die eine Zusammenarbeit über das gesamte Gesundheitssystem hinweg gewährleistet. Zudem muss in der Bevölkerung eine noch breitere Akzeptanz für vernetzte Lösungen geschaffen werden. Während beispielsweise einige Anwendungen wie die Telemedizin durch Corona an Popularität gewonnen haben, steht man anderen wie der elektronischen Gesundheitskarte oder Patientenakte weiterhin skeptisch gegenüber.
MOB: Wie genau profitieren Patienten, Unternehmen und Organisationen in Zukunft von an die Situation angepassten digitalen Services und einem ver-
netzten Gesundheitssystem?
Bibi: Die Patientenreise hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert: Arztbesuche, Tests, Überweisungen, Medikamente – oft ist die Erfahrung bruchstückhaft. An vielen Stellen erhält man nur unzureichende Informationen oder es mangelt an der nötigen Unterstützung für die schnelle Überwindung einer Krankheit, vor allem, wenn es sich um chronische Probleme handelt. Für Patienten macht ein vernetztes Gesundheitssystem jede Behandlung einfacher und wirkungsvoller. Außerdem kann die Wirksamkeit von Behandlungen nicht nur durch eine optimal abgestimmte Medikamentierung, sondern auch durch digitale Unterstützungsdienste verbessert werden. Diese können beispielsweise dabei helfen Symptome und den Heilungsfortschritt im Auge zu behalten und den behandelnden Arzt und Therapeuten bei Bedarf darüber auf dem Laufenden zu halten. Ein vernetztes Gesundheitswesen garantiert Patienten also eine ganzheitlichere Behandlung und gewährleistet die effektive Koordination aller Gesundheitsdienstleister.
Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.
Ganzheitliche Servicelösungen entlang der gesamten Patientenreise ermöglichen es, neue Einnahmequellen zu erschließen und vor allem das Resultat einer Behandlung für den Patienten zu verbessern. Daten bilden dabei das Rückgrat von Gesundheitsökosystemen und befähigen Organisationen und Unternehmen, bessere Produkte und Dienstleistungen anzubieten und somit optimierte, individuelle Gesundheitsergebnisse zu erzielen. Für Patienten verbessert die Digitalisierung von Prozessen die Effizienz ihrer Behandlung, senkt Kosten für alle Akteure bei schnelleren Erfolgen und reduziert menschliche Fehler. Gleichzeitig sorgen die hohe Diversität und Elastizität eines Ökosystems für mehr Widerstandsfähigkeit und somit für größere Resilienz aller Beteiligten auch bei unvorhergesehenen Ereignissen – wie z.B. einer Pandemie.
Bildquelle: Futurice