Heimlieferung spart Zeit

Lebensmittel-Online-Handel

Interview mit Axel Jahn, Geschäftsführer der Netpioneer GmbH, über das wachsende Angebot des Lebensmittel-Online-Handels und damit verbundene Herausforderungen für den Einzelhändler

Axel Jahn, Netpioneer GmbH

„Derzeit wird im Online-Handel mit frischen Lebensmitteln noch kein Geld verdient“, dennoch sieht Axel Jahn, Geschäftsführer der Netpioneer GmbH, das Potential von Online-Bestellungen in Verbindung mit Lieferservice.

Herr Jahn, fast alles wird im Internet gekauft – außer Lebensmittel. Wird sich dies bald ändern?
Axel Jahn:
Zunächst muss man festhalten, dass auch Lebensmittel bereits im Internet gekauft werden, jedoch in geringem Umfang und bevorzugt in Nischen. Beispielsweise im deutschen Weinhandel, der ein Volumen von ca. 9 Mrd. Euro hat, schätzen Branchenkenner den Online-Handelsanteil auf drei bis fünf Prozent, Tendenz steigend. Dies sind Vorboten, dass der Online-Handel auch im Lebensmittelbereich seinen Anteil erobern wird.

Supermärkte verzeichnen ein dichtes Filialnetz. Wie entsteht die Nachfrage nach Online-Einkäufen und an welche Konsumentengruppe richtet sich das Angebot?
Jahn:
Da der Markt erst entsteht, gibt es darauf keine abschließende Antwort. Tendenzen sind jedoch: erstens der klassische Wiederholungs- bzw. Wocheneinkauf, da Online-Bestellung mit Heimlieferung Zeit spart. Zweitens Firmen, die z.B. frisches Obst, Getränke, Kaffeegebäck etc. online bestellen und liefern lassen. Zunehmend hängen auch Mitarbeiter ihre privaten Bestellungen mit an. Ein dritter Anwendungsfall ist der rezeptgetriebene Online-Einkauf, bei dem ein Rezept und die Anzahl der zu bekochenden Personen gewählt und die Produkte passgenau geliefert werden.

Unterschiedliche Kühlstufen sowie Hygiene-Anforderungen machen die Lieferung doch sicherlich schwierig und teuer. Lohnt sich das Geschäft dann überhaupt?
Jahn:
Derzeit wird im Online-Handel mit frischen Lebensmitteln noch kein Geld verdient. Dennoch engagieren sich zunehmend große Player wie Edeka oder Rewe. Immerhin geht es um ein Volumen von ca. 187 Mrd. Euro, die der deutsche Lebensmittelhandel 2014 umgesetzt hat. Edeka beispielsweise ist bereits Marktführer im Lieferservice in Deutschland, nur noch nicht online. Fast jeder Edeka-Kaufmann besitzt einen Kühlwagen und praktiziert die Lieferung frischer Lebensmittel schon seit vielen Jahren. Für uns ist es nur eine Frage der Zeit, bis man Lebensmittel zu Selbstbedienungspreisen auch profitabel an die Haustür liefern kann.

Vereinzelt gibt es die Möglichkeit, den Einkauf online aufzugeben und die fertig gepackten Tüten im Supermarkt abzuholen. Ist das ein zukunftsfähiges Konzept?
Jahn:
Auch, aber man muss das Konzept größer und von den Kundenbedürfnissen her denken. Auch langfristig wird der Kunde die Lebensmittel überwiegend im stationären Handel erwerben, allerdings ergänzt durch eine Vielzahl an Bestell- und Lieferformen. Dazu zählen auch die Lieferung an Kühlstationen oder in Kühlschränke direkt am Arbeitsplatz.

Wird der Online-Handel – speziell für Lebensmittel – zu einer Bedrohung für den Einzelhandel vor Ort?
Jahn:
Kurzfristig keinesfalls. Aber betrachtet man die Entwicklung in anderen Branchen, ist davon auszugehen, dass auch im Lebensmittelbereich ein wachsender Umsatzanteil auf den Online-Handel entfällt. Dies wird zwangsläufig zu Veränderungen führen, die für den Einzelhandel Herausforderungen bedeuten, denen er sich stellen muss.

Vor welchen Herausforderungen steht der Einzelhandel mit Blick auf das Online-Geschäft?
Jahn:
Die Herausforderungen sind riesig. Eine große Hürde sind alleine schon die Lebensmittel-Informationsverordnung (LMIV) und deren strenge Vorgaben zu den Produktdaten, die im Internet dargestellt werden müssen. Für einzelne Kaufleute ist es faktisch unmöglich, diese Daten aktuell für ihr gesamtes Produkt-sortiment selbst zu erfassen. Dazu kommen komplexe IT-seitige Herausforderungen, von UX-Design bis zur Bestellmöglichkeit per Mobile App etc. Daher werden wohl nur großangelegte Konzepte Erfolg haben. Rewe und Amazon Fresh beliefern z.B. zentral aus regional verteilten Großlagern. Edeka setzt derweil auf eine mandantenfähige Lösung, die jeder Kaufmann direkt nutzen kann. So lassen sich bereits existierende Liefermechanismen nutzen und der Online-Umsatz bleibt bei den Kaufleuten.

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