Digitale Revolution?

Kulturwandel durch Mobile

Die rasante Verbreitung mobiler Endgeräte hat den Alltag und das Berufsleben vieler Menschen verändert. Doch geht das damit einhergehende Abdriften in digitale Parallelwelten soweit, dass man gar von einem Kulturwandel im Zuge einer digitalen Revolution sprechen kann?

Dass sich das Leben durch die Nutzung mobiler Geräte, Apps und Cloud-Services verändert hat, ist nicht von der Hand zu weisen. So wird sich kaum jemand daran erinnern, wann er das letzte Mal einen Brief mit Papier und Bleistift geschrieben oder per Landkarte navigiert hat. Zugleich haben solche Veränderungen im Kleinen auch Auswirkungen auf das Kollektiv und damit auf das große Ganze. Nicht wenige gehen derzeit gar von einem Kulturwandel in unserer Gesellschaft aus.

Beleuchtet man diese These näher, lohnt sich zunächst ein Blick auf die Begrifflichkeit. Per definitionem steht „Kultur“ zunächst für all das, was der Mensch selbstgestaltend hervorbringt. Darunter fallen geistige Belange wie Sprache, Ethik und Recht, ebenso wie Kunst, Technik, Wissenschaft und Ökonomie. Kultur kann Kontinente überspannen (Okzident, Orient) oder aus bestimmten gesellschaftlichen Gruppen hervorgehen. Auf jeden Fall macht sie einen wichtigen Teil des menschlichen Zusammenlebens aus und ist dabei alles andere als statisch. So gestalten sich heutiger Lebenswandel und Zeitgeist deutlich anders als in früheren Jahrzehnten.

Gemäß dieser Definition wird deutlich, dass mobile Endgeräte und die damit verbundene Verbreitung des mobilen Internets inklusive Apps und Cloud-Services tatsächlich einen Kulturwandel in Gang gesetzt haben. Und zwar in kürzester Zeit – erblickte das erste Smartphone doch unlängst erst, im Jahr 2007, das Licht der Welt. Mittlerweile beeinflussen Devices und das damit verbundene Software-Ökosystem sämtliche Bereiche wie Sprache, Ethik, das Rechtssystem, Ökonomie und die Technik sowieso. Beispiele gefällig?

Voll krass kryptisch

Bereits beim Umstieg der geschäftlichen und privaten Kommunikation von Brief auf E-Mail blieben einige Formalitäten und Höflichkeitsfloskeln auf der Strecke. Doch so richtig flapsig wurde die Sprache erst mit der Verbreitung von Kurznachrichten via Mikroblogging wie Twitter oder Messenger-Diensten wie Whatsapp – eine Flut von Emojis und Emoticons inklusive. Schade eigentlich, dass viele ihre Empfindungen wie Freude, Liebe oder Trauer nicht mehr in Worten, sondern nur noch inflationär mit Smileys ausdrücken können. Parallel dazu scheint die Bildung umfänglicher, grammatikalisch korrekter Sätze ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein. Stattdessen dominieren kryptische Inhalte die Kommunikation mit Geschäftspartnern, Freunden und Familie.

Überspitzt formuliert werden mit der zunehmenden Digitalnutzung Gespräche wohl an sich bald ausgedient haben. Denn Dialoge, Diskussionen oder gepflegte Dispute sind nicht mehr en vogue. Bestens zu beobachten in öffentlichen Verkehrsmitteln kurz vor Schulbeginn bzw. nach Schulschluss. Dann nämlich, wenn Drittklässler mit dem neusten iPhone 6 in der Hand nebeneinander sitzen und sich Nachrichten tippen, anstatt mal eben miteinander zu sprechen.

Soweit die Auswirkungen auf das Kommunikations- und Sprachverhalten. Desweiteren sind gesellschaftliche Werte wie Ethik und Moral vor dem Einfluss der digitalen Welt nicht sicher. So hat sich der Wert von Freundschaft gewandelt. Hunderte von Freunden gewinnt man heutzutage per automatisierter Freundschaftsanfrage und Mausklick. Doch Hand aufs Herz – welcher davon kommt vorbei, um beim Umzug oder bei Renovierungsarbeiten zu helfen? Prof. Dr. Gerald Lembke, Buchautor und Unternehmer, bringt diese Entwicklungen wie folgt auf den Punkt: „Die Nutzung hat das Kommunikationsverhalten verändert. Beziehungen, Kooperationen, Freundschaften werden heute mobil bzw. digital beendet oder angebahnt. Für die Gesellschaft bedeutet dies, dass sich Werte des gegenseitigen Respektes und Umganges miteinander verändern.“ So stört ihn bei der exzessiven Mobilnutzung seiner Mitmenschen denn auch am meisten, dass „immer mehr Menschen immer weniger zuhören können, dauerabgelenkt sind und dem Gegenüber nicht mehr in die Augen schauen“.

Darüber hinaus bleibt unter dem Schutz der Anonymität insbesondere in sozialen Netzwerken der Anstand oftmals auf der Strecke. Verunglimpfungen und Beschimpfungen sind in Facebook- oder Googleplus-Kommentaren eher die Regel als die Ausnahme. Dabei würde sich in der realen Welt doch auch keiner vermummt auf einen öffentlichen Platz stellen und über seine Mitmenschen herziehen. Vielmehr würde ihm der Abtransport durch die Polizei drohen – eine Anzeige wegen Beleidigung, übler Nachrede und öffentlichen Ärgernisses inklusive.

Spätestens an diesem Punkt werden die Auswirkungen der digitalen Welt auf das Rechtssystem deutlich. An vielen Stellen scheint das Internet ein internationaler, rechtsfreier Raum zu sein, in dem jeder tun und lassen kann, was er möchte. Die widerlichsten Beispiele sind die Webforen von Pädophilen, Rechtsradikalen, Kriminellen oder Terroristen. Das von Netzaktivisten viel zitierte „demokratische Internet“ gleicht demnach eher einem anarchistischen System. Andere Beispiele für den Einfluss des Digitalen auf die Juristerei sind die aktuellen Diskussionen um Gesetze zur Vorratsdatenspeicherung oder zum EU-Datenschutz. Bei letzterem geht es im Zuge von Datensammelwut, Big-Data-Analysen und den Machenschaften von Datenkraken um nichts geringeres als um das Recht auf bzw. den Schutz von Privatsphäre.

Der Charme des Analogen

Doch kann man sich den beschriebenen Auswüchsen der digitalen respektive mobilen Welt überhaupt entziehen? Im Job wird dies um Längen schwieriger sein als im privaten Umfeld, werden doch immer mehr Geschäftsprozesse digitalisiert. Geht es um den privaten Rahmen, hat Andre Wilkens ein amüsantes Werk mit dem Titel „Analog ist das neue Bio“ geschrieben. Er beschreibt die Errungenschaften und Vorteile der Digitalwelt, gibt gleichzeitig jedoch auch zu bedenken, dass es keinem schadet, ab und zu dem „Analogen“ den Vorrang zu geben. Er rät beispielsweise zum Basteln, um sich in Fingerfertigkeiten zu üben. Zur Bewegung im Freien, um der eigenen Gesundheit Gutes zu tun. Oder dazu, über einen Flohmarkt bummeln, um mit realen Menschen um reale Gegenstände zu feilschen.

Inwieweit „Analog“ gar wieder ein Trend werden könnte, machen Entwicklungen wie „Digital Detox“ deutlich. Dahinter steckt der bewusste Verzicht auf die Benutzung elektronischer Geräte und Medien – wenn auch nur für einen gewissen Zeitraum. In diesem Zusammenhang gibt es immer mehr Lokalitäten, die ihre Gäste mit folgenden Schildern locken: „No Wi-Fi – talk to each other“, „Kein WLAN, unterhaltet Euch“, „No tenemos Wi-Fi, hablen entre ustedes“, „Ici pas de Wi-Fi, parlez entre vous“...

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Inwiefern dies die US-amerikanischen Internet- und Mobile-Gurus bereits selbst verwirklicht haben, beschreibt Andre Wilkens an einer Stelle seines Buchs. Denn die „digitalen Großmeister im Silicon Valley investieren privat in analog. Ihre Kinder schicken sie auf analoge Schulen ohne Smartboards und Laptops, sondern mit Kopfrechnen und Basteln.“ Daher wundert es kaum, dass im Silicon Valley die Waldorfschulen boomen. Die Kinder der digitalen Elite lernen dort ohne Bildschirme, aber mit viel physischer und menschlicher Interaktion, handwerkliches Arbeiten. Es gibt Wandtafeln mit bunter Kreider, Bücherregale und Bastelmaterial mit Anleitungen, beschreibt Wilkens. Nicht zuletzt gibt Gerald Lembke einen weiteren Hinweis zum vernünftigen Umgang mit Mobilgeräten. Seiner Ansicht nach ist übermäßiger Konsum selten gut, was sowohl für Alkohol und andere Drogen als auch für digitale Medien gelte. „Vielmehr ist die wichtigste Aufgabe, die Grenze zu definieren, an der die Nachteile die Vorteile überwiegen“, so Lembke. Falsch sei hingegen das Prinzip von Ursache-Wirkung: Denn übermäßige Mobilnutzung macht nicht dement, allerdings verändert sie mittel- bis langfristig den zwischenmenschlichen Umgang zum Schlechten.

Abschließend sei bemerkt, dass ein Rundumschlag über den Kulturwandel durch die Verbreitung digitaler Geräte, Medien und Services kaum auf vier Seiten widergespiegelt werden kann. Denn aufgrund der Komplexität des Themas könnte man ganze Bücherreihen damit füllen. Von daher wurde einiges nur kurz angerissen und anderes komplett ausgeklammert, wie z.B. der Einfluss mobiler Endgeräte auf Gesundheit oder menschliches Denken. Darüber werden wir demnächst berichten.

 

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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