Die Digitalisierung wird anfassbar

Leuchttürme für das Internet der Dinge

Die Leuchttürme für das Internet der Dinge sind laut Dr. Bettina Horster vom Eco-Verband bereits gesetzt. Jetzt geht es darum, dass möglichst viele Unternehmen folgen, um die flächendeckende IoT-Verbreitung voranzutreiben.

  • Leuchtturm-Projekte für das IoT

    Erste Leuchtturm-Projekte für das Internet der Dinge sollen dessen Verbreitung vorantreiben.

  • Dr. Bettina Horster, Eco–Verband

    Dr. Bettina Horster ist Direktorin IoT/Mobile im Eco – Verband der Internetwirtschaft und Vorstand der Vivai Software AG

Frau Horster, worin liegen Ihrer Ansicht nach die Chancen und Risiken des Internets der Dinge (Internet of Things, IoT)?
Bettina Horster:
Zuerst die Chancen: Das Internet der Dinge ermöglicht Unternehmen u.a. optimierte Prozesse, gesteigerte Produktivität, effizienteren Ressourceneinsatz sowie verbesserte Arbeitsbedingungen. Maschinen, Produkte und Services verschmelzen, sodass komplett neue Geschäftsmodelle entstehen können – die größte Chance ist dabei die Entwicklung völlig autonomer datenbasierter Systeme, die ohne menschliches Zutun Prozesse regeln, zum Beispiel Bestellungen auslösen basierend auf bestimmten Nachfrageermittlungen. Der vielzitierte Kühlschrank, der Waren selbst bestellen kann ist ein Beispiel – wenn auch kein gutes.

Die Diskussion über neue, digitale Geschäftsmodelle ist häufig sehr abstrakt. Sie zeigt aber die großen Chancen beim Internet der Dinge. Industrieunternehmen – gerade in Deutschland – nutzen das IoT zur Optimierung und Verbesserung von Fertigungsprozessen. Das bedeutet: Die Anwender gehen das Thema gegenwärtig noch nicht strategisch (Top-Down) an, sondern größtenteils ausgehend von konkreten Anwendungsfällen eher projektbezogen (Bottom-Up). Man kann sagen: Das europäische Prinzip basiert darauf, bestehende Wertschöpfungsketten zu optimieren. Mehr Gewinn erreicht man aber eher durch einen strategischen Top-Down-Ansatz und der beruht auf der Nutzung der Daten. Dies ist für mich immer der amerikanische Weg à la Amazon, Uber, Air BnB etc. Denen geht es nicht um die getunten Prozesse – sie wollen aus den Daten und den Netzwerkeffekten neue Geschäfte generieren.

Risiken: Nachdem die Unternehmen jahrelang alles dafür getan haben, ihr Know-how und ihre Daten als Betriebsgeheimnisse zu hüten, sollen sie diese plötzlich im Rahmen neuer datenbasierter Geschäftsmodelle anderen zur Verfügung stellen. Das weckt Ängste und birgt Risiken. Hinzu kommt, dass die vernetzten Dinge oft nicht ausreichend gegen Cyberkriminalität geschützt sind und dass sich durch das IoT Arbeitsplätze stark verändern werden. Hier wird sehr häufig die Angst geschürt. Aber wie immer bei Innovationen ergeben sich durch die neuen Möglichkeiten auch neue Arbeitsplätze.

Wie lange wird es dauern, bis sich das Internet der Dinge hierzulande flächendeckend durchgesetzt hat?
Horster:
Wir stehen gerade erst am Anfang der Entwicklung und beginnen mit der Prozessoptimierung, neuen Produkten und Services. Insofern wird das noch länger dauern, bis sich das IoT flächendeckend durchsetzt. Aber die Leuchttürme sind gesetzt und wenn die Unternehmen sehen, wie gut diese funktionieren, werden sie folgen.

Was sind die Hemmnisse und was die Treiber für diese Entwicklung?
Horster:
Die intelligente Vernetzung von Dingen kann nur durch transparente offene Zusammenarbeit erreicht werden – hersteller- und branchenübergreifend. Doch die Unternehmen sind teilweise misstrauisch, haben Angst vor Kontrollverlust, wenn sie ihre Lösung in ein Gesamtsystem einbinden und fürchten, dass Kern-Know-how an Wettbewerber gelangt. Viele reden vom IoT – aber noch zu wenige gehen konkrete Projekte an, weil sie nicht wissen, wie sie diese am besten umsetzen. Oft fehlt meiner Erfahrung nach zudem die notwendige Investitionsbereitschaft und das Management verfolgt die Pläne nicht intensiv genug.

Technisch gesehen wurden viele Hürden im Bereich IoT bereits genommen und exzellente Voraussetzungen geschaffen: Die Kommunikationsnetze haben einen viel größeren Datendurchsatz als früher und der Datentransfer wird immer billiger. Die Sensorik ist sehr günstig geworden und Rechner können riesige Datenmengen fast in Echtzeit bearbeiten, kostengünstig speichern und mit anderen teilen.

Inwiefern müssen sich heutige öffentliche Netze (Internet) und Unternehmensnetze verändern, um die schnelle Übertragung millionenfacher IoT-Daten zu gewährleisten?
Horster:
Die Netze sind grundsätzlich bereit, um den IoT-Herausforderungen zu entsprechen, zumal Betreiber mit großer Datenlast ihre eigenen Netze aufgebaut haben, um die Daten selbst prioritär verarbeiten zu können. Darüber hinaus startet derzeit eine neue Netzgeneration: In Südkorea und den Niederlanden haben Anbieter kürzlich landesweit eine IoT-Infrastruktur basierend auf LoRaWAN-Technik bereitgestellt, die hohe Reichweiten und einen niedrigen Energieverbrauch verspricht. Hier werden sicherlich weitere Länder folgen.

Was kommt damit auf die Netzbetreiber zu? Mit welchen neuartigen Betreibermodellen können klassische Telkos und Provider im IoT-Umfeld punkten?
Horster:
Provider können im IoT-Umfeld kaum punkten, da keiner über einen globalen Footprint verfügt, wodurch die Kunden für einen weltweiten Roll-out mit verschiedenen Anbietern zusammenarbeiten müssen. Netzbetreiber bieten zwar eigene IoT-Systeme, aber die aussichtsreichsten, erfolgversprechendsten Anbieter von IoT-Plattformen sind aus unserer Sicht Microsoft, IBM, Bosch SI und SAP HPC.

Welche ethischen und moralischen Herausforderungen kommen im Zuge der Verbreitung des Internets der Dinge auf Gesellschaft und Politik zu?
Horster:
Wie bei jedem Technologiesprung ändert sich auch beim Internet der Dinge unsere Arbeitswelt. Einerseits kann das IoT Arbeitsbedingungen verbessern und durch automatisierte Abläufe Jobs übernehmen, die kein Mensch machen will oder für die es einfach zu wenige Arbeitskräfte gibt. Andererseits kann das gerade für Menschen mit keiner oder schlechter Ausbildung dazu führen, dass eine technische Lösung ihre Arbeit übernimmt.

Überwachung ist beim IoT ein großes Thema. Durch den ständigen Funkkontakt kann etwa der Hersteller nun genau sehen, wann der Kunde die Maschine wie nutzt und ob er vielleicht etwas daran verändert/manipuliert hat. Der Mitarbeiter wird gläsern, im Logistikbereich beispielweise lassen sich Extrapausen, Umwege für private Erledigungen oder nicht abgestimmte Arbeitszeiten ermitteln. Die Regelungen für Datenschutz und -sicherheit müssen ebenso wie Konzepte für die Übertragung, Speicherung und Auswertung der riesigen Informationsmengen erarbeitet werden.

Im Zuge der Verbreitung des Internets der Dinge und der damit verbundenen „totalen Vernetzung“ entstehen für Dritte (u.a. Hersteller, Dienste-Anbieter, Cyber-Kriminelle, staatliche Institutionen) unzählige Möglichkeiten, an Nutzerdaten zu gelangen. Inwiefern kann dabei der Schutz von Privatsphäre und die Einhaltung des Datenschutzes aufrechterhalten werden?
Horster:
Europa kann mit seiner Datenschutz-Grundverordnung punkten: Es kann ein Markenzeichen der europäischen Unternehmen mit IoT-Geschäftsmodellen werden, dass sie Datenschutz sehr ernst nehmen und sauber und ordentlich mit personenbezogenen Daten umgehen.

Wenn alles um uns herum ständig Daten sendet, ist es schwierig, den Überblick zu behalten. Doch jeder sollte die Chance haben zu bestimmen, wer wann wo wie oft zu welchem Zweck seine Daten abrufen und nutzen darf. Wir fänden es gut, wenn der Kunde mit seinen Daten nicht für die Nutzung eines Services zahlt, sondern wenn er in Form von Revenue Sharing fair an den Ergebnissen beteiligt wird und etwas zurückerhält.

Oder andersherum gefragt: Wie können sich Nutzer im Internet der Dinge künftig vor dem Missbrauch ihrer Daten schützen und die Hoheit über ihre digitale Identität behalten?
Horster:
Nutzer sollten darauf achten, dass sie mit europäischen Unternehmen zusammenarbeiten, die gesetzlich verpflichtet sind, ordnungsgemäß mit den Daten umzugehen. Teilweise fällt es aber schwer festzustellen, wer alles Zugriff auf die Daten hat und dann können die Nutzer sich kaum wehren. Sie sollten vielleicht darüber nachdenken und ein Gefühl entwickeln, ob ihnen die App so wichtig ist, dass sie sich gläsern machen. Zudem sollte man Unternehmen belohnen, die ordentlich und transparent mit Datenverarbeitung und -speicherung umgehen.

Bildquellen: Thinkstock/iStock, Eco

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