Nationaler IT-Gipfel 2014

Kuscheln mit Konzernen

Der nationale IT-Gipfel ist immer ein Erfolg, jedenfalls was schöne Worte betrifft. Nun müssen Taten folgen. Wo ist ein "politischer Unternehmer", der in die digitale Zukunft aufbricht?

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (v.r.n.l.) stellen die Digitale Agenda vor

Die ersten Erfolgsmeldungen sind ja schon vor dem nationalen IT-Gipfel 2014 in Hamburg verkündet worden: Die IT-Branche ist ein Jobmotor, meldet der Branchenverband Bitkom. Sie bietet jetzt nur noch wenig unter einer Million Leuten einen Arbeitsplatz. Insgesamt hat sie in den letzten fünf Jahren für gut 100.000 neue Jobs gesorgt.

Sicher  wird es noch weitere Erfolgsmeldungen geben: Wir sind hier auf dem guten Weg, wir haben da viel erreicht, wir werden dort unsere Stärken weiter entwickeln. Ein guter Politiker kann solche Leerformeln in einer Weise ausdrücken, als habe er jeden einzelnen neuen Job höchstpersönlich den widerstrebenden Wirtschaftsführern aus den Rippen gekratzt.

Doch nicht nur Insider wissen, dass die gute Entwicklung der IT-Unternehmen im engeren und der Digitalwirtschaft im weiteren Sinne nicht wegen, sondern trotz der Politik geschehen ist. Ein deutliches Zeichen dafür ist das Gipfelpodium mit dem pompösen Titel  "Wettbewerbsfähigkeit der digitalen Ökonomie".

Neben den Ministern Gabriel und Dobrindt sowie einer Bitkom-Vertreterin saßen dort lediglich Vertreter großer Unternehmen: Telekom, BMW, Bahn, Alcatel-Lucent, Accenture, SAP, Siemens und IBM. Es werde über die digitale Ökonomie diskutiert, ohne dass ein Internet- oder Startup-Unternehmer mit auf dem Podium ist, kritisiert Florian Nöll, der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Startups e.V. "Das ist leider sehr exemplarisch für die fehlende Offenheit der deutschen (IT-)Industrie gegenüber Startups", kommentiert der Unternehmer auf Facebook.

Mit den Konzernen zu kuscheln ist für Politiker sicher angenehmer, als sich bohrenden Fragen von Jungunternehmern auszusetzen. Nöll und dem Startup-Verband geht es unter anderem um bessere Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Startups.

Digitale Bildung für alle

Doch dies ist nicht die einzige Forderung. Bereits vor einem guten Monat hat der Beirat "Junge digitale Wirtschaft" Handlungsempfehlungen an Wirtschaftsminister Gabriel übergeben. So solle die Politik neben den Finanzierungsbedingungen zum Beispiel einen verpflichtendes Schulfach Informatik einführen, das positive Bild von Unternehmensgründern fördern und die Netzneutralität erhalten.

Auffällig ist, dass sich das Thema Bildung immer wieder in den Wünschen und Forderungen zum IT-Gipfel findet. So fordert Wolfram Jost, CTO der Software AG und Mitglied der IT-Gipfel-Arbeitsgruppe "Bildung und Forschung für die digitale Zukunft", eine digitale Bildungsoffensive. Mit ihr sollen Kenntnisse und Kompetenzen im Bereich der Informationstechnologie im gesamten Bildungssystem vermittelt werden.

Ein weiteres Sorgenkind ist der Breitbandausbau. Wird sich der Staat in irgendeiner Form engagieren? Müssen die großen Telekom-Anbieter nicht dazu verpflichtet werden, flächendeckend Breitbandnetze auszubauen? Wird der IT-Gipfel hierauf Antworten geben? Oder genauer: Wird es konkrete Ziele und Maßnahmen geben?

Denn geredet wird über diese Themen bereits seit Jahren. Zahlreiche IT-Experten fordern, dass jetzt handfeste Aktionen kommen müssen und die digitale Transformation der Wirtschaft mit höherer Geschwindigkeit umgesetzt werden muss.

Die Frage ist allerdings, ob die Politik überhaupt dazu in der Lage ist. Politiker sind in erster Linie ihren Wählern verpflichtet. Doch die werden immer älter und entfernen sich somit immer stärker aus der Digitalwelt.

Auch hier gibt es eine passende Bitkom-Pressemitteilung mit interessanten statistischen Daten:  Nur rund ein Drittel der Deutschen (38 Prozent) verfügt über gute oder mittelmäßige Internetkenntnisse. Im europäischen Vergleich kommt Deutschland damit gerade einmal auf Platz 27 von 31 Nationen.

Dies liegt in erster Linie an den Älteren , die mit Internet und Digitalwelt fremdeln. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist eine zukunftsorientierte (und damit risikoreiche) Politik schwer umzusetzen. Die Parteien benötigen in ihren Reihen dringend  "politische Unternehmer", die die vernachlässigten Interessen der Digitalwirtschaft in ihre Agenda aufnehmen - und danach handeln.

 

Bildquelle: Susanne Eriksson / BMWi

 

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière und Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (v.r.n.l.) stellen die Digitale Agenda vor

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok